27.01.2022

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20.12.03 / 27.12.03 / Das Beste kam zuerst / 2003: Die Darsteller waren fabelhaft, die Inszenierung zeigte aber Schwächen<br>

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 20. u. 27. Dezember 2003


Das Beste kam zuerst / 2003: Die Darsteller waren fabelhaft, die Inszenierung zeigte aber Schwächen
Der Jahresrückblick mit Hans Heckel

Am Anfang war Saddam, ihm gebührte daher auch der Schlußapplaus dieses grandiosen Jahres. Wird es nun langweilig ohne ihn? Kaum zu befürchten: In Berlin liegen die Requisiten für ein spannendes 2004, wie Haushaltslöcher und halbe Sachen, schon bereit.

Das Weihnachtsgeschenk ist häßlich, zottig und zählt zu dem Gemeinsten, was rumläuft. Dennoch konnte die Amerikaner nichts heftiger entzücken, als diesen Höhlenmenschen unter ihrem Tannenbaum zu sehen. Denn was da müffelt, ist der Duft des Sieges, es ist die Ruine Saddams.

Endlich hat mal was geklappt in diesem Jahr. Für George Bush waren es anstrengende zwölf Monaten, obschon 2003 gerade für ihn mit so großen Hoffnungen begonnen hatte. Für uns Deutsche weniger. Hierzulande breitete sich schon im Januar ein ziemlicher Gestank aus. Er quoll aus gammeligen Blechdosen, die unsere Kioskbesitzer ab sofort hinter der Theke horten mußten. Das "Dosenpfand" hatte uns gerade noch gefehlt zur schlechten Januar-Laune, blickten wir Anfang 2003 doch bereits auf einen Herbst 2002 zurück, der unseren Kanzler nicht eben euphorisch ins neue Jahr schreiten ließ. Als Chaos-Kanzler hatten sie ihn verspottet, ein fieser "Steuersong" brummte dem Regierungschef noch in den Ohren. Schlimm war für Schröder, daß er seine besondere Begabung, nämlich nichts zu tun - dies aber mit bedeutender Geste -, 2002 gar nicht recht hatte anwenden können. Der anfängliche Beifall für den Hannoveraner hatte sich seit der Bundestagswahl 2002 schnell in giftiges Gezeter verwandelt.

Dann kamen Bush, Rumsfeld und ihre Freunde und retteten den Kanzler - wie zuvor schon bei den Wahlen. Mit der ansteigenden Kriegsangst wuchs bei Rot-Grün nach der Jahreswende die Hoffnung, abermals groß rauszukommen. Die Hände in den Schoß zu legen, das war nun plötzlich wieder große Politik: einfach nein sagen zum Irak-Feldzug - und man war ein Held. Hilfreich war, daß sich die Bush-Männer alle Mühe gaben, ihre Motive zum Waffengang so trübe wie irgend möglich erscheinen zu lassen. Hinter moralischen Tiraden gaffte kaum verdeckt der schnöde Eigennutz aus Washingtons Gebaren. Am 11. Januar bemerkten wir:

"Während hastige Uno-Waffeninspekteure kurz davor stehen, Saddams Mülltonnen nach massenvernichtenden Speiseresten zu durch- wühlen, wächst bei Iraks potentiellen Kriegsgegnern der Appetit auf die Beute von Tag zu Tag. Ankara kramt in seinen Truhen mit der Hoffnung, Ansprüche auf das irakische Öl aus der Zeit des Osmanischen Reiches (!) aufzustöbern. Die New York Times meldet, daß sich die USA nach dem Sturz des Bag-dader Despoten als erstes der dortigen Ölfelder annehmen wollen." Eine todsichere Mission, denn daß der damals noch glitzernde Diktator nach dem Krieg stürzen würde, war eigentlich klar. (Daß er in ein drekkiges kleines Loch fallen sollte, ist eines solch passionierten Blutsäufers allerdings unwürdig. Etwas dramatischer hätten wir uns das schon gewünscht.)

Doch vor dem irakischen Alleinherrscher wurde zunächst ein anderes Schmuckstück der Geschichte ein Raub der Ratten: die deutsch-amerikanische Freundschaft. Beinahe schien es, als wolle sich Berlin in die Rolle der Franzosen als europäisches Lieblings-Haßobjekt der USA mit aller Macht hineindrängen. Denn Frankreich hielt sich, bei allen Beteuerungen der Kriegsunlust, zu Jahresbeginn noch ein Hintertürchen offen. Sieben kontinentaleuropäische Staaten hingegen drehten Berlin bereits eine Nase und krochen den USA frech unter den Rock, ohne uns zu fragen. Waren wir jetzt isoliert? Mag sein, war unsere Einschätzung im Februar - aber warum auch nicht, denn: "Bündnisse sind eine anstrengende Sache. Ständig diese quälenden Konsultationen und komplizierten Kompromisse, die so schlecht auf Wahlplakate passen und nie wirklich Stimmen bringen wollen. Dem Gewürge hat der Kanzler nun ein Ende gemacht und kräftig ausgemistet im Augiasstall unserer internationalen Verbindungen. Der Erfolg ist beeindruckend. Nachdem Schröder zuletzt sieben weitere europäische Staaten zum (amerikanischen) Feind hinübergescheucht hat, wo sie hingehören, ist unsere diplomatische Landkarte schon fast wieder so übersichtlich wie im April 1945."

Das sollte sie aber nicht bleiben. Unsere Ex-Favoritin USA wollte uns in Erinnerung an vergangene Harmonie denn doch nicht so ganz allein stehen lassen und begann uns zuliebe, die Franzosen immer hemmungsloser zu beschimpfen. Die reagierten erwartungsgemäß empfindlich. Kurz entschlossen erschien Jacques Chirac im Saal der strammen Kriegsgegner (in dem Schröder und Fischer bislang recht einsam herumgedöst hatten), schubste den Kanzler vom Kopfende des Tisches und bölkte los: Die osteuropäischen Länder, die zu den Amis übergelaufen waren, hätten "eine wunderbare Gelegenheit verpaßt, den Mund zu halten". Das hatte Stil, von dem sich sogar die Russen betören ließen - die Polen sollen den Rand halten: so etwas hätte sich der Kreml schöner nicht ausdenken können.

Washington ließ sich von der hier entstandenen "Achse" indes nicht irre machen. Schon vor dem Kriegsausbruch am 20. März wurden Pläne für weitere Ausflüge geschmiedet, von denen wir uns am 15. März gänzlich einnehmen ließen: "Die Anti-Amerikaner behaupten unablässig, den USA gehe es nur ums irakische Öl. Blödsinn, warum nur ums irakische? Öl gibt es doch auch anderswo, gleich nebenan im Iran beispielsweise. Das ist auch Bushs Außenminister Powell nicht verborgen geblieben, und so stellte er vergangenes Wochenende betont überrascht fest: ,Wir haben diese Woche erfahren, daß Iran ein wesentlich aggressiveres Nuklearprogramm hat, als die internationale Atomenergiebehörde gedacht hätte.' Na also!" Schon freuten wir uns auf die Befreiung von Persern und Syrern, wenn die Iraker erst einmal in einer Nacht- und Nebelaktion ins Glück gebombt worden sind.

Es kam bekanntlich anders. Viele, zu viele Iraker wollen ihr irdisches Glück bis heute gar nicht fassen und ziehen das Heil im Jenseits vor, wohin sie etliche hundert Befreier bereits mitgenommen haben. Das hat bei den Amis auf die Stimmung gedrückt. Zudem nahmen selbst enge Verbündete der USA die herrlich schauerlichen Erzählungen von den Massenvernichtungswaffen mit wachsender Widerwilligkeit auf, weil Bushs Suchtrupps das Zeug in dem orientalischen Durcheinander partout nicht finden konnten. Der dieser Tage aus seinem Maulwurfshaufen gebuddelte Saddam dürfte der Glaubwürdigkeit weiteren Abbruch tun: Dieser Zausel soll die Bedrohung der Welt gewesen sein?

CDU-Chefin Merkel ist davon überzeugt. Ihr war die Geschichte von Anfang an unheimlich. Sie machte sich große Sorgen um unsere internationalen Beziehungen und vermißte die Wärme der Supermacht schmerzlich, wie wir im Frühjahr herausfanden: "Berlin müsse eine ,Balance' zwischen den Verbündeten in Paris und Washington finden (fordert Merkel). Genial: Derweil sich Franzosen und Amerikaner unausgesetzt ins Gesicht spucken, werden wir Deutschen uns genau zwischen die beiden ,balancieren' - und der ganze Segen wird unser sein."

Der Irak-Krieg war nach kurzer Zeit (offiziell) zu Ende, die USA setzten eine respektable Übergangsregierung ein, besetzt mit "allerlei engagierten Demokraten" wie dem in Jordanien steckbrieflich gesuchten "Geschäftsmann" Achmed Chalabi. So wurde uns die Außenpolitik bald langweilig.

Glücklicherweise schaffte die Innenpolitik schnell reichlich Ersatz: Was sich in Berlin abspielte, wurde derart spannend, daß sich sogar historische Schwergewichte der jüngeren europäischen Vergangenheit dafür interessierten. Der "Reformherbst" schickte schon seine Strahlen voraus, da meldeten wir euphorisch: "Michail Gorbatschow hat sich in die deutsche Debatte eingeschaltet und wagte die weisen Worte, die SPD sei ,zum Erfolg ihrer Agenda 2010 verurteilt'. Der Mann hat Erfahrung mit Reformen. Auch er stülpte sein Land kräftig um mit dem Ziel, das System (des Kommunismus) wieder flott und das Land (die Sowjetunion) zukunftsfähig zu machen. Als der Staatsmann damit fertig war, gab es die Sowjetunion nicht mehr, der Kommunismus war tot, er selbst saß im Stubenarrest auf der Krim und durch Moskau rollten die Panzer der Putschisten. Schröder muß dem braven Russen eine eigene Regierungskommission an die Hand geben."

Kommissionen hatten wir damals erst magere 54, dafür wimmelte es im Land von großen Persönlichkeiten, die das politische Leben dieses Jahr kräftig aufgemischt haben. Einer von ihnen, Jürgen Möllemann, erlöste seine Feinde indes eigenhändig von seiner Anwesenheit, einer seiner Hauptwidersacher ist von seinem letzten Kokain-Trip im Puff nicht mehr heil heruntergekommen: Michel Friedman. In der Hitze des Hochsommers kochte schließlich Ronald Schill über, und die strahlende Hansestadt Hamburg machte plötzlich einen bedenklich schmierigen Eindruck. Innensenator Schill soll gedroht haben, "mit Bettkantengeschichten über den Bürgermeister (Beust) auf Tournee zu gehen", berichteten wir entsetzt. Darauf stieß der Hamburger Stadt-Chef seinen Schill in die Elbe. Zu Ende war die Geschichte damit lange nicht, wie wir heute wissen. Doch im Volk machte sich daraufhin eine gewisse Depression breit.

Aus der hat uns Finanzminister Hans Eichel gerettet: je mehr sich die Blätter verfärbten, desto bunter wurden auch seine Etatentwürfe. Die Berechnungen gingen am Ende den gleichen Weg wie das farbenfrohe Laubwerk und vermoderten in den Pfützen der rauhen Wirklichkeit. Berufspessimisten nutz- ten die Gelegenheit schamlos aus und begannen, an der moralischen Glaubwürdigkeit der Politiker zu nagen, als Anfang November der Rettungsring geflogen kam, aus Fulda. Ein CDU-Abgeordneter hatte eine Rede gehalten, auf der sich genug Mißverständnisse ausbrüten ließen, um damit ein ganzes Waffenlager an moralischer Überlegenheit zu füllen. Wer wollte da noch von Etats und so was reden. Die Medien hatten, wie einst mit dem Irak-Krieg, auf einmal etwas Besseres gefunden, um Wallung zu erzeugen. Die rot-grüne Regierung konnte aufatmen. Jetzt ging es aufs Ganze: Appelle, Entrüstungen, Mahnungen, Warnungen, Enthüllungen - nur Lichterketten haben noch gefehlt, da platzte die Nachricht herein, daß Antisemitismus laut EU-Studie vor allem ein Problem von muslimischen Zuwanderern sei. Schade, aus war's. Gegen "Migranten" lichterkettet man nicht.

War dies nun ein gutes Jahr oder ein schlechtes. Für Saddam Hussein gewiß ein schlechtes, ein gutes hingegen für die deutschen Spediteure. Verkehrsminister Stolpe ließ die alten Autobahn-Vignetten einstampfen, obwohl sein neues Mautsystem im Fiasko endete. Die Transportunternehmer zahlen zur Zeit also gar keine Fahrgebühren. Das Desaster ist um so erstaunlicher, als daß sich der Minister nach jüngsten Berichten in Sachen "Überwachung" besser auskennen sollte, als er selber zugibt. Vielleicht ist es ja Taktik. Die Deutschen werden glauben: Wer nicht mal Lastwagen zählen kann, kann unmöglich bei der Stasi gewesen sein. Was sollten die mit so einem?

Uns hat 2003 viele heitere Stunden bereitet, obschon es dramaturgisch mäßig war: In guten Groschenromanen passiert das Span- nendste am Schluß, 2003 hatte das meiste Pulver bereits im Juni verschossen. Für das neue Jahr sind wir aber zuversichtlich: Bis raus ist, daß die Steuerreform verpuffen wird, Eichels Haushaltszahlen faul sind und die EU-Osterweiterung uns alle in die Pleite treibt, haben wir mindestens schon Mai. N

Das Weihnachtsgeschenk ist häßlich, zottig und zählt zu dem Gemeinsten, was rumläuft. Dennoch konnte die Amerikaner nichts heftiger entzücken, als diesen Höhlenmenschen unter ihrem Tannenbaum zu sehen. Denn was da müffelt, ist der Duft des Sieges, es ist die Ruine Saddams.

Endlich hat mal was geklappt in diesem Jahr. Für George Bush waren es anstrengende zwölf Monaten, obschon 2003 gerade für ihn mit so großen Hoffnungen begonnen hatte. Für uns Deutsche weniger. Hierzulande breitete sich schon im Januar ein ziemlicher Gestank aus. Er quoll aus gammeligen Blechdosen, die unsere Kioskbesitzer ab sofort hinter der Theke horten mußten. Das "Dosenpfand" hatte uns gerade noch gefehlt zur schlechten Januar-Laune, blickten wir Anfang 2003 doch bereits auf einen Herbst 2002 zurück, der unseren Kanzler nicht eben euphorisch ins neue Jahr schreiten ließ. Als Chaos-Kanzler hatten sie ihn verspottet, ein fieser "Steuersong" brummte dem Regierungschef noch in den Ohren. Schlimm war für Schröder, daß er seine besondere Begabung, nämlich nichts zu tun - dies aber mit bedeutender Geste -, 2002 gar nicht recht hatte anwenden können. Der anfängliche Beifall für den Hannoveraner hatte sich seit der Bundestagswahl 2002 schnell in giftiges Gezeter verwandelt.

Dann kamen Bush, Rumsfeld und ihre Freunde und retteten den Kanzler - wie zuvor schon bei den Wahlen. Mit der ansteigenden Kriegsangst wuchs bei Rot-Grün nach der Jahreswende die Hoffnung, abermals groß rauszukommen. Die Hände in den Schoß zu legen, das war nun plötzlich wieder große Politik: einfach nein sagen zum Irak-Feldzug - und man war ein Held. Hilfreich war, daß sich die Bush-Männer alle Mühe gaben, ihre Motive zum Waffengang so trübe wie irgend möglich erscheinen zu lassen. Hinter moralischen Tiraden gaffte kaum verdeckt der schnöde Eigennutz aus Washingtons Gebaren. Am 11. Januar bemerkten wir:

"Während hastige Uno-Waffeninspekteure kurz davor stehen, Saddams Mülltonnen nach massenvernichtenden Speiseresten zu durch- wühlen, wächst bei Iraks potentiellen Kriegsgegnern der Appetit auf die Beute von Tag zu Tag. Ankara kramt in seinen Truhen mit der Hoffnung, Ansprüche auf das irakische Öl aus der Zeit des Osmanischen Reiches (!) aufzustöbern. Die New York Times meldet, daß sich die USA nach dem Sturz des Bag-dader Despoten als erstes der dortigen Ölfelder annehmen wollen." Eine todsichere Mission, denn daß der damals noch glitzernde Diktator nach dem Krieg stürzen würde, war eigentlich klar. (Daß er in ein drekkiges kleines Loch fallen sollte, ist eines solch passionierten Blutsäufers allerdings unwürdig. Etwas dramatischer hätten wir uns das schon gewünscht.)

Doch vor dem irakischen Alleinherrscher wurde zunächst ein anderes Schmuckstück der Geschichte ein Raub der Ratten: die deutsch-amerikanische Freundschaft. Beinahe schien es, als wolle sich Berlin in die Rolle der Franzosen als europäisches Lieblings-Haßobjekt der USA mit aller Macht hineindrängen. Denn Frankreich hielt sich, bei allen Beteuerungen der Kriegsunlust, zu Jahresbeginn noch ein Hintertürchen offen. Sieben kontinentaleuropäische Staaten hingegen drehten Berlin bereits eine Nase und krochen den USA frech unter den Rock, ohne uns zu fragen. Waren wir jetzt isoliert? Mag sein, war unsere Einschätzung im Februar - aber warum auch nicht, denn: "Bündnisse sind eine anstrengende Sache. Ständig diese quälenden Konsultationen und komplizierten Kompromisse, die so schlecht auf Wahlplakate passen und nie wirklich Stimmen bringen wollen. Dem Gewürge hat der Kanzler nun ein Ende gemacht und kräftig ausgemistet im Augiasstall unserer internationalen Verbindungen. Der Erfolg ist beeindruckend. Nachdem Schröder zuletzt sieben weitere europäische Staaten zum (amerikanischen) Feind hinübergescheucht hat, wo sie hingehören, ist unsere diplomatische Landkarte schon fast wieder so übersichtlich wie im April 1945."

Das sollte sie aber nicht bleiben. Unsere Ex-Favoritin USA wollte uns in Erinnerung an vergangene Harmonie denn doch nicht so ganz allein stehen lassen und begann uns zuliebe, die Franzosen immer hemmungsloser zu beschimpfen. Die reagierten erwartungsgemäß empfindlich. Kurz entschlossen erschien Jacques Chirac im Saal der strammen Kriegsgegner (in dem Schröder und Fischer bislang recht einsam herumgedöst hatten), schubste den Kanzler vom Kopfende des Tisches und bölkte los: Die osteuropäischen Länder, die zu den Amis übergelaufen waren, hätten "eine wunderbare Gelegenheit verpaßt, den Mund zu halten". Das hatte Stil, von dem sich sogar die Russen betören ließen - die Polen sollen den Rand halten: so etwas hätte sich der Kreml schöner nicht ausdenken können.

Washington ließ sich von der hier entstandenen "Achse" indes nicht irre machen. Schon vor dem Kriegsausbruch am 20. März wurden Pläne für weitere Ausflüge geschmiedet, von denen wir uns am 15. März gänzlich einnehmen ließen: "Die Anti-Amerikaner behaupten unablässig, den USA gehe es nur ums irakische Öl. Blödsinn, warum nur ums irakische? Öl gibt es doch auch anderswo, gleich nebenan im Iran beispielsweise. Das ist auch Bushs Außenminister Powell nicht verborgen geblieben, und so stellte er vergangenes Wochenende betont überrascht fest: ,Wir haben diese Woche erfahren, daß Iran ein wesentlich aggressiveres Nuklearprogramm hat, als die internationale Atom-energiebehörde gedacht hätte.' Na also!" Schon freuten wir uns auf die Befreiung von Persern und Syrern, wenn die Iraker erst einmal in einer Nacht- und Nebelaktion ins Glück gebombt worden sind.

Es kam bekanntlich anders. Viele, zu viele Iraker wollen ihr irdisches Glück bis heute gar nicht fassen und ziehen das Heil im Jenseits vor, wohin sie etliche hundert Befreier bereits mitgenommen haben. Das hat bei den Amis auf die Stimmung gedrückt. Zudem nahmen selbst enge Verbündete der USA die herrlich schauerlichen Erzählungen von den Massenvernichtungswaffen mit wachsender Widerwilligkeit auf, weil Bushs Suchtrupps das Zeug in dem orientalischen Durcheinander partout nicht finden konnten. Der dieser Tage aus seinem Maulwurfshaufen gebuddelte Saddam dürfte der Glaubwürdigkeit weiteren Abbruch tun: Dieser Zausel soll die Bedrohung der Welt gewesen sein?

CDU-Chefin Merkel ist davon überzeugt. Ihr war die Geschichte von Anfang an unheimlich. Sie machte sich große Sorgen um unsere internationalen Beziehungen und vermißte die Wärme der Supermacht schmerzlich, wie wir im Frühjahr herausfanden: "Berlin müsse eine ,Balance' zwischen den Verbündeten in Paris und Washington finden (fordert Merkel). Genial: Derweil sich Franzosen und Amerikaner unausgesetzt ins Gesicht spucken, werden wir Deutschen uns genau zwischen die beiden ,balancieren' - und der ganze Segen wird unser sein."

Der Irak-Krieg war nach kurzer Zeit (offiziell) zu Ende, die USA setzten eine respektable Übergangsregierung ein, besetzt mit "allerlei engagierten Demokraten" wie dem in Jordanien steckbrieflich gesuchten "Geschäftsmann" Achmed Chalabi. So wurde uns die Außenpolitik bald langweilig.

Glücklicherweise schaffte die Innenpolitik schnell reichlich Ersatz: Was sich in Berlin abspielte, wurde derart spannend, daß sich sogar historische Schwergewichte der jüngeren europäischen Vergangenheit dafür interessierten. Der "Reformherbst" schickte schon seine Strahlen voraus, da meldeten wir euphorisch: "Michail Gorbatschow hat sich in die deutsche Debatte eingeschaltet und wagte die weisen Worte, die SPD sei ,zum Erfolg ihrer Agenda 2010 verurteilt'. Der Mann hat Erfahrung mit Reformen. Auch er stülpte sein Land kräftig um mit dem Ziel, das System (des Kommunismus) wieder flott und das Land (die Sowjetunion) zukunftsfähig zu machen. Als der Staatsmann damit fertig war, gab es die Sowjetunion nicht mehr, der Kommunismus war tot, er selbst saß im Stubenarrest auf der Krim und durch Moskau rollten die Panzer der Putschisten. Schröder muß dem braven Russen eine eigene Regierungskommission an die Hand geben."

Kommissionen hatten wir damals erst magere 54, dafür wimmelte es im Land von großen Persönlichkeiten, die das politische Leben dieses Jahr kräftig aufgemischt haben. Einer von ihnen, Jürgen Möllemann, erlöste seine Feinde indes eigenhändig von seiner Anwesenheit, einer seiner Hauptwidersacher ist von seinem letzten Kokain-Trip im Puff nicht mehr heil heruntergekommen: Michel Friedman. In der Hitze des Hochsommers kochte schließlich Ronald Schill über, und die strahlende Hansestadt Hamburg machte plötzlich einen bedenklich schmierigen Eindruck. Innensenator Schill soll gedroht haben, "mit Bettkantengeschichten über den Bürgermeister (Beust) auf Tournee zu gehen", berichteten wir entsetzt. Darauf stieß der Hamburger Stadt-Chef seinen Schill in die Elbe. Zu Ende war die Geschichte damit lange nicht, wie wir heute wissen. Doch im Volk machte sich daraufhin eine gewisse Depression breit.

Aus der hat uns Finanzminister Hans Eichel gerettet: je mehr sich die Blätter verfärbten, desto bunter wurden auch seine Etatentwürfe. Die Berechnungen gingen am Ende den gleichen Weg wie das farbenfrohe Laubwerk und vermoderten in den Pfützen der rauhen Wirklichkeit. Berufspessimisten nutz- ten die Gelegenheit schamlos aus und begannen, an der moralischen Glaubwürdigkeit der Politiker zu nagen, als Anfang November der Rettungsring geflogen kam, aus Fulda. Ein CDU-Abgeordneter hatte eine Rede gehalten, auf der sich genug Mißverständnisse ausbrüten ließen, um damit ein ganzes Waffenlager an moralischer Überlegenheit zu füllen. Wer wollte da noch von Etats und so was reden. Die Medien hatten, wie einst mit dem Irak-Krieg, auf einmal etwas Besseres gefunden, um Wallung zu erzeugen. Die rot-grüne Regierung konnte aufatmen. Jetzt ging es aufs Ganze: Appelle, Entrüstungen, Mahnungen, Warnungen, Enthüllungen - nur Lichterketten haben noch gefehlt, da platzte die Nachricht herein, daß Antisemitismus laut EU-Studie vor allem ein Problem von muslimischen Zuwanderern sei. Schade, aus war's. Gegen "Migranten" lichterkettet man nicht.

War dies nun ein gutes Jahr oder ein schlechtes. Für Saddam Hussein gewiß ein schlechtes, ein gutes hingegen für die deutschen Spediteure. Verkehrsminister Stolpe ließ die alten Autobahn-Vignetten einstampfen, obwohl sein neues Mautsystem im Fiasko endete. Die Transportunternehmer zahlen zur Zeit also gar keine Fahrgebühren. Das Desaster ist um so erstaunlicher, als daß sich der Minister nach jüngsten Berichten in Sachen "Überwachung" besser auskennen sollte, als er selber zugibt. Vielleicht ist es ja Taktik. Die Deutschen werden glauben: Wer nicht mal Lastwagen zählen kann, kann unmöglich bei der Stasi gewesen sein. Was sollten die mit so einem?

Uns hat 2003 viele heitere Stunden bereitet, obschon es dramaturgisch mäßig war: In guten Groschenromanen passiert das Span- nendste am Schluß, 2003 hatte das meiste Pulver bereits im Juni verschossen. Für das neue Jahr sind wir aber zuversichtlich: Bis raus ist, daß die Steuerreform verpuffen wird, Eichels Haushaltszahlen faul sind und die EU-Osterweiterung uns alle in die Pleite treibt, haben wir mindestens schon Mai.

Die letzte Statue fällt
Zeichnung: Götz Wiedenroth