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10.01.04 / "Wohin mit der Erinnerung?" / Guido Knopp diskutierte mit Prominentenrunde über den "Streit um Deutsche als Opfer"

© Preußische Allgemeine Zeitung / 10. Januar 2004

"Wohin mit der Erinnerung?"
Guido Knopp diskutierte mit Prominentenrunde über den "Streit um Deutsche als Opfer"
von Manuel Ruoff

Wohin mit der Erinnerung? - Der Streit um Deutsche als Opfer" lautete das Thema der noch im alten Jahr 2003 von Guido Knopp moderierten und dem Sender Phoenix ausgestrahlten Dis-kussion zwischen dem Historiker und Buchautoren Jörg Friedrich, dem ehemaligen DDR-Bürgerrechtler und Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR Joachim Gauck, dem jüdischen Publizisten Ralph Giordano, dem polnische Publizisten Adam Krzeminski, der BdV-Präsidentin Erika Steinbach und dem ehemaligen SPD-Vorsitzenden Jochen Vogel.

Knopp teilte als Moderator die im Rahmen der "Aschaffenburger Gespräche" durchgeführte Veranstaltung in zwei Blöcke. Während im ersten Teil über die Erinnerung an die deutschen Vertriebenen und die Eignung Berlins als Standort für ein Zentrum gegen Vertreibungen dis-

kutiert wurde, wurde im zweiten mit der Erinnerung an die Opfer der alliierten Luftangriffe das Leid einer weiteren großen deutschen zivilen Opfergruppe angesprochen.

Nachdem Knopp Jörg Friedrich im ersten Diskussionsteil leider kein einziges Mal das Wort erteilt hatte, gab er dem Autoren der Bücher "Der Brand" und "Brandstätten" zu Beginn des zweiten die Möglichkeit zu einer einleitenden Stellungnahme. Friedrich nutzte sie zu einem Plädoyer dafür, den Erinnerungen an die Bombenangriffe "einen Ton und eine Sprache" zu geben, "daß erzählt werden kann, was in den Bombennächten passierte", denn "diese Erinnerungen, diese Sachverhalte brauchen die Erzählung und diese Erzählung hat nicht stattgefunden".

Jochen Vogel widersprach und bestritt das von Friedrich kritisierte Schweigen über die Bombenangriffe mit der Begründung, daß das Wissen um sie nicht aus dem Gedächtnis der Deutschen verschwunden sei. Dieses Argument ist um so bemerkenswerter, als man von dem Ex-Vorsitzenden einer Partei, die jahrzehntelang verboten war, das Wissen darum vermuten sollte, daß die Weitergabe von Erfahrungen im engsten vertrauten Kreise nicht unbedingt ein Klima der Meinungsfreiheit voraussetzt.

Im Gegensatz zu Vogel schlug Gauck in dieselbe Kerbe wie Fried-

rich, wenn er ebenfalls ein Verschweigen deutschen Leids konstatierte und hinsichtlich der Flucht und Vertreibung der Deutschen den Wunsch äußerte, "daß das nicht in einem Erinnerungsghetto landet", daß vielmehr die Vertriebenen, "die nicht so ganz mitreden dürfen, die an den Rändern ihre kleinen Museen haben, die auch vom Bund durchaus gefördert werden, aber die in der Leitkultur des politischen und kulturellen Diskurses eben nicht vorkommen ... zurückkehren in die Mitte der Bewußtheit der Deutschen". Nach dem Hinweis, daß es gefährlich werde, "wenn man Gefühle von Menschen anfängt zu zensieren", fuhr er fort: "Wir haben lange in Ostdeutschland überhaupt nicht über das Thema sprechen dürfen, hier durfte man, hat es auch in kleinen Kreisen getan, aber die linksliberale Leitkultur hat es marginalisiert, ... eine Folge der Debatte seit '68, und ich möchte das eben raus haben aus diesem Erinnerungsghetto in das kollektive Gedächtnis der Nation, dort, wo es hingehört. Zwölf Millionen Deutsche vertrieben, davon zwei Millionen getötet, daran dürfen wir denken, ohne daß wir gleich gefährlich werden."

Während man bei Gauck angesichts dieser offenen Worte nicht verwundert ist, ist es schon bemerkenswert, daß auch Giordano sich für Berlin als Standort für das Zentrum gegen Vertreibungen aussprach. Zur Begründung führte er an, daß der BdV den Holocaust inzwischen nicht mehr verschweige und die Vertreibung der Deutschen in einen "Kontext" gestellt habe, in "historische und politische Fusion".

Über Giordano als Einzelperson hinaus zeigt sich hier ein bemerkenswertes Phänomen der bundesdeutschen Diskussionskultur. Wenn man, wie beispielsweise der Historiker Ernst Nolte, im Zusammenhang mit der Thematisierung des Nationalsozialismus auf den vorausgegangenen roten Terror in der Sowjet-union hinweist, betreibt man eine "Verharmlosung", "Verniedlichung" und "Relativierung" der NS-Verbrechen. Wenn man jedoch Flucht und Vertreibung durch den Hinweis auf vorausgegangene NS-Verbrechen "historisiert", gilt dieses nicht etwa als Verharmlosung, Verniedlichung und Relativierung der Vertreibungsverbrechen, sondern vielmehr als unbedingte Voraussetzung, um gesellschaftsfähig bleiben zu können und sich wenigstens die Chance zu wahren, bei politisch korrekten Gutmenschen Gehör für deutsches Leid zu finden.

Im Gegensatz zu Gauck und Giordano, die sich wie Erika Steinbach für Berlin als Sitz des Zentrums gegen Vertreibungen aussprachen, zeigte sich Vogel als Bedenkenträger. Er mahnte, "daß man verdammt aufpassen muß, daß die Behandlung dieses Themas nicht dazu führt, daß alte Brüche, die durch jahrzehntelange Bemühungen überwunden worden sind ..., wieder offen zutage treten". Diese Mahnung erweiterte Vogel aber nicht etwa auf die Erinnerung an oder Gedenkstätten für nichtdeutsche Opfer, was ja durchaus in der Logik seiner Argumentation gelegen hätte, sondern er bezog es einzig auf deutsche.

Während Vogel sich hinsichtlich Berlins reserviert gab, ohne sich konkret festlegen zu wollen, lehnte Krzeminski die deutsche Hauptstadt offen ab. Als Alternative nannte er Breslau. Sein Argument, daß sich diese Stadt anbiete, weil ihre gesamte Bevölkerung "ausgetauscht" worden sei, wie er es formulierte, hat durchaus etwas für sich. In der Diskussion wurde jedoch deutlich, daß den Polen (geschichts)politische Motive bewegten und es ihm darum ging, die gegenwärtige Einteilung in Deutsche gleich Tätervolk und Polen gleich Opfervolk zu zementieren. In gewohnter Manier versuchte er zu suggerieren, daß die in den Vertreibungsgebieten lebenden Polen selber Vertreibungsopfer aus "Ostpolen" gewesen seien. Diese Behauptung wird zwar von vielen Deutschen gerne übernommen, doch wird sie dadurch nicht wahrer. So ist es jedem unbenommen, in den von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen "Informationen zur politischen Bildung", Heft 142/143 nachzulesen, daß von den 1950 - und damit nach dem "Austausch" der Bevölkerung - in den "neuen Westgebieten" Polens lebenden 5,9 Millionen Menschen mit 1,5 Millionen nur rund jeder vierte aus "Ostpolen" stammte. Das vermag niemanden zu überraschen, der weiß, daß - anders als die Deutschen in Ostdeutschland - die Polen in "Ostpolen" auch vor dem Zweiten Weltkrieg nur eine Minderheit gewesen sind. Insofern handelt es sich bei der Verwendung des Begriffes "Ostpolen" für die Gebiete östlich der Curzon-Linie um ein gerüttelt Maß Propaganda. Die Curzon-Linie ist das Ergebnis des nach dem Ersten Weltkrieg unternommen Versuches der nun wahrlich nicht antipolnischen Alliierten, dem neuen polnischen Staate eine Ostgrenze zu geben, die der Volkstumsgrenze entspricht. Ebenso wie im Westen war die Republik Polen jedoch auch im Osten nicht bereit, sich auf mehrheitlich polnisch besiedeltes Territorium zu beschränken, und so zwang sie den Sowjetstaat unter Anwendung nackter Waffengewalt, einen rund 250 Kilometer breiten Gebietsstreifen östlich der Volkstums- und Curzon- Linie abzutreten, das sogenannte Ostpolen. Gemäß polnischen Quellen umfaßte die Bevölkerung zwischen der Curzon-Linie und der nunmehrigen Ostgrenze der Republik Polen etwa neun Millionen Menschen, davon etwa sechs Millionen Ukrainer und Weißrussen, aber lediglich 1,5 Millionen Polen. Nur jeder sechste Einwohner "Ostpolens" war also Pole. Naheliegenderweise holte sich der Verlierer des russisch-polnischen Krieges das Gebiet bei nächstbester Gelegenheit, im Zweiten Weltkrieg, zurück. Daß die Sowjetunion Polen aus "Ostpolen" vertrieb ist zweifelsfrei ein Verbrechen, doch ist es eher mit der Vertreibung der Deutschen aus Polen als mit der Vertreibung der Deutschen aus Ostdeutschland zu vergleichen.

Überhaupt hatte diese Diskussionsveranstaltung das Manko, daß die auch diesmal nicht ausbleibende Aufrechnung wieder einmal die Zwischenkriegszeit unberücksichtigt ließ und erst mit der NS-Zeit anfing. Als Vogel die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Hinweis relativierte, daß 1939 Polen von Deutschen vertrieben worden seien, fiel Frau Steinbach nichts Besseres ein, als einzuwerfen, daß ja bereits 1933 Juden von Hitler vertrieben worden seien. Daß auch schon vor der NS-Zeit Deutsche von Polen vertrieben wurden, thematisierte weder die BdV-Präsidentin, von der dieses noch am ehesten zu erwarten gewesen wäre, noch ein anderer der Diskutanten.

Wie politisch Krzeminskis Motive sind, wurde deutlich, als er vom Moderator mit der Metapher zitiert wurde, daß Deutschland nach dem 0:1-Rück-

stand, in den es durch das Berliner Holocaust-Mahnmal geraten sei, durch ein Berliner Zentrum gegen Vertreibungen den Ausgleich erzielen könne. Wenn dann noch ein Mahnmal für die Bombenopfer hinzukäme, würde Deutschland in Führung gehen. Hier kann man den Polen jedoch getrost beruhigen. In der derzeitigen geschichtspolitischen Lage wäre ein erneuter Rückstand durch ein Mahnmal für die Zigeuner zweifellos wahrscheinlicher als eine deutsche Führung. Mit wie vielen Toren beziehungsweise Punkten sein eigenes Land bei den Erinnerungseinrichtungen in dessen Hauptstadt Warschau führt, erwähnte Krzemin-ski leider nicht.

Das vorletzte Wort hatte Giordano. Den verbrecherischen Charakter der angelsächsischen Terrorangriffe auf zivile Ziele relativierend, legte er Wert auf die Herleitung, daß "Dresden" seine Ursache in "Theresienstadt" habe, und das bestätige ihm, "erstverantwortlich, auch dafür, sind Hitler und seine Anhänger". "Alles, worüber wir gesprochen haben", so sein Resümee, "kommt daraus und entspringt daraus".

Obwohl Giordano es mit fast schon handgreiflichen Mitteln zu verhindern suchte, setzte sein erklärter Freund Friedrich im letzten Wort (vor dem obligatorischen Resümee des Moderators) einen Kontrapunkt, der es wert ist, hier abschließend zitiert zu werden: "Nach Dresden ging der Bombenkrieg erst richtig los. Die letzten Opfer des Bombenkrieges waren in der Tat in einem Angriff vier in der Lübecker Bucht liegende Schiffe, 7.500 KZ-Insassen, die saßen in den Schiffen, sie jubelten ihren Befreiern zu. Für die Befreier war es völlig irrelevant, ob dieses verwundete Soldaten waren, ob das die bewachenden SS-Mannschaften waren oder die von ihnen bewachten KZ-Insassen. Sie hatten ein Interesse: Sie hatten eine neue Luftrakete und diese 63 Raketen, die sie hatten, wollten sie gegen ein Schiff lenken. Das war der einzige Grund dieses Angriffs. Hitler war bereits tot. Es gab niemanden mehr zu befreien, sondern es war die Begeisterung an dieser neuen Wunderwaffe, die bis heute im übrigen existiert. Es war eben keine Spezialmedizin gegen Nazis, die vorüber war, als die Nazis am Boden lagen, sondern die ganze Geschichte des kalten Krieges ist nicht erklärbar ohne das Wissen darum, daß im Zweiten Weltkrieg etwas zur Geltung kam, das man vorgedacht hat, seit den 20er Jahren, daß wir alle Adressaten eines totalen Krieges sind ..."

Diskutierten über deutsches Leid und den Umgang damit: Jörg Friedrich, Ralph Giordano, Erika Steinbach, Moderator Guido Knopp, Jochen Vogel, Adam Krzeminski und Joachim Gauck Foto: Phoenix