17.01.2022

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20.12.03 / 27.12.03 / Kuriose Geschichte an der böhmisch-österreichischen Grenze

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 20. u. 27. Dezember 2003


Buchbesprechung. Doppelte Vertreibung
Kuriose Geschichte an der böhmisch-österreichischen Grenze
von Ekkehard Schultz

in der unmittelbaren Folge des Zweiten Weltkrieges dürfte es kaum eine zweite solch kuriose Entwicklung gegeben haben, wie sie sich in einem schmalen Grenzstreifen zwischen Südböhmen und Niederösterreich abspielte.

Menschen, die innerhalb weniger Tage ihr Zuhause zwangsweise verlassen mußten, deren nahe Verwandte als vermeintliche "Nazikollaborateure" hingerichtet oder von Partisanen und Revolutionsgarden erschossen worden waren, erhielten schon wenige Monate später vom Verursacherstaat die Aufforderung, sich wieder in ihre Heimatgemeinden zu begeben. Dort sollten sie die ehemalige Staatsbürgerschaft sowie ihre beschlagnahmten Häuser und Grundstücke zurückerhalten.

In der 1919 dem neuen tschechoslowakischen Staat zugesprochenen Weitraer Region wurde das Unglaubliche Wirklichkeit. Dieser Episode und ihrer Vorgeschichte hat sich der aus der Slowakei stammende Historiker Jan Mlynarik in seiner Studie "Fortgesetzte Vertreibung - Vorgänge im tschechischen Grenzgebiet 1945-1953" angenommen. Im ersten Teil widmet sich der Autor, der für seine mutige, vorurteilsfreie Erforschung der Vertreibungsereignisse bereits seit Jahrzehnten bekannt ist, der historischen Besiedelung der westlichen Weitra-Region. Dabei weist er nach, daß selbst in der Hochphase des Nationalismus des späten 19. Jahrhunderts für diejenigen, die sich in dem armen und unwirtlichen Grenzstreifen angesiedelt hatten, ethnische Bekenntnisse keine Rolle spielten.

Über Jahrhunderte hinweg war in Schwarzbach, Witschoberg, Beinhofen, Tannenbruck, Rottenschachen, Gundschachen, Erdweis und weiteren kleinen Gemeinden und Weilern eine Bevölkerungsstruktur gewachsen, für die jede einfache Zuordnung der Begriffe "deutsch" oder "tschechisch" unmöglich ist.

Man verständigte sich mit Elementen beider Sprachen. In den letzten Jahrzehnten des Habsburgerreiches erfolgte der Grundschulunterricht fast ausschließlich in deutscher, die Predigten in den Kirchen aber überwiegend in tschechischer Sprache.

Zum ersten Aufbrechen dieser Strukturen kam es erst mit dem beginnenden Industriezeitalter. Zwar blieb das Weitraer Land im Gegensatz zu den nordböhmischen oder nordmährischen Regionen von den rasanten technischen Entwicklungen so gut wie unberührt, doch der Bau der "Kaiser-Franz-Josephs-Bahn" von Wien über Gmünd nach Budweis und Prag (1866-1869) führte nicht nur zum Anschluß an den "Weltverkehr".

Da die Stationen zunächst der Prager Direktion unterstanden und diese den Einsatz eigener "Landsleute" förderte, kam es zu einem stärkeren Zuzug aus den innerböhmischen Regionen. Andererseits war durch den Eisenbahnbau die Voraussetzung zu einem stärkeren Austausch mit den östlichen Gebieten des niederösterreichischen Waldviertels bis in das Wiener Becken geschaffen worden.

Weitaus schwerwiegender war jedoch, daß mit der Industrialisierung zugleich das Zeitalter der Statistiken Einzug hielt. Nunmehr war auch die Zusammensetzung einer Bevölkerung in einzelnen Provinzen von statistischem Interesse - eine Entwicklung, die vor dem Waldviertel nicht Halt machte. Zwar war der überwiegende Teil des damals erhobenen Zahlenmaterials wenig aussagekräftig, allein schon wegen der ungenügenden Erfassungsmethoden. Dies sollte jedoch später weder in nationaler Hinsicht radikale Tschechen noch Deutsche daran hindern, solche Daten zur selektiven Stützung eigener Interessen einzusetzen.

Wie wenig die Zahlen, die nach dem Kriterium der Umgangssprache seit 1880 erhoben wurden, über die Bevölkerungsstruktur dieser Gegend aussagten, wird bereits an einem einzigen der vom Autor angeführten Beispiele deutlich.

Obwohl man zwischen 1880 und 1930 nur geringfügige Wanderungsbewegungen verzeichnete, bekannten sich zum Beispiel in der Gemeinde Rottenschachen 1880 1628 Einwohner als Tschechen und 171 als Deutsche. Nur zwei Jahrzehnte später war bereits eine formale Parität hergestellt (1003 Deutsche, 1002 Tschechen).

Wiederum zehn Jahre später bekannten sich 1663 Einwohner als Deutsche und lediglich 339 als Tschechen. Nach dem Anschluß der Gemeinde an Böhmen im Jahr 1920 gab es erneut ein völlig anderes Bild: In der Volkszählung von 1921 bezeichneten sich 1725 Personen als Tschechen und nur 141 als Deutsche, 1930 gar 1626 als Tschechen und lediglich noch zehn als Deutsche.

Auf der Pariser Friedenskonferenz im Februar 1919 wurde solches Zahlenmaterial von der tschechoslowakischen Delegation als "Beweis" für die These von der "jahrhundertelangen Zwangsgermanisierung" der "Weitraer Österreicher" unter den Habsburgern vorgelegt.

