27.01.2022

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
20.12.03 / 27.12.03 / "Leben spenden" / DKMS - zwölf Jahre Arbeit für die Stammzellentransplantation

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 20. u. 27. Dezember 2003


"Leben spenden"
DKMS - zwölf Jahre Arbeit für die Stammzellentransplantation 
von F. Möbius

Jedes Jahr zur Weihnachtszeit stellen sich die Menschen im Lande dieselbe Frage: "Was soll man schenken? Werde ich meiner Verantwortung anderen gegenüber gerecht?"

Dabei gibt es doch diverse Möglichkeiten, das Weihnachtsfest bewußt zu einem wirklichen "Fest der Liebe" zu machen - durch die Bereitschaft, anderen zu helfen, zum Beispiel an Leukämie Erkrankten, mit einer Knochenmarkspende.

Alle 45 Minuten erkrankt in Deutschland ein Mensch an Leukämie. Bei der Hälfte der Betroffenen handelt es sich um Kinder und Jugendliche. Für viele von ihnen bietet die Stammzellentransplantation die einzige Chance auf Heilung - vorausgesetzt, man findet einen passenden Spender. Die Wahrscheinlichkeit, innerhalb der Familie einen passenden Spender zu finden, beläuft sich auf maximal 30 Prozent, das heißt, man ist in den meisten Fällen auf die Hilfe von Fremdspendern angewiesen.

Hier setzt die Arbeit der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) an, die mit ihren über 1.000.000 registrierten Spendern inzwischen die weltweit größte Spenderdatei darstellt. Das Hauptanliegen dieser Organisation ist der kontinuierliche Aufbau einer Datei, um möglichst vielen Leukämiepatienten eine neue Chance auf Leben zu geben.

Diese intensive Aufbauarbeit trägt nunmehr Früchte des Erfolgs, kann doch inzwischen für rund 75 Prozent der Betroffenen ein passender Spender gefunden werden. Diese Zahl bedeutet aber auch, daß jeder vierte Patient vergeblich wartet.

Neben dem Ausbau der Datei arbeitet die DKMS daran, die Qualität sowie die Effizienz der Vermittlung von Spendern zu verbessern. Zu diesem Zweck wurde vor zwei Jahren ein eigenes Labor in Sachsens Landeshauptstadt Dresden eingerichtet. Eine weitere, nicht unwesentliche Aufgabe besteht in der Aufklärung der Bevölkerung über die Chancen der Stammzellentherapie für Leukämiekranke, da aufgrund von Unkenntnis und mangelhafter Information nicht alle Patienten die Möglichkeiten einer Stammzellentransplantation erhalten.

Dabei ist der erste Schritt doch so einfach. Nur fünf Milliliter Blut und eine schriftliche Einverständniserklärung sind zur Registrierung in der Spenderdatei nötig. Voraussetzung für eine Stammzellentransplantation ist die nahezu hundertprozentige Übereinstimmung von sechs bestimmten Gewebemerk-malen zwischen Spender und Empfänger.

Bei der ersten Registrierung werden anhand der Blutprobe zunächst nur vier dieser Merkmale bestimmt. Stimmen diese Merkmale bei einem Patienten und einem potentiellen Spender überein, so werden auch die weiteren zwei Merkmale überprüft. Bei einem positiven Ergebnis folgen, mit Zustimmung des Spenders, weitere Tests. Verlaufen diese auch posi- tiv, erfolgen ein abschließender gründlicher Gesundheitscheck und eine letzte Aufklärung durch den Arzt.

Nun kommt die Stunde der Wahrheit für den Spender - er muß verbindlich erklären, ob er mit der geplanten Stammzellenspende einverstanden ist. Sobald diese Erklärung vorliegt, gibt es kein Zurück mehr - jetzt wird der Erkrankte auf die Transplantation vorbereitet, das heißt, sein noch vorhandenes Knochenmark wird zerstört. Sollte jetzt der potentielle Spender sein Angebot zurückziehen, bedeutete dieses den sicheren Tod des Patienten.

Den Anstoß zur Gründung der DKMS gab 1991 das Schicksal der leukämiekranken Mechthild Harf, die eine Stammzellentransplantation benötigte. Da ein bundesdeutsches Spenderverzeichnis noch nicht existierte und die Suche in ausländischen Dateien zu zeitintensiv und wenig erfolgversprechend gewesen wäre, starteten ihr Ehemann Dr. Peter Harf und ihre beiden Kinder verschiedene Aktionen, um einen Spender zu finden.

Um diese Situation zu verbessern, wurde im selben Jahr die DKMS in Tübingen gegründet. Bereits im ersten Jahr ihrer Existenz konnten 68.000 mögliche Spender in die Datei aufgenommen wer- den. Im Jahre 1997 konnten ganze sieben Stamm-zellenüber- tragungen von DKMS-Spendern ermöglicht werden. Mittlerweile werden täglich rund drei Transplantate an Patienten im In- und Ausland vermittelt.

Auch bekannte deutsche Persönlichkeiten haben sich als Mitglieder in der Datei registrieren lassen, so unter anderem Dagmar Berghoff (ehemalige Tagesschausprecherin), Prof. Dr. Kurt Biedenkopf (ehemaliger Ministerpräsident Sachsens), Norbert Blüm (ehemaliger Bundesminister für Arbeit und Soziales), Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin (ehemalige Bundesjustizministerin), Heike Drechsler (Weltmeisterin im Weitsprung), Heike Henkel (Olympiasiegerin im Hochsprung), "Die Toten Hosen" (deutschsprachige Rockband), Friedrich Merz (stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion), Laurenz Meyer (CDU-Generalsekretär) oder Horst Seehofer (stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion).

Es ist so leicht, ein gutes und sinnvolles Werk nicht nur zu Weih-nachtszeit zu vollbringen und "Leben zu spenden". Man übernimmt die Verantwortung für ein anderes Leben und hat die Möglichkeit, dieses zu verlängern.

Die Gewinnung von Stammzellen

Es gibt heutzutage zwei unterschiedliche Möglichkeiten, wie Stammzellen gewonnen werden können: Zum einen die "klassische" Methode der Knochenmarkentnahme aus dem Beckenknochen (nicht aus dem Rückenmark). Denn gerade im Beckenknochen werden die Stammzellen, auf die es ankommt, gebildet. Mit Hilfe von Punktionsnadeln werden diese aus dem hinteren Beckenknochen entnommen. Dies geschieht unter Vollnarkose.

Die andere Möglichkeit zur Gewinnung besteht in der peripheren Stammzellenentnahme. Dem Spender wird hier über mehrere Tage ein körpereigener hormonähnlicher Stoff verabreicht. Dieses Medikament stimuliert die Produktion der benötigten Zellen im peripheren Blut, welche dann über ein spezielles Verfahren aus dem Blut gewonnen werden.

Welches Verfahren angewandt wird, richtet sich unter anderem nach den Belangen des zu transplantierenden Patienten. Dabei werden Spenderwünsche nach Möglichkeit berücksichtigt. Eines haben beide Methoden gemeinsam: es ist bei den Gewebemerkmalen immer eine Übereinstimmung von nahezu 100 Prozent zwingend erforderlich.

Keine Angst vor Nadeln: Die periphere Stammzellenentnahme ist eine nichtoperative Methode zur Gewinnung der benötigten Zellen.

Dieser kleine chirurgische Eingriff rettet vielleicht ein Leben: Die Knochenmarkentnahme erfolgt aus dem Beckenkamm, und nicht aus dem Rückenmark, wie landläufig angenommen.

Gibt es ein schöneres Geschenk auf der Welt? Zwei Jahre nach der Transplantation besteht die Möglichkeit für Spender und Empfänger, sich persönlich kennenzulernen. Zeichnungen (3): DKMS

Bestimmung von Gewebemerkmalen

Die Methoden zur Bestimmung der Gewebemerkmale werden immer differenzierter, und die Zahl der analysierten und lokalisierten Gewebemerkmale hat sich im Laufe der Jahre des Bestehens der DKMS ungefähr verdreifacht.

Durch die feinere Bestimmung können einerseits die Merkmale von Spender und Patient noch besser auf ihre Verträglichkeit verglichen werden; andererseits verlangt diese genauere Unterscheidung eine noch höhere Anzahl an möglichen Spendern, um eine Übereinstimmung von fast 100 Prozent erreichen zu können.

Heute ist man in der glück-lichen Lage, über 90 Lebenschancen im Monat zu vermitteln. Insgesamt konnten DKMS-Spender bereits über 5.000mal neue Hoffnung auf eine gesundes Leben schenken.

Ausschlaggebende Kriterien für eine erfolgreiche Transplantation sind die schon erwähnten sechs unterschiedlichen Gewebemerkmale im Blut.

Die Kombination dieser Merkmale unterscheidet sich regional, das heißt, je weiter die örtliche Herkunft des Patienten und die der Spender auseinanderliegt, um so stärker zeigen sich Unterschiede. Für einen Erkrankten mit familiären Wurzeln in Süddeutschland ist die Wahrscheinlichkeit höher, in Süddeutschland selbst einen passenden Spender zu finden als beispielsweise an der Nordseeküste.

So hat auch jede ethnische Gruppe ihre eigenen typischen Gewebemerkmalskombinationen. Die Wahrscheinlichkeit, außerhalb der eigenen Volksgruppe einen Spender zu finden, ist deshalb sehr gering.

Wer kann Stammzellenspender werden?

Zu Spendern werden können grundsätzlich alle Menschen, die ausschließlich in Deutschland leben, zwischen 18 und 55 Jahre, in guter körperlicher Verfassung, mindestens 50 Kilogramm schwer und gesund sind. Das heißt, bestimmte gesundheitliche Voraussetzungen müssen erfüllt sein. Diese Einschränkungen werden zum Schutz des Spenders, aber natürlich auch zum Wohle des Patienten gemacht.

Nicht aufgenommen werden unter anderem Personen:

I. die jünger als 18 oder älter als 55 Jahre sind, die weniger als 50 Kilogramm wiegen oder aber stark übergewichtig sind

II. mit bestimmten Erkrankungen

- des Herz-Kreislaufsystems: wie zum Beispiel koronare Herzkrankheit, Herzinfarkt, Herzschwäche, behandlungsbedürftige Herzrhythmusstörungen, schlecht eingestellter Bluthochdruck

- der Atemwege: wie zum Beispiel schweres chronisches Asthma (regelmäßige medikamentöse Therapie), chronische Bronchitis, Lungenfibrose, Lungenembolie

- des Blutes, Blut-Gerinnungssystems oder der Blutgefäße: wie zum Beispiel autoimmunbedingte Anämien, Hämophilie A (Bluterkrankheit), tiefe Venenthrombose

- der Psyche und des Zentralnervensystems: wie zum Beispiel behandlungsbedürftige Depressionen, Psychosen, Schizophrenie, Epilepsien, Multiple Sklerose

- des Autoimmunsystems: wie zum Beispiel Rheumatoide Arthritis (Rheuma), Kollagenosen, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa

- der endokrinen Drüsen: wie zum Beispiel Diabetis mellitus, Morbus Basedow

- die als bösartig gelten (Krebserkrankungen)

- die infektiös sind: wie zum Beispiel Hepatitis B oder C (auch wenn ausgeheilt), chronische Borreliose.

III. mit einer Fremd-Organtransplantation beziehungsweise Fremd-Gewebetransplantation: wie zum Beispiel Niere, Herz, Haut, Hornhaut, Hirnhaut, Achillessehne

IV. die an einer Suchterkrankung leiden: wie zum Beispiel Alkohol oder sonstige Drogen sowie Medikamente

V. die einer sogenannten Risikogruppe angehören (nach den Richtlinien der Bundesärztekammer).