27.01.2022

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20.12.03 / 27.12.03 / Immanuel Kant und seine Sternstunden / Hans-Jürgen Mahlitz zum bevorstehenden 200. Todestag des Königsberger Philosophen und Kosmologen

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 20. u. 27. Dezember 2003


Immanuel Kant und seine Sternstunden
Hans-Jürgen Mahlitz zum bevorstehenden 200. Todestag des Königsberger Philosophen und Kosmologen

So gibt mir der Anblick eines bestirnten Himmels, bei einer heitern Nacht, eine Art des Vergnügens, welches nur edle Seelen empfinden. Bei der allgemeinen Stille der Natur und der Ruhe der Sinne redet das verborgene Erkenntnisvermögen des unsterblichen Geistes eine unnennbare Sprache.

Es muß wohl in einer jener klaren, kalten, typisch ostpreußischen Winternächte gewesen sein, damals, vor zweieinhalb Jahrhunderten, auf dem Rittergut derer von Hülsen, in Groß-Arnsdorf, unweit der Hauptstadt: Wie immer, wenn der Himmel von Wolken unverhüllt war, zog es den jungen Immanuel Kant hinaus ins Freie. Immer aufs neue staunende Blicke warf er hinauf zum Firmament, voller Begeisterung und in dem stolzen Wissen, daß er diese strahlende Pracht dort oben durchschaute, daß er wußte, was sich hinter den funkelnden Lichtpunkten verbarg.

In wenigen Monaten würde er nach Königsberg zurückkehren, in seine Heimatstadt, wo ihn Jahre zuvor sein Lehrer Martin Knutzen durch ein Teleskop hatte blicken lassen. Seither sollte der Universalgelehrte, der in seinem langen, fast achtzigjährigen Leben sich nahezu allen Wissenschaften zuwandte, einer stets die Treue halten: der Astronomie, genauer, der Kosmologie.

In jenem Winter 1753, als Kant sich nach sechsjähriger Privatlehrerzeit von der Provinz und ihrem so klaren Sternenhimmel zu verabschieden begann, hatte er gerade ein umfangreiches Manuskript fertiggestellt, mit dem Titel Naturgeschichte und Theorie des Himmels. Wieder einmal überwältigt von dem himmlischen Schauspiel (und wohl auch von seinen eigenen kühnen Gedanken), beschloß er, sich mit dieser Schrift um einen Lehrstuhl an der Albertina zu bewerben - und diesem Unterfangen Nachdruck zu verleihen, indem er das Manuskript dem König im fernen Berlin widmete.

Doch der Plan stand unter keinem guten Stern. Der Verleger Johann Friedrich Petersen, der Kants Erstlingswerk zum Druck annahm, ging ein Jahr später pleite. Und Friedrich II. war zu der Zeit mit wichtigeren Dingen beschäftigt. Er wollte nicht den Himmel erobern, sondern durchaus Irdisches. Für den Waffengang gegen Österreich, Rußland und Frankreich brauchte er gutgerüstete Soldaten; an Kosmologen, Philosophen und Astronomen bestand kein dringender Bedarf. So gilbte die Theorie des Himmels im versiegelten Lager des bankrotten Verlegers vor sich hin - naturwissenschaftliche Weltliteratur unter Ausschluß der Öffentlichkeit.

Bis 1770 mußte Kant auf die ersehnte Ordent-liche Professur an der Königsberger Universität warten. Und als er am 12. Februar 1804, zwei Monate vor dem 80. Geburtstag, in seiner Geburtsstadt verstarb, war sein astronomisch-kosmologisches Frühwerk vollends in Vergessenheit geraten. Dafür hatte er sich Weltruhm erworben mit Werken wie der Kritik der reinen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft und Kritik der Urteilskraft.

Schon 14 Jahre nach seinem Tod feiert das siebenbändige Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände (Stuttgart, 1818) den größten Sohn Königsbergs so:

Kant (Immanuel), geboren zu Königsberg den 22sten April 1724, wo er anfangs Theologie studirte, später als akademischer Lehrer (1755) auftrat, seit 1770 als Professor der Logik lebte, und bis zu seinem Tode (12. Febr. 1804) in dem Dienste der Wahrheit unablässig wirksam war. Sieht man aber auf die Art und Größe seiner Wirksamkeit, mit welcher er in dem Gebiete des philosophischen Wissens eine heilsame Revolution bewirkt, und durch sie allen folgenden Denkern den freieren Weg zur Wahrheit gebahnt hat; sieht man ferner auf das ausgebreitete Wissen und die Mannichfaltigkeit der Kenntnisse, welche sein Geist umfaßte, und endlich auf den Ernst seines sittlichen Charakters, mit welchem sich bei ihm die heiterste Geselligkeit verband, so dürfen wir mit Recht behaupten: er gehörte der Welt und Menschheit an. Kant war ein an Leib und Seele ganz trockener Mann. Magerer, ja dürrer, als sein kleiner Körper hat vielleicht nie einer existirt; kälter, reiner in sich abgeschlossen, wohl nie ein Weiser gelebt. Eine hohe, heitere Stirn, seine Nase und helle, klare Augen, zeichneten sein Gesicht vortheilhaft aus. Aber der untere Theil desselben war dagegen auch der vollkommenste Ausdruck grober Sinnlichkeit, die sich bei ihm besonders im Essen und Trinken übermäßig zeigte. Er war ein angenehmer Gesellschafter, der durch ausgebreitete Belesenheit, auch einen unerschöpflichen Vorrath von unterhaltenden Anekdoten, die er ganz trocken erzählte, und durch echten Humor jede Gesellschaft aufheiterte. Kant's Gesellschaft wurde um so mehr von den angesehensten Familien gesucht, da er sich durch die vollkommenste Rechtlichkeit und durch den echten Stolz, der ihm als einem der tiefsten Denker, die je die Menschheit geehrt haben, wohl anstand, überall in hoher Achtung zu erhalten wußte, auch im Äußern sehr stattlich erschien. Er liebte auch das Kartenspiel, und brachte nicht gern einen Abend ohne seine kleine L'Hombre-Parthie zu.

