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14.02.04 / Die Geschichtsschreiber sind gefragt / Vor 60 Jahren zerstörten Briten und US-Amerikaner das Benediktinerkloster Monte Cassino

© Preußische Allgemeine Zeitung / 14. Februar 2004

Die Geschichtsschreiber sind gefragt
Vor 60 Jahren zerstörten Briten und US-Amerikaner das Benediktinerkloster Monte Cassino
von Alfred Schickel

Die öffentliche Erinnerung an kriegerische Untaten der Sieger riskiert bei hiesigen "Vergangenheitsbewältigern" schnell die Verdächtigung, aufrechnen oder die deutschen Kriegsverbrechen "relativieren" zu wollen. So kommt es, daß die meisten Verstöße der Alliierten gegen die Landkriegsordnung dem Vergessen überantwortet bleiben. Und wenn sich die Nachwelt dennoch der einen oder anderen Terrorhandlung - wie der Zerstörung Dresdens - entsinnt, wird diese im Handumdrehen als Konsequenz vorausgegangener deutscher Barbareien erklärt. Der Satz von der "Rückkehr des von deutschem Boden ausgegangenen Unrechtes" wurde dafür zur gängigen Entschuldigungsformel und damit zum finalen Entlastungsspruch für die alliierten Täter.

Bleiben als "unverdächtige" Stimmen die überlieferten Zeugnisse der Zeitgenossen. Im Falle des am 15. Februar 1944 von alliierten Bombenflugzeugen zerstörten Benediktinerklosters auf dem Monte Cassino besonders die Äußerungen italienischer, US-amerikanischer und britischer Kirchenmänner.

So bezeugen der Verwalter der Abtei, Nicola Clementi, und der bischöfliche Delegierte des Verwaltungsbüros der Diözese von Monte Cassino, Francesco Salconio, "daß im Innern des Klosters und in seinem ganzen Umkreis keine deutschen Verteidigungsanlagen oder Truppen oder Kriegsmaterial irgendwelcher Art vorhanden waren". Ein Tatbestand, den der deutsche Oberbefehlshaber, Generalfeldmarschall Kesselring, im Spätherbst 1943 auf Vermittlung des Vatikans mit dem anglo-amerikanischen Oberkommando vereinbart hatte und mithin der alliierten Führung bekannt war. Die strikte Einhaltung dieser Zusage war durch besonders eingesetzte Absperrposten der Feldgendarmerie ständig überwacht worden. Selbst von der Erlaubnis, im Notfall Schwerverwundete vorübergehend im Kloster unterzubringen, hatte die deutsche Seite keinen Gebrauch gemacht. Das bestätigte auch der Abt des Klosters, Bischof Gregorio Diamare, in einer persönlichen Erklärung. Die Angabe der Anglo-Amerikaner, die Deutschen hätten das Kloster als "Stützpunkt für militärische Zwecke genutzt" und seien deswegen ursächlich für den Fliegerangriff verantwortlich, stellte sich damit als Schutzbehauptung heraus. Wenn sie je ernst gemeint war, konnte sie nur das Ergebnis von Mißtrauen sein, das daraus entstand, daß die deutsche Wehrmacht Monate vor dem Luftangriff beim vorsorglichen Abtransport der im Kloster befindlichen Kulturschätze mitgeholfen hatte und sich dabei auf dem Monte Cassino hätte heimlich einnisten können. Das dagegen stehende Offiziersehrenwort eines deutschen Feldmarschalls vermochte diese Unterstellung offenbar nicht aufzuwiegen. Die negativen Deutschland-Bilder hatten im fünften Kriegsjahr offenbar schon viele Köpfe erreicht und im Gegner nur noch den heimtückischen und wortbrecherischen Feind, dem man jede Schandtat zutraut, sehen lassen. Ähnlich wie die deutschen Propagandisten die Zerstörung des benediktinischen Mutterklosters von Monte Cassino als Ausdruck "klassischen Vernichtungswillens" und Zeichen "primitiven Kulturniveaus" bezeichneten.

Eine Beschimpfung, die ob ihrer Überzogenheit die gegnerische Seite letztlich wieder einte. Gleich nach der Zerstörung des Benediktinerklosters waren nämlich in den USA und in England offene Meinungsverschiedenheiten über diesen Luftschlag ausgebrochen. Führende Kirchenmänner hielten ihn für einen Unrechtsakt und sahen ihn als "gefährliche Weiterung des ohnehin schon problematischen Luftkriegs" an.

Erzbischof Spellman von New York schrieb dieserhalb am 20. Februar 1944 an Präsident Roosevelt und legte Protest gegen ein solches Vorgehen in Italien ein. Er kündigte sogar für den 22. Februar eine öffentliche Stellungnahme in seiner Bischofskirche an. Der anglikanische Bischof von Chichester, George Bell, nannte die Bombardierung nichtmilitärischer Ziele "eine Kriegshandlung, die nicht gerechtfertigt werden kann".

Beide konnten nicht durch Propagandafloskeln abgespeist werden, hatte doch der eine als Armeebischof der US-Streitkräfte genügend Einblick und Sachverstand, um das Notwendige vom Vermeidbaren unterscheiden zu können, und war der andere als Mitglied des britischen Oberhauses zu gut über die wahren Absichten der Bomberstrategen im Bilde, als daß er schönrednerischen Beschwichtigungen glaubte.

Prominente bischöfliche Mitbrüder Spellmans und Bells ordneten dagegen ihre Bedenken ihren patriotischen Gefühlen unter und beließen es bei menschlichem Bedauern. So gab beispielsweise der ehemalige Erzbischof von Canterbury, Dr. Lang, George Bell recht, daß "die Bombardierung gewisser deutscher Städte in letzter Zeit sehr viel weiter gehe als das, was ursprünglich von der Regierung erklärt worden sei", meinte aber, daß "die Bombardierung von Zivilpersonen und historischen Monumenten als eine bedauernswerte, aber unvermeidliche Begleiterscheinung der legitimen Bombardierung militärischer Ziele angesehen werden müsse". Der Sprecher des Oberhauses, Lord Cranborne, wurde noch deutlicher und sagte George Bell unverblümt: "Ich kann dem Bischof nicht die Hoffnung machen, daß wir unsere Bombardierungspolitik umstoßen werden", und lieferte gleich die Begründung: "Nur wenn wir die deutschen Städte vernichten oder das Leben in ihnen unmöglich machen, kann Großbritannien den von seinen Verbündeten geforderten und erwarteten Beitrag zum Sieg erfüllen." Unter politisch-ideologischem Einfluß war die militärische Auseinandersetzung für viele Führungsfiguren in den Operationsstäben mittlerweile zu einem erbitterten Glaubenskampf geworden, in welchem Ritterlichkeit und Menschlichkeit immer weniger galten. Eine Folge der beiderseitigen ideologischen Verhärtungen und Herabsetzungen, an deren Ende erklärtermaßen der "Endsieg" beziehungsweise die "bedingungslose Kapitulation" stehen sollte.

Hauptleidtragende waren die Wehrlosen zwischen den Fronten und die Zivilisten in den bombardierten Städten. Das wurde am 15. Februar 1944 beim alliierten Luftangriff auf das Kloster Monte Cassino vor aller Welt deutlich. Trotzdem wurde der kriegsrechtsverletzende Charakter des Angriffs von den Verantwortlichen nicht eingestanden. Das bewies die unverminderte Fortsetzung der von ihnen betriebenen Bombardements der Städte. Sie erfaßten in jener Zeit auch Rom und zogen den Vatikan in Mitleidenschaft. Als alle vorausgegangenen päpstlichen Warnungen und persönlichen Appelle an US-Präsident Roosevelt nichts fruchteten und die Luftangriffe auf die Ewige Stadt zunahmen, verurteilte sie Papst Pius XII. in einer öffentlichen Rede am 12. März 1944 als "unrühmliche Kriegführung, die kein Gesetz und keine Schranken" kenne, eine Kritik, die die Verantwortlichen in London und Washington in Unruhe versetzte. Roosevelt reagierte umgehend und entschloß sich, dem Papst auf einer Pressekonferenz öffentlich zu antworten. Sein Kriegspropaganda-Berater Wallace Carroll vom "Office of War Information" lieferte ihm die Strategie und die dazugehörigen Schlagworte. Danach sollten die Alliierten gegenüber den Klagen über den Bombenkrieg "aus der Defensive heraus zum Angriff übergehen", indem sie "die Schuld für jede Zerstörung, die vorkommt, den Nazis zuschreiben".

Eine Losung, die Roosevelt gern übernahm und zur Leitlinie seiner weiteren Kriegspropaganda machte, die schließlich auch das Kriegs-ende überlebte und heute als "Rück-kehr des Krieges in sein Ausgangs- land" den Deutschen das Recht auf die Trauer über ihre Toten streitig macht.

Stellt sich die Frage, ob das nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht schließlich der propagandistische "Endsieg" der Alliierten über die Kriegsverlierer ist.

Wenn die Volksweisheit gilt, daß im Leben der Völker der Sieger das erste Wort, der Verlierer das zweite Wort und der Historiker das letzte Wort hat, dann sind in Erinnerung an die Vorgänge vor 60 Jahren die Geschichtsschreiber gefragt.

Benediktinerkloster Monte Cassino: Vor (links) und nach (rechts) dem anglo-amerikanischen Luftangriff vom 15. Februar 1944