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14.02.04 / Wenn der Südwest weht

© Preußische Allgemeine Zeitung / 14. Februar 2004

Wenn der Südwest weht
von Rudolf Kollhoff

Bitte?" Überrascht blickte Thea Buck auf ihre Nachbarin, Frau Kowalski, die ihr verlegen ein Stück Sperrholz reichte, an dem ein kleiner Schlüssel hing. "Entschuldigen Sie, Frau Buck, aber in dieser Woche sind Sie dran mit der Reinigung der Grünflächen um unser Haus. Solange dies noch nicht auf die Miete umgelegt ist, müssen wir alle ran."

Ungläubig starrte Thea Buck auf die Frau in der rotkarierten Kittelschürze. "Sie meinen, mein Mann und ich sollen die Reinigung der Straße übernehmen?"

"Nun ja", druckste Frau Kowalski, "ich weiß, anderswo übernimmt diese Aufgabe der Vermieter, aber bei uns liegt der Fall etwas anders. Solange die Pauschale für die Außenreinigung ..." - "Schon gut, ich habe Sie verstanden."

Thea Buck schloß die Wohnungstür und betrachtete das abgewetzte Stück Holz. "Hauswoche" stand darauf. Sonderbare Sitten gab es in dieser Kleinstadt, dachte sie. Nicht genug damit, daß die Hausordnung verlangt, daß jede Woche reihum die Treppe von den Mietern geschrubbt wird, nein, nun soll man auch noch den Unrat von der Straße sammeln!

Thea Buck sah in den Flurspiegel und prüfte den Sitz ihrer Frisur. Unwillkürlich stellte sie sich vor, wie sie mit Straßenbesen, Harke und Schaufel dem Straßenschmutz zu Leibe rückte. Eine Frechheit war das! Da holte man sie aus der Metropole, um in diesem Nest Hilfe beim Aufbau konkurrenzfähiger Firmen zu leisten, und was passierte? Sie sollten den Leuten hier die Straße fegen.

Als Thea ins Wohnzimmer trat, schlug ihr das Aroma frischgebrühten Kaffees entgegen. Franjo Buck, international geschätzter Architekt und verständnisvoller Ehemann, lächelte seine Frau fröhlich an. "Was ziehst du für ein Gesicht, Schatz?" fragte er. "Ich hoffe, es gibt nichts Unerfreuliches." - "Wie man's nimmt, Franjo", erwiderte sie dumpf. "Eine Nachbarin gab mir eben den Schlüssel zum Holzverschlag unter der Treppe. Man erwartet von uns, daß wir unserer Mieterpflicht nachkommen und die Hauswoche erledigen."

Sie goß Kaffee ein. Ihr Mann zuckte mit den Achseln. "Kommen wir wohl nicht drumherum, Schatz. Kollegen von der Baustelle haben mir auch schon davon erzählt. Es ist hier nichts Besonderes ..." - "Für mich schon!" Thea warf den Kopf in den Nacken. "Ich mache mich doch nicht öffentlich zum Clown!"

"Niemand verlangt, daß du auf allen vieren auf der Straße herumkriechst und weggeschnipste Kippen einsammelst. Im übrigen denke ich, es wird ausreichen, wenn ich allein ..."

"Kommt überhaupt nicht in Frage! Ich werde es nicht zulassen, daß du als namhafter Architekt hier die Straßenreinigung übernimmst."

Nach turbulentem Hin und Her einigten sich die Bucks, gemeinsam das Unvermeidliche zu tun. In Räuberzivil traten sie aus dem Achtfamilienhaus, in den Händen Schaufel, Harke und einen zerbeulten Blecheimer, in welchem der Straßendreck zum Müllcontainer getragen werden sollte.

Plötzlich betrachtete Franjo seine Hände. "Sieh mal, Schatz", sagte er verdutzt. "Ich habe noch gar nicht angefangen, und schon sind meine Finger kohlrabenschwarz."

"Wen wundert's? Die Geräte sind total eingestaubt. Offenbar wurden sie das letzte Mal von Mietern benutzt, die schon vor Jahren aus Frust hier weggezogen sind." Er grinste und fing dann an, mit einem rotborstigen Besen die Gehwegplatten zu fegen. Staub wirbelte auf. Kein Wunder, die Sonne brannte unbarmherzig herab, und die Luft war so trocken wie in einer Back-stube.

Frau Kowalski kam mit ihrem überladenen Mülleimer aus dem Haus. Als sie den Bucks freundlich zulächelte, blies der Wind die obere Schicht ihres Abfalls unversehens hinaus. Eierschalen, Verpak- kungsfolie und Zigarettenstummel stoben über den frischgesäuberten Gehsteig. "Frau Kowalski!" rief Thea erzürnt. "Sie haben da etwas verloren!" Die so Angesprochene blieb stehen und sah ihrem davonwehenden Unrat ungerührt hinterher. "Lassen Sie nur, Frau Buck", sagte sie gedämpft. "Das Zeug weht zu Nummer 19. Sie haben damit dann nichts mehr zu tun." Schnuppernd reckte sie den Hals. "Heut kommt der Wind nämlich aus Südwest."

Thea war sprachlos. Beim Unkrauthacken zwischen den Büschen beschloß sie energisch, sich heute durch nichts, aber auch gar nichts beeindrucken zu lassen.

Nach zwei anstrengenden Stunden waren sie fertig. Thea Buck griff nach den Geräten, um sie wieder in den Holzverschlag zu bringen. Da bemerkte sie, daß sich Franjo auf die Knie niedergelassen hatte und anfing, das Unkraut aus den Fugen der Gehwegplatten zu zupfen. "Ich glaube, es reicht!" fauchte sie.

"Aber Schatz! Du kennst mich doch. Halbherzigkeit liegt mir nun mal nicht." Leider, dachte sie wütend. Einen Augenblick später fragte sie sich, was wohl das selbstgebastelte Schild bedeutete, das nahe an der Fahrbahn in den Boden gerammt worden war. "Bitte freihalten!" Ob jemand Möbel bekam und sich deshalb den günstigsten Parkplatz sichern wollte?

Doch Thea kümmerte sich nicht weiter darum. Als ihr Mann seine Pükerarbeit beendet hatte, brachten sie die Geräte weg und betrachteten vom Küchenfenster aus ihr Werk.

Plötzlich bog ein Kleinlaster um die Ecke. Knatternd hielt er vor ihrem Aufgang. Ein grobknöchiger Mann im schwarzen Overall sprang aus dem Fahrerhaus. Lässig betätigte er einen Hebel. Seine Stimme dröhnte hinauf bis zu den Bucks. "Frau Kowalski! Ihre Kohlen!"

Die Ladefläche hob sich, und dreißig Zentner Eierbriketts prasselten vor das Haus. Eine riesige Staubwolke verdunkelte das Sonnenlicht. Franjo Buck fiel staunend die Kinnlade hinunter.

Da hakte sich Thea bei ihm ein, schmiegte sich eng an ihn und flüsterte vergnügt: "Das ist doch nicht so schlimm, Liebling. Immerhin weht heute doch ein kräftiger Südwest ..."