Es folgt eine seitenlange Würdigung seines philosophischen und erkenntnistheoretischen Gedankengebäudes. Kants kosmologische Erkenntnisse hin- gegen werden in dem Beitrag mit keinem einzigen Wort erwähnt.

Daran sollte sich für die nächsten hundert Jahre nichts ändern. Kant wurde als der große deutsche Denker verehrt, erstaunlicherweise auch von vielen Menschen, die nie eines seiner Werke gelesen haben (und, hätten sie es versucht, seinen komplizierten Gedankengängen wohl auch kaum hätten folgen können - die Kritik der reinen Vernunft zählt nun einmal nicht gerade zu den Bestsellern der Unterhaltungsliteratur).

Im Jahre 1924, 120 Jahre nach Kants Tod, geschah dann etwas, das mit Königsberg und seinem großen Philosophen nichts zu tun zu haben schien: Dem amerikanischen Astronomen Edwin P. Hubble gelang es erstmals, die Entfernung des Andromeda-Nebels zu bestimmen, etwa eine Million Lichtjahre. Später zeigte sich, daß es sogar 2,2 Millionen Lichtjahre sind (das heißt, ein Lichtstrahl braucht von dort bis zu uns Erdenmenschen 2,2 Millionen Jahre).

Damit stand fest: der kleine verschwommene Flecken am Firmament ist keineswegs ein Sternenhaufen am Rande unserer Galaxie, der Milchstraße, sondern selber eine Galaxie, mit Milliarden von Sonnen und Planeten. Fest stand auch: Immanuel Kant hatte recht, als er, in der Mitte des 18. Jahrhunderts, die von ihm wahrgenommenen Erscheinungen als ferne "Welteninseln" interpretierte.

Doch es sollte noch einmal ein halbes Jahrhundert vergehen, bis Kant, der größte Philosoph Ostpreußens, auch als einer der größten Kosmologen der weltweiten Wissenschaftsgeschichte Anerkennung fand. 1965 hatten zwei Amerikaner, Arno Penzias und Robert Wilson, eher zufällig die kosmische Hintergrundstrahlung entdeckt, das Echo des Urknalls, aus dem vor 14 Milliarden Jahren das Universum entstanden war. Vor einigen Jahren enthüllte der Forschungssatellit COBE unscheinbare, aber höchst bedeutungsvolle Ungleichheiten in dieser Strahlung. Das war der Schlüssel zum Verständnis, wie aus der superheißen und superdichten Ursuppe stets gleiche Strukturen wie der Verbund von Erde und Mond, unser Sonnensystem mit seinen Planeten, schließlich Sternhaufen, Galaxien, Galaxienhaufen, vielleicht gar unendlich viele Universen entstanden.

Sensationelle Neuigkeiten? Sensationell ja, aber keineswegs neu. Erinnern wir uns an jenen jungen Privatlehrer in der ostpreußischen Provinz, der sich vor 250 Jahren gleichermaßen für den prachtvollen Sternenhimmel über ihm und sein gerade fertiges Manuskript daheim in der Schublade begeisterte. Zu recht, wie wir heute wissen: In diesem Werk stand schon alles drin, was heutige Astronomen mit gigantischem Aufwand experimentell bestätigen: Die Welt ist, von den kleinsten, subatomaren Strukturen der Materie bis zu den unendlichen Weiten der Universen, nach einer immer gleichen Ordnung aufgebaut, immerwährende Folge eines schier unglaublichen Schöpfungsaktes.

Kant brauchte weder Computer noch Satelliten, er brauchte nur seinen Verstand, um zum geistigen Vorläufer sowohl des Fraktal- und Chaos-"Papstes" Benoit Mandelbrot als auch des Kosmologen Stephen Hawkings zu werden (heute in Cambridge Inhaber des Lukasischen Lehrstuhls des von ihm so sehr verehrten Isaac Newton). So ist er nicht nur der größte Denker Königsbergs - er ist einer der größten Geister der Menschheit. Und die kosmologischen Theorien seines Frühwerks sind für ihn bis zu seinem Tode Quelle und Richtschnur seiner gesamten philosophischen und moralischen Gedankenwelt geblieben. Folgerichtig knüpfte seine Kritik der praktischen Vernunft da an, wo seine Theorie des Himmels fünfzig Jahre vorher begonnen hatte:

Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.