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20.12.03 / 27.12.03 / Er war immer ein Mann des Volkes / Ernst Moritz Arndt und Rügen

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 20. u. 27. Dezember 2003


Er war immer ein Mann des Volkes
Ernst Moritz Arndt und Rügen
von Silke Osman

Heute ist Ernst Moritz Arndt, dieser Kämpfer für Freiheit und Einheit, der einmal bekannte, "immer ein Mann des Volkes, nicht der Paläste gewesen zu sein", in weiten Kreisen unseres Volkes vergessen. Seine Werke, meist nur noch in historischen Seminaren gelesen, wer- den mancherorts als überholt angesehen, ohne zu bedenken, daß Arndt in seiner Zeit für seine Zeit geschrieben hat. Arndt-Forscher Karl Heinz Schäfer hat die Bedeutung des Pommern einmal so umrissen: "Sein vorbehaltloser öffentlicher Einsatz für die eigene politische Überzeugung und sein optimistisches Bemühen um die politische Erziehung des ganzen Volkes bleiben als publizistische Haltung beispielhaft. Sie machen Arndt jenseits der unterschiedlichen Beurteilung seines politischen Programms zu einem der profiliertesten und wirkungsvollsten deutschen Publizisten."

Ein Mann, der Ost und West gleichermaßen verbindet, bedingt durch seinen Lebenslauf; ein Mann aber auch, dessen Verse, obwohl kein Dichter im eigentlichen Sinn, seinerzeit in aller Munde waren: Ernst Moritz Arndt, Theologe, Historiker, Publizist, vor allem aber Kämpfer für die Einheit Deutschlands und Gegner Napoleons. Am 2. Weihnachtstag des Jahres 1769 wurde er in Groß-Schoritz auf der Insel Rügen als zweites von zehn Kindern eines damals noch leibeigenen schwedischen Untertans geboren. - Die Insel Rügen gehörte, wie weite Teile des Landes, zu der Zeit noch zu Schweden.

Seine Schulzeit verbrachte Arndt in Stralsund und nahm dann zunächst ein Theologiestudium in Greifswald und Jena auf. Für kurze Zeit wirkte er als Hauslehrer bei dem mit ihm befreundeten Pfarrer Kosegarten auf Rügen. Dann jedoch zog es den Pommern in die Ferne; zu Fuß erwanderte er sich Ungarn, Florenz, Paris und Schweden, bis er sich in Greifswald niederließ und Philosophie, Geschichte und Sprachen studierte. Schließlich wurde er 1805 an der dortigen Universität zum außerordentlichen Professor ernannt.

Erstes Aufsehen erregt Arndt, der später einmal bekannte: "Ich liebe die Menschen!", mit seiner Schrift "Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen", die vor 200 Jahren erscheint. Er beklagt aufs heftigste die Lebensumstände der leibeigenen Bauern, die sich, wollen sie sich loskaufen, hoch verschulden müssen. Oft müßten zwei Familien in einer Stube wohnen. "Man begreift nicht, wie so ein Mensch bei seinem Lohn, welcher höchstens 10 bis 11 Thaler ausmacht, sich mit Weib und Kindern durchhilft." 1806 wird denn auch, nicht zuletzt aufgrund dieser Schrift, der Mißstand endlich behoben. In seinen kämpferischen Büchern "Geist der Zeit" (1806-1818) prangert Arndt weitere Mißstände an, so vor allem die Tyrannei Napoleons in Europa. Vor den Franzosen muß er schließlich nach Schweden fliehen, wo er als politischer Schriftsteller eine Zeitschrift herausgibt.

1809 endlich kehrt er nach Preußen zurück und folgt 1812 dem Ruf des Freiherrn vom Stein nach Petersburg. Dort entwirft er feurige Texte für Flugblätter und Aufrufe, um das Volk im Kampf gegen den Unterdrücker zu stärken. Im Januar 1813 folgt Arndt vom Stein nach Königsberg, das er am Abend des 21. Januar von Gumbinnen aus erreicht. "Stein versammelte hier", so erinnert sich Arndt später, "die preußischen Würdenträger und angesehensten Männer; unter ihnen voranzustellen: der ehemalige Mini- ster Graf Alexander zu Dohna und der Präsident von Schön."

Arndt wohnt in dieser Zeit bei dem Präsidenten Nicolovius und schreibt gerade in Königsberg viele seiner bedeutendsten Werke, so seinen "Katechismus für den deutschen Kriegs- und Wehrmann", das Lied "Was ist des Deutschen Vaterland?". Allem Hochgefühl der anstehenden Befreiung zum Trotz ist Arndt doch von dem Elend und Leid der Menschen tief beeindruckt, dem er im Königsberg dieser Wochen des Jahres 1813 begegnet: "Denn groß war auch hier die Not und das Elend. Lazarette voll gefangener und verwundeter Franzosen, auch Lazarette von Russen und Preußen, Durchfuhren von unglücklichen Gefangenen weiter gegen Osten; auch hier knarrten die stillen Leichenwagen durch die Gassen, und viele der Einwohner wurden die Opfer der Seuchen. So schlichen mitten in der Wonne der Befreiung Jammer und Tod als finstere Gesellen umher ..."

Begeistert jedoch zeigt sich Arndt von der Opferbereitschaft der Ostpreußen. "Glücklich, wenn in allen Landen deutscher Zunge die Heimat von solchen Herzen geliebt, von solchen Köpfen und Fäusten verteidigt und verherrlicht würde!"

"Hier in Königsberg", so Arndt, "wurden von mir und vielen andern deutschen Zugvögeln, die noch ein bißchen Herz in der Brust hatten, wahrhaft königliche und kaiserliche Tage verlebt; noch klopft mir nach einem Vierteljahrhundert mein unterdes kälter gewordenes Blut bei dieser Erinnerung mit verdoppelten Schlägen. Diese Freudenbezeugungen empfing man doch mit anderem Herzen als die in Petersburg. Es ist ein prächtiges deutsches Volk, die Preußen, besonders die Ostpreußen und was dort von den Salzburgern stammt; sie haben beide Feuer und Nachhaltigkeit, und was sie als Geister vermögen, hat die Literatur in ihre unsterblichen Register eingetragen ..."

Ende März 1813 schon verläßt Ernst Moritz Arndt das gastliche Königsberg wieder. 1817 wird er als Professor für neuere Geschichte an die Bonner Universität berufen; dort jedoch wird ihm im Rahmen der Demagogenverfolgungen die Lehrerlaubnis für 20 Jahre entzogen (1820-1840). Erst von Friedrich Wilhelm IV. erhält er seinen Lehrstuhl zurück und wird zum Rektor der Universität gewählt. 1848 zieht er als Zentrumsabgeordneter in die Frankfurter Paulskirche ein. Unzufrieden mit dem dort Erreichten, tritt er aus der Nationalversammlung aus und wirkt wieder als Hochschullehrer. Am 29. Januar 1860 stirbt Ernst Moritz Arndt in Bonn.

Zeit seines Lebens hat Arndt, der so viel von der damaligen Welt sah, seine Heimat Rügen nicht aus dem Herzen verbannt. "Ich denke so oft mit Sehnsucht an mein schönes mütterliches Eiland und an so viele treue und gute Menschen, auch an so viele Gefreundte, an welche die innigsten Bande des Bluts mich knüpfen; aber wo werde ich bleiben? Wahrscheinlich nicht, wo Gott mich geboren werden ließ. Mein Schicksal steht nicht mehr in meiner Hand; ich muß dahin, wo mir Arbeit bereitet ist", schreibt er 1815 von Berlin aus an Charlotte von Kathen. Hans-Joachim Hacker, Leiter des Stadtarchivs Stralsund, hat nun für den Hinstorff Verlag eine Sammlung mit Texten Arndts zusammengestellt, die sich mit seiner engeren Heimat Rügen, mit seiner Kindheit, seiner Jugend und späteren Besuchen auf der Insel befassen (Ernst Moritz Arndt, Rügen. Hrsg. Hans- Joachim Hacker. Hinstorff Verlag, Rostock. 120 Seiten, geb. mit Schutzumschlag, einige sw Abb., 14,90 Euro). Erinnerungen an längst vergangene Tage, Briefe an Freunde lassen ein Bild von Rügen lebendig aufscheinen, wie es in der bildenden Kunst sonst nur bei Caspar David Friedrich zu finden ist. Die Krönung findet sich in den Versen "Sehnsucht nach Rügen":

Fern von dem Heimathlande

Steht Haus und Grab am Rhein

Nie werd' an Deinem Strande

Ich wieder Pilger sein.

Drum grüß' ich aus der Ferne

Dich, Eiland, lieb und grün:

Sollst unter'm besten Sterne

Des Himmels ewig blühn!

Caspar David Friedrich: Kreidefelsen auf Rügen (Öl, um 1818)