28.01.2022

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03.01.04 / "Schuldstolz" statt historischer Wahrheit / Konrad Löw über Daniel Goldhagens Triumphzug in Deutschland / I. Teil

© Preußische Allgemeine Zeitung / 03. Januar 2004

"Schuldstolz" statt historischer Wahrheit
Konrad Löw über Daniel Goldhagens Triumphzug in Deutschland / I. Teil

Die "Affäre Hohmann" sowie die "Erklärung des Deutschen Bundestages zum Antisemitismus" im Dezember vermitteln den Eindruck, daß der Antisemitismus in Deutschland wieder im Erstarken begriffen sei, doch wer sich ein wenig mit der nahen Vergangenheit beschäftigt, erkennt schnell, daß das Thema in den Medien eigentlich durchgehend Erwähnung findet. Blickt man nur zurück in das Jahr 2002, so fallen einem die Debatte um die vermeintlich "antisemitischen" Äußerungen des FDP-Politikers Jürgen Möllemann und das gefeierte neue Buch des Autors Daniel Goldhagen, "Die katholische Kirche und der Holocaust", ein. Beide belebten die Diskussion zum Thema Antisemtismus in Deutschland.

Während Möllemann in den Medien verdammt wurde, feierte man den jungen Goldhagen, der nun auch in seinem neuen Buch Schuldige für den Holocaust suchte. Die Süddeutsche Zeitung taufte den vorwiegend in Deutschlands Medienwelt gern gehörten amerikanischen Politologen sogar "König der Herzen". In Frankfurt a. M. gab ihm der namhafte Kirchenhistoriker Gerd Besier, jetzt Leiter des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, Dresden, die Ehre, als Sparringspartner einen Schaukampf um Geschichte und Schuld auszutragen. Der Sieger stand von vornherein fest, wie die eben erwähnte Zeitung zutreffend titelte: "Widerspruch zwecklos - Der Politologe Daniel Goldhagen hat ... die Sympathien auf seiner Seite." In München ist der frühere bayerische Kultusminister und Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Hans Maier, als Dialogpartner geladen, in Berlin der Nachfolger Maiers an der Spitze des ZK und Ex-Wissenschaftsminister von Sachsen, Hans Joachim Meyer; in Hamburg durfte ich unter den auf diese Weise Begnadeten sein.

Sie fragen sich: Welchem jungen Autor, welchem Sachbuch ist je eine solche Hommage zuteil geworden? Ich kenne keinen Autor, kein Buch. Niemand und nichts kann sich insofern messen. Warum also Daniel Goldhagen? Die Antwort steht in der Annonce: "Welterfolg ,Hitlers willige Vollstrecker'".

Was behauptet dieses Buch? Ich zitiere einige Kernsätze: ",Hitlers willige Vollstrecker' befaßt sich mit der Weltsicht, den Handlungen und den Entscheidungen des einzelnen, der Verantwortung, die jeder einzelne für seine Taten trägt, und mit der politischen Kultur, aus der diese Individuen ihre Überzeugungen herleiten. Es zeigt, daß ein bestimmter Komplex von Vorstellungen und Auffassungen über ‚die Juden' im politisch-kulturellen Leben Deutsch- lands bereits weit verbreitet war, bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen, und daß eben diese Vorstellungswelt darüber entschied, was gewöhnliche Deutsche, als einzelne oder als Kollektiv, in der NS-Zeit hinzunehmen oder zu tun bereit waren ... Der Holocaust hatte seinen Ursprung in Deutschland, er ist darum in erster Linie ein deutsches Phänomen ... Wer den Holocaust verständlich machen will, muß ihn als eine Entwicklung aus der deutschen Geschichte heraus begreifen."

An anderer Stelle: "Genau so wesentlich war aber die große Bereitschaft der meisten Deutschen, die rabiate Verfolgung der Juden in den 30er Jahren zunächst zu tolerieren, zu unterstützen, oft sogar tätig daran mitzuwirken ..."

Schließlich zwölf Seiten weiter: "Wenn man die Ausrottung der Juden nicht in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt, kann man die deutsche Gesellschaft weder angemessen analysieren noch verstehen, noch charakterisieren."

Goldhagen unterläßt es auch nicht, allen Lesern deutlich zu sagen, welche Einsicht die Wissenschaft, ja alle Welt gerade ihm verdanke: "Meine Erklärung lautet - und dies ist neu in der wissenschaftlichen Literatur über die Täter -, daß die ganz ‚normalen Deutschen' durch eine bestimmte Art des Antisemitismus motiviert waren, die sie zu dem Schluß kommen ließ, daß die Juden sterben sollten."

