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21.02.04 / Gleichgültigkeit statt Dynamik / Verhältnis zur Politik hat sich seit der Adenauer-Ära grundlegend geändert

© Preußische Allgemeine Zeitung / 21. Februar 2004

Gleichgültigkeit statt Dynamik
Verhältnis zur Politik hat sich seit der Adenauer-Ära grundlegend geändert
von Carl Gustaf Ströhm

Daß "politisch Lied ein garstig Lied" ist, bestätigt sich als Binsenweisheit aus dem 19. Jahrhundert. Dennoch hat noch nie zuvor in normalen, das heißt friedlichen Zeiten, die Politik samt Politikern so viel an Glanz, Ansehen - und nicht zuletzt an Vertrauen - verloren wie in unseren Tagen. Es scheint, daß die Politiker des demokratischen Systems auch den letzten Rest an Respekt, den man ihren Vorgängern einst zollte, eingebüßt hätten.

Das war nicht immer so. Nach der Katastrophe von 1945 etablierte sich in Deutschland (genauer gesagt: in seinem westlichen Teil) eine in mancher Hinsicht neue, dann aber auch wieder "alte" Schicht von Politikern, die das Schicksal des in Ruinen liegenden Landes in ihre Hände nahmen. Es waren dies meist Angehörige der mittleren und älteren Generation, die sich noch gut an die Weimarer Republik erinnern konnten. Wer damals jung war, befand sich, falls er überhaupt überlebt hatte, meist in Kriegsgefangenschaft.

Man konnte zu den "Gerontokraten" und "Restauratoren" (wie sie damals zu Unrecht bezeichnet wurden) eine ganz unterschiedliche Einstellung haben, man konnte sie ablehnen oder bewundern - oder auch nur mit distanzierter Skepsis betrachten. Eines stand allerdings außer Zweifel: Niemand hätte es gewagt, die "neuen alten Männer", die teils auf Wunsch der Alliierten, teils auch im Widerstand gegen diese eingesetzt wurden, als korrupt, selbstsüchtig oder geldgierig zu bezeichnen (zumal das Geld damals ohnehin kaum etwas wert war).

Was ist also inzwischen mit der deutschen politischen Klasse geschehen? Heute wird sie von einem beträchtlichen Teil des Volkes (oder sollte man zeitgeistkonform gleich sagen: der "Bevölkerung"?) für unfähig und zum Teil auch unredlich und selbstsüchtig gehalten. Was noch erschreckender ist: Die Politik als solche - also das Sichküm-mern um die öffentlichen Angelegenheiten als solche - wird von vielen weder wahr- noch ernstgenommen. Die begabtesten und besten Studenten an den Universitäten empfinden für den politischen Betrieb der Parteien und Verbände nur noch kalte Verachtung. Selten war der Abgrund zwischen den "jungen Eliten", von denen man jetzt wieder spricht, und der politisch führenden, tonangebenden Schicht so tief wie heute. Manchmal wundert man sich, mit welchem Gottvertrauen (oder welcher Blindheit) die Mächtigen geschlagen sein müssen, wenn sie nicht sehen wollen, was in ihrem Rücken auf sie wartet.

Die jetzige politische Apathie - ich spreche von Deutschland, aber es trifft wohl weitgehend auch auf andere Länder zu - ist natürlich direkt oder indirekt eine Folge des schmählichen Versagens der großen und scheinbar alles erklärenden Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts. Faschismus und Nationalsozialismus endeten fürchterlich. Es ist heute kaum noch vorstellbar, daß diesen Bewegungen während ihrer Blütezeiten auch zahlreiche Intellektuelle nahestanden. Wer die heutigen Skinheads unter der kaiserlichen Reichskriegsflagge agieren sieht, ermißt das ganze Ausmaß des Abstiegs.

Zuletzt kam auch die kommunistisch-sozialistische Ideologie zu Fall: Eine Lehre, welche die endgültige Antwort auf alle Fragen zu geben versprach, verschanzte sich hinter Mauern und Stacheldraht - aus Furcht vor Veränderungen. Der Sieg des Kommunismus über den "Faschismus" erwies sich als purer Schwindel. Der Kommunismus selbst - und mit ihm ein wahrer Rattenschwanz von historisch-politischen (und psychologischen) Fehleinschätzungen - verschwand, zumindest optisch, von der Bildfläche. Die Ironie der Geschichte wollte es, daß sich inmitten des Auseinanderbrechens kommunistischer Ideen die deutschen Grünen als Konkursverwalter linker Utopien, gewissermaßen als "Spätzünder", etablierten - ein halb tragischer, dann aber auch wieder komisch anmutender Abgesang auf das ideologische Jahrhundert.

Um das Maß vollzumachen, folg-te nach dem Fall der Mauer und dem Auseinanderbrechen der Weltmacht Sowjetunion der Triumph des Neoliberalismus, das scheinbar unveränderliche "Ende der Geschichte". Es mag mehr als bloßer Zufall sein, daß sich ehemalige KP-Apparatschiks als besonders eifrige Adepten des Neoliberalismus und Großkapitalismus samt Globalismus erwiesen. Dabei bot die neoliberalistische "Ideologie" oder Weltanschauung eigentlich gar keine Antworten auf brennende Fragen außer der ziemlich unverblümten Aufforderung: "Bereichert euch!" Daß dies als Fundament für eine bessere und gerechtere Ordnung nicht genügte, mußte bald jedem halbwegs kritischen Beobachter klar werden.

Man mag über manche Kapriolen und Absurditäten sozialdemokratischer Sozialpolitik mit Recht die Nase rümpfen, der radikale Abbau nicht nur der Sozialpolitik, sondern der sozialen Gesinnung überhaupt - schlicht gesagt: des Mitleids - hat auch bei vielen konservativen Gemütern großes Unbehagen hervorgerufen. Hinzu kommt noch die Leichtigkeit, mit der namhafte deutsche Politiker (es fällt einem schwer, hier das Wort "Staatsmann" einzusetzen) sich über rechtmäßig erworbenes oder ererbtes Eigentum, etwa in der früheren DDR, hinwegsetzten.

In der zu Unrecht vielgeschmähten, angeblich "muffigen" - in Wirklichkeit aber weltoffenen und im Rahmen ihrer Zeit toleranten - Adenauer-Ära gab es gewiß auch Spannungen, Machtkämpfe und Skandale. Der Adenauer-Staat praktizierte aber einen bürgerlichen Stil - und er stellte sich in Repräsentanten dar, um welche die heutige Bundesrepublik Deutschland ihre "Ahnen" nur beneiden kann: Adenauer, Schröder (der damalige CDU-, nicht der jetzige SPD-Mann!), Blank, Lehr, Arnold - von der SPD Schumacher, Högner, Carlo Schmid, von der FDP Heuss, Mende (ein veritabler Ritterkreuzträger!), Höpker-Aschoff. Man könnte hier Dutzende von weiteren Namen aufzeichnen.

Vor allem aber: Die Deutschen nahmen damals die Politik mit ihren schicksalhaften Entscheidungen sehr ernst. Die damaligen Jahre waren voll Dynamik und Dramatik - und wenn der alte Adenauer im Bundestag in rheinischem Tonfall von der "Zofjetunion" sprach, war niemandem zum Lachen zumute. Interessant und nicht ohne Bedeutung mag die Tatsache sein, daß im Bundestag wie im gesamten öffentlichen Bereich damals viel vom "Volk" gesprochen wurde - nicht wie heute von der "Bevölkerung" oder der "Gesellschaft". Adenauer als Kanzler sprach sogar von "unserem deutschen Volk". Seit einiger Zeit hat man den Eindruck, daß der Begriff "Volk" nicht nur von den Linken, sondern auch von den Unionsparteien eher gemieden wird, zugunsten von eher schwammigen Konstruktionen. Aber gerade solche Verlegenheitskonstruktionen tragen nicht dazu bei, das Zutrauen und die Integrationskraft in die Politik und die Politiker zu stärken.

Natürlich sind Verteilungskämpfe, Renten, Arbeitslosigkeit und Steuerreform wichtige Themen. Aber darüber hinaus gibt es auch noch "höhere" Fragen - etwa: Zu welchem Zweck und mit welchem Ziel ist dieses Schifflein Deutschland unterwegs im unendlichen Ozean von Raum und Zeit? Was wollen wir eigentlich erreichen? Wollen wir überhaupt etwas erreichen - von persönlicher Bereicherung und einem gewissen Wohlleben einmal abgesehen. "Harter Pflichten tägliche Bewahrung, sonst bedarf es keiner Offenbarung", lautete einmal ein Spruch, den man getrost als "preußisch" bezeichnen kann. Kann man aber der heutigen Generation mit solchen Sprüchen kommen, die gelernt haben will, daß die Wurst von Jahr zu Jahr größer zu werden hat?

Ein gescheiter Beobachter der deutschen Dinge sagte neulich, die gegenwärtige Situation sei insofern absurd, weil die Unzufriedenheit mit der SPD noch nie dagewesene Ausmaße erreicht habe. Werfe Schröder demnächst das Handtuch und komme es zu Neuwahlen, erhielte die CDU/CSU zwar die absolute Mehrheit - aber auch sie sei ratlos und wisse nicht, wie es weitergehen solle. Vor allem aber: sie habe keine wirklich überzeugende personelle Alternative. Das Stichwort - geradezu die Gretchenfrage - lautet: "Sag mir, wo die Männer sind!"

"Sag mir, wo die Männer sind": Vom Außenminister der Adenauer-Ära, dem CDU-Politiker Gerhard Schröder (l.), zum Medienkanzler unserer Tage, dem Sozialdemokraten Gerhard Schröder. Fotos (2): CDU, SPD


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