17.01.2022

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20.12.03 / 27.12.03 / Als Berlin noch eine Kunstmetropole war / Das Käthe-Kollwitz-Museum in Köln zeigt Selbstbildnisse aus der Sammlung Feldberg

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 20. u. 27. Dezember 2003


Als Berlin noch eine Kunstmetropole war
Das Käthe-Kollwitz-Museum in Köln zeigt Selbstbildnisse aus der Sammlung Feldberg

Während das Museum Ludwig der Stadt Köln vorwiegend auf die westliche moderne Kunst eingestellt ist und der deutsche Osten, aber auch die Künstler aus Köln stiefmütterlich behandelt werden, setzt sich das Käthe-Kollwitz-Museum, eine Stiftung der Kölner Kreissparkasse, nicht nur für die Namensgeberin des Museums ein, sondern baut mit seinen Sonderausstellungen auch Brücken zum deutschen Osten und den von da stammenden Künstlern auf. Erwähnt seien die Ausstellungen des Kölner Museums: die Kollwitz-Sammlung des Dresdner Kupferstichkabinetts (1989), "die erstmals in dieser Geschlossenheit außerhalb der DDR vorgestellte Sammlung von Weltrang", die "Ateliergemeinschaft Klosterstraße Berlin 1933-1945" (1994) und "300 Jahre Kunstsammlung der Akademie der Künste Berlin" (1996). Nun übernimmt das Käthe-Kollwitz-Museum bis 25. Januar die Ausstellung "Selbstbildnisse der 20er Jahre" (ehemals Sammlung Dr. Siegbert Feldberg) des Landesmuseums Berlinische Galerie.

Die Ausstellung lenkt die Blicke in eine Zeit, da die Reichshauptstadt Berlin auch Kunstmetropole war. Im Ausstellungskatalog (168 Seiten mit zahlreichen ganzseitigen Abbildungen, Preis 15 Euro) erfährt man aus den Künstlerbiographien, daß alle Autoren dieser Selbstbildnisse ständig oder vorübergehend an der Spree gelebt haben. Die Hochschule für Bildende Künste zog viele junge Künstler an, natürlich die hervorragende Kunstszene und die vielen Ateliers der Reichshauptstadt mit ihren Verbänden Novembergruppe und Berliner Secession. Mancher Künstler emigrierte nach 1933, weil er als "Entarteter" oder aus rassischen Gründen verfolgt wurde und Mal- und Ausstellungsverbot erhielt oder auch, weil sein Atelier und seine Existenz durch die Bombardierung der Alliierten zerstört wurde. Viele kehrten nach dem Krieg nach Berlin zurück und lebten bis zu ihrem Tode in der geteilten Stadt. Genannt seien Arthur Degner, Karl Eulenstein und natürlich Käthe Kollwitz aus Ostpreußen, Moritz Melzer und August W. Dressler aus Böhmen, Lesser Ury aus der Provinz Posen, Heinrich Hauser aus Stralsund, Conrad Felixmüller und Max Dungert aus Sachsen, Willy Jaeckel aus Breslau, Carl Hofer und Alexander Kanoldt aus Karlsruhe, Lis Bertram und Otto Schoff aus Barmen und andere mehr.

Neben den Künstlern aus dem ganzen Deutschen Reich fallen die vielen Ausländer in dieser Ausstellung auf. Dabei sind die Blicke fast ausschließlich auf Osteuropa gerichtet; Harry Deierling (1894 Philadelphia/USA - 1989 Berlin-Ost) macht eine Ausnahme. Es sind Künstler aus Rußland, Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn und Rumänien vertreten, aus Österreich Oskar Kokoschka, der kurze Zeit in Berlin weilte. Seine Farblithographie, die sein Gesicht expressionistisch entstellt, fällt als einziges Exponat aus der Reihe der naturalistischen Selbstbildnisse - vom Impressionismus bis zur Neuen Sachlichkeit - heraus.

Wie kam es zu dieser originellen und einmaligen Sammlung der Selbstbildnisse? Siegbert Feldberg, Doktor der Jurisprudenz und der Politikwissenschaften und Mitinhaber einer Firma für Herrenbekleidung in seiner Geburtsstadt Stettin mit Filiale in Berlin, verfolgte in den 20er Jahren der Inflation in Deutschland die Idee eines Tauschhandels: Waren aus seiner Fabrik gegen Kunst. So half er bedürftigen Künst- lern, andererseits baute er sich eine Sammlung von 150 Kunstwerken auf, darunter 72 Selbstbildnisse. Daß diese Sammlung vornehmlich Arbeiten naturalistischen Stils beinhaltet, mag an Feldbergs Geschmack liegen, dem auch die Expressionisten weitgehend entgegenkamen. Die meisten Porträts sind Darstellungen en face bzw. in Dreiviertelansicht. Heinrich Ehmsens Profil ist eine Seltenheit. Rar sind auch die Porträts von Künstlerinnen (Anot-Jacobi, Lis Bertram, Ines Wetzel und Käthe Kollwitz), stammten die Tauschobjekte doch aus einer Firma für Herrenbekleidung. Die Tuschzeichnung der Königsbergerin entstand 1891, im Jahr ihrer Heirat mit dem Arzt Karl Kollwitz und der Übersiedlung nach Berlin. Es ist das einzige Blatt, das lange vor den "Selbstbildnissen der 20er Jahre" geschaffen wurde. Nachdenklich bedeckt sie ihre Stirn; die Hand, den Kopf stützend oder vor die Wange haltend, ist Attribut auch für den Ostpreußen Franz Domscheit, den Siebenbürger Sachsen Ernst Honigberger und den Danziger Fritz Meseck. Pfeife und Zigarette spielen bei etlichen eine wichtige Rolle. Natürlich haben sich auch manche Maler vor der Staffelei, mit Pinsel und Palette, dargestellt: Heinrich Ehmsen, Conrad Felixmüller, Michel Fingesten, Ludwig Meidner, Jakob Steinhardt und Hans Uhl, ferner "Im Atelier" von Harry Deierling und "Mit Modell" von Issai Kulvianski und Erich Heckel.

Dr. Siegbert Feldberg, der einer deutsch-jüdischen Familie in Stettin entstammte, emigrierte 1934 nach Indien. Nach dem Krieg kehrte er zurück. Seine Kunstsammlung überstand unbeschadet die vielen Jahre, sie sollte nach Feldbergs Wunsch an den Ort ihrer Entstehung zurückkehren. Nach seinem Tode erwarb die Berlinische Galerie diese Kostbarkeiten. Zu begrüßen ist nun die Ausstellung im Kölner Käthe-Koll- witz-Museum, wird dem westlichen Publikum doch Gelegenheit geboten zu erkennen, wie hoch Kunst und Kultur einst in Berlin und Ostdeutschland standen. Günther Ott

Käthe Kollwitz: Selbstbildnis (Feder und Pinsel/ Tusche, um 1891) Foto: Katalog