Wer in dem mehr als 700 Seiten umfassenden Buch Beweise für die Richtigkeit seiner ungeheuerlichen Anschuldigungen finden will, sucht vergeblich. Betrachten wir zunächst die Lage der deutschen Juden in den Jahrzehnten vor Hitlers Kanzlerschaft unter besonderer Berücksichtigung Münchens.

Der Antisemitismus war um die Jahrhundertwende in Europa weit verbreitet, manifest vor allem in Rußland mit den zahlreichen Pogromen (dieses russische Wort steht für Terror, Verwüstung) und Frankreich, Stichwort: Dreyfus-Affäre. Deutschland blieb von diesen Strömungen nicht gänzlich verschont. Aber sie gewannen im politischen Raum keine Oberhand, so daß die rechtliche Emanzipation der Juden unangetastet blieb und sogar noch weiter ausgebaut werden konnte. Daher fühlten sich die Juden mehrheitlich in Deutschland recht wohl. "Im europäischen Kontext galt bis zum Aufkommen des Nationalsozialismus die deutsch-jüdische Geschichte durchaus als eine Erfolgsgeschichte. In kaum einem anderen Land war die Integration, aber auch die Assimilation der Juden so weit fortgeschritten wie in Deutschland."

Ein Jude erinnert sich: "Was Amram die ersten Schritte im Leben erleichterte, waren gute Freunde. F., aus demselben Milieu wie er und aus derselben Schule ... und S. aus einer ostjüdischen Familie, die wie viele andere Juden mit dem Beginn antisemitischer Ausschreitungen aus Osteuropa nach Deutschland geflüchtet waren, das nach Ende des Ersten Weltkrieges als eines der freundlichen Zufluchtsländer galt."

Die meisten Juden empfanden gesellschaftliche Brüskierungen als geradezu notwendige Begleiter-scheinungen einer heterogenen Gesellschaft, in der die Bayern und Sachsen ihre antipreußischen Ressentiments kultivierten und - umgekehrt - in der die Diskriminierung der Katholiken als rückständige, unzuverlässige Ultramontanisten an der Tagesordnung war, die ihrerseits das Laisser-faire der Liberalen tadelten. Die Juden wußten, daß sie selbst nicht verlegen waren, wenn es galt, eigene Interessen zu vertreten oder andere auf die Schippe zu nehmen. Martin Buber pries die "Symbiose von deutschem und jüdischem Wesen" und ihre große "Fruchtbarkeit".

Es war ein Jude, Walther Rathenau, der den gewaltigen Zustrom von Ostjuden auf geradezu anstößige Art kommentierte: "In- mitten deutschen Lebens ein abgesonderter fremd-artiger Menschenstamm ... Auf märkischem Sand eine asiatische Horde ... In engem Zusammenhang unter sich, in strenger Abgeschlossenheit nach außen: so leben sie in einem halb freiwilligen Getto, kein lebendes Glied des Volkes, sondern ein fremder Organismus in seinem Leibe."

Höchst aufschlußreich eine statistische Erhebung für den Bereich der Hochschulen aus der Zeit um 1900: "Akademische Dozenten aller Stufen auf eine Million der menschlichen Bevölkerung berechnet; für die Katholiken 35, die Evangelischen 106,5, die Juden 698,9; an Ordinarien: Katholiken 16,9, Evangelische 33,5, Juden 65,5." Diese Zahlen beziehen sich auf Preußen, doch dürften sie nahezu für ganz Deutschland repräsentativ sein. Vier der sechs Universitäten waren den Katholiken (!) gänzlich verschlossen.

Über drei Jahrzehnte hinweg stand Kaiser Wilhelm II. an der Spitze des Deutschen Reiches bis zum Untergang der Monarchie 1918. Was sein Verhältnis zu den Juden anlangt, so gehen die Meinungen auseinander. Ich habe insofern seine Vita nicht umfassend studiert und erlaube mir deshalb keine Stellungnahme. Doch gebe ich zu bedenken, was ich in Haifa, also einer der drei großen Städte Israels, selbst gesehen und bestaunt habe. Ganz oben auf dem Berg Carmel stieß ich auf einen Obelisken, errichtet zu Ehren dieses Kaisers und seiner Gemahlin; für mich ein hin- länglicher Beweis dafür, daß ihn in Israel die Antisemitismus-keule nicht zur Unperson gemacht hat.

Weil schon vom Hochadel die Rede ist, soll auch der bekannteste bayerische König nicht unerwähnt bleiben, Ludwig II. Er hat sich dafür eingesetzt, daß im Jahre 1882 mit dem Bau einer Hauptsynagoge gegenüber der Münchener Maxburg begonnen werden konnte - also in unmittelbarer Nähe der Frauenkirche. Die jüdischen Bürger sollten nicht länger gezwungen sein, sich hinter unscheinbaren Fassaden in den Vorstädten zu versammeln. "Ein beeindruckender Sakralbau entstand - Zeugnis der Emanzipation und Integration der Juden in Bayern", wie ein ausgewiesener Fachmann urteilt.

Die turbulenten Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, die Vorgänge in Rußland, die Masseneinwanderung von Juden aus dem Osten, die von Juden angeführte Räterepublik in Bayern gaben dem Antisemitismus Auftrieb, obwohl, bildlich gesprochen, in München Juden auf beiden Seiten der Barrikaden standen. Es waren turbulente, ja chaotische Tage. Der Jude Kurt Eisner wurde in München ermordet. Doch auch der Mörder war ein Jude. Der oben zitierte Walther Rathenau fand als "Erfüllungspolitiker", wie das Schimpfwort lautete, einen gewaltsamen Tod ebenso wie auch der nichtjüdische Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger und andere.

Der Münchner Kardinal Faulhaber wurde bestürmt, dem Anschwellen judenfeindlicher Haßgesänge entgegenzutreten. Nur wenige Tage vor Hitlers Marsch zur Feldherrnhalle am 9. November 1923 sprach er in seiner Allerseelenpredigt "von der gegenseitigen Liebe im gemeinsamen Leid". Mit blindem Haß gegen Bauern und Bayern, gegen Juden und Katholiken würden keine Wunden geheilt. Der Text verdeutlicht, wie weite Teile der Bevölkerung gegenseitig Animositäten schürten und keineswegs nur die Juden zur Zielscheibe solcher Angriffe wurden. Das Ende der Inflation 1923 verbesserte die wirtschaftliche Lage und hob so die allgemeine Stimmung.

Viele deutsche Juden als Teil der deutschen Gesellschaft sonnten sich nun im Licht der "Golden Twenties", wie wir den Erinnerungen Nahum Goldmanns, 1949 zum Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses gewählt, entnehmen:

"Der Höhepunkt jüdischen Einflusses wurde in der Weimarer Republik erreicht - wohl eine der größten Kulturepochen deutscher Geschichte. Die drei bedeutendsten deutschen Banken - Deutsche Bank, Disconto-Gesellschaft und Dresdner Bank - hatten jüdische Direktoren; die drei größten Tageszeitungen - Berliner Tageblatt, Vossische Zeitung und Frankfurter Zeitung - gehörten Juden und wurden meist von Juden redigiert; die zwei einflußreichsten deutschsprachigen Zeitschriften - Die Fackel und Die Weltbühne - wurden von Juden geleitet; der wichtigste Theaterdirektor dieser Epoche - Max Reinhardt - war Jude ..." Also kann man mit Fug und Recht behaupten, daß gerade Juden den Geist dieser Jahre nachhaltig beeinflußt haben.

Der schöne Schein der 20er Jahre wurde etwas getrübt durch antisemitische Kriminalität, schwankend entsprechend der Stärke der NSDAP. Die Ideologie, die sie propagierte, war nicht tonangebend, wenngleich sie gerade in akademischen Kreisen ein positives Echo auslöste. Ein schöner Beleg für jüdische Integration ist die Tatsache, daß noch 1932, als der FC Bayern zum ersten Male deutscher Meister wurde, sowohl der Präsident, Kurt Landauer, als auch der Trainer ein Jude war.

Hitlers NSDAP, die Antisemitenpartei, nahm erstmals an den Reichstagswahlen des Jahres 1924 teil und erhielt die Stimmen von 6,5 Prozent der Wähler im Mai und 3,0 Prozent im Dezember; am 20. Mai 1928 waren es noch 2,6 Prozent, die NSDAP war also eine Splitterpartei. Innerhalb von nur 28 Monaten schnellte der Anteil auf 18,3 Prozent empor. Die Zahl der Abgeordneten stieg von 12 auf 107. Für Hitlers rasanten Aufstieg gibt es nur eine Erklärung, nämlich die sprunghaft steigende Arbeitslosigkeit, gegen die die etablierten Parteien kein Rezept hatten; Hitlers Antisemitismus spielte offenbar keine nennenswerte Rolle. In ihrer Verzweiflung versuchten es die Massen mit Hitler, der eine rasche Besserung versprach und der nur darum bat: "Gebt mir vier Jahre Zeit!"

Ergebnis: Die Geschichte des Kaiserreichs und der Weimarer Republik straft die Anschuldigungen Goldhagens Lügen, genauer: demaskiert sie als Verleumdungen zu Lasten eines anderen Volkes.

Fortsetzung in Folge 2

 

Ankunft in Berlin 1891: Dieser Holzstich von Carl Koch illustriert die Zustände in einem Verpflegungsraum des Charlottenburger Bahnhofs nach Ankunft einer Auswanderergruppe. Hierbei handelte es sich ausschließlich um aus Rußland ausgewiesene Juden. Foto: pa / akg-images