Tatsächlich verbarg sich hinter der Forderung, speziell die Stadt Gmünd als Eisenbahnknotenpunkt einem "tschechischen Korridor" zuzuschlagen, ein Wunsch der tschechoslowakischen Industrie. Am 10. September 1919 wurde dann im Friedensvertrag zu St. Germain der westliche Teil des Weitra-Gebietes mit den Vorstädten von Gmünd der CSR übergeben.

Aus dem Gmünder Bezirk betraf dies die Orte Schwarzbach, Witschoberg, Beinhofen, Tannenbruck mit der Ortschaft Obora, Erdweis mit der Siedlung Sophienwald, Zuggers, Naglitz, Weißenbach, Wielands und Böhmzeil, aus dem Schremser Bezirk Rottenschachen mit den Siedlungen Abbrand, Wohoskahäuser, London, Paris und Mooshäuser sowie Gundschachen.

Am 31. Juli 1920 kam es zur vollständigen Übernahme dieses Gebietes durch die tschechoslowakische Staatsverwaltung. Doch die selbst nicht befragten neuen "Böhmen" machten sich bei der tschechischen Administration der Zwischenkriegszeit wenig beliebt.

Während ihrer jahrhundertelangen Zugehörigkeit zu Österreich hatten sich enge familiäre Beziehungen in die übrigen Teile des Waldviertels sowie in den Wiener Raum gebildet. Obwohl sich in der Volkszählung von 1921 eine klare Mehrheit als tschechisch deklarierte, verspürten die Einwohner eine ähnliche - wenngleich oft wenig faßbare - Benachteiligung wie die Masse der sich zur deutschen Nationalität bekennenden Bewohner der sudetendeutschen Grenzgebiete. So erschwerten etwa Finanzwachen, Zollbeamte und Bürokratie den häufigen "Grenzgängern" das Leben und waren nur eine Ursache dafür, daß eine schnelle Integration der Bevölkerung nicht gelang. Dazu trug in erheblichem Maße auch die angespannte ökonomische Lage bei. Mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise verschlechterte sich diese noch weiter. War seit den 1860er Jahren die Gesamtzahl der Bewohner der Region langsam, aber stetig gestiegen, so setzte gegen Ende der 1920er Jahre sogar ein Rückgang ein.

Unter diesen Voraussetzungen ist es nachvollziehbar, daß sich nach der Abtretung des Sudetenlandes im Oktober 1938 und der Besetzung Böhmens und Mährens im März 1939 bei einer erneuten Volkszählung im westlichen Weitraer Gebiet auf einmal eine Mehrheit zur deutschen Nationalität bekannte.

Ein Signal für eine etwaige Identifizierung mit der nationalsozialistischen Herrschaft war das sicherlich nicht. Die Zahl der NS-Parteigänger und höheren Führungskader blieb während der kurzen Zeit des Dritten Reich unterdurchschnittlich gering.

Trotzdem wurde dieses Verhalten nach 1945 der "deutschen" Einwohnerschaft auf grausamste Art vergolten. Gebrandmarkt als "Staatsfeinde", "Nationalsozialisten", "nationale Verräter" und "Deutsche", wurden allein in Schwarzbach am 24. Mai 1945 von einem "Volksgericht" 14 Bewohner wegen des "Verrats an der Tschechoslowakischen Republik" zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die Zahl der von tschechischen Partisanenverbänden ohne jedes Urteil Ermordeten erreichte erschreckende Dimensionen. Ende Mai 1945 wurden innerhalb weniger Tage über 90 Prozent der Bevölkerung zum größten Teil in "wilden" Vertreibungen in das benachbarte Österreich gejagt.

Doch nur ein halbes Jahr später, Ende 1945, setzte sich in Teilen der neuen tschechoslowakischen Regierung die Auffassung durch, daß die Mehrzahl der Vertriebenen Personen "tschechischer Nationalität" gewesen seien, die sich bloß "unter Zwang zur deutschen Nationalität oder Staatsangehörigkeit" bekannt hätten.

Anfang 1946 entschloß sich vor diesem Hintergrund eine spezielle Prager Regierungskommission zu einer "Rückrufaktion". Diese vermochte beachtliche Teile der angestammten Bevölkerung zur Wiederkehr zu bewegen.

Doch daheim angekommen, waren die Rückkehrer keineswegs willkommen. Die lokalen Behörden störten sich schon deshalb an ihnen, weil diese an der Organisation der Vertreibung entscheidend mitgewirkt hatten. Noch unfreundlicher reagierten jene "Volksverwalter", die sich des verlassenen Eigentums bemächtigt hatten. Die staatlich verfügten Rückgaben nahmen sie nur widerstrebend hin; häufig verstand man es sogar, diese Anordnungen erfolgreich zu hintertreiben.

Somit war auch nach der Rückkehr der Leidensweg der Menschen aus der nordwestlichen Weitraer Region nicht beendet. Nach dem kommunistischen Putsch von 1948 erschienen sie als geeignete Sündenböcke und mußten bis 1953 erneut - und diesmal dauerhaft - das Zuhause verlassen, um ins Landesinnere umgesiedelt zu werden. Die Weitraer Heimatregion durften sie bis Ende der 70er Jahre nicht mehr betreten.

Jan Mlynarik: "Fortgesetzte Vertreibung - Vorgänge im tschechischen Grenzgebiet 1945-1953", 480 S., Herbig-Verlag, München 2003, Euro 39,90

"Nationale Verräter": Für Wahnideen aus Prag und Berlin mußte die westlich von Gmünd/Niederösterreich lebende Bevölkerung gleich mehrfach leiden (unten: sudetendeutsche Flücht-linge Mai 1945)