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21.02.04 / Ein Schlubberchen zuviel

© Preußische Allgemeine Zeitung / 21. Februar 2004

Ein Schlubberchen zuviel
von Heinz Kurt Kays

Es war beileibe nicht so, daß sich der Herbert Willkuhn etwa im Banne des Alkohols befunden hätte. Das konnten selbst die bösesten Zungen in Salkutten keinesfalls behaupten. Und davon gab es doch den einen oder anderen in dem masurischen Kirchdorf, wo besagter Herbert Willkuhn einen ansehnlichen Hof von gut 130 Morgen sein eigen nannte. Er hatte ihn von seinen Eltern geerbt und wirtschaftete nun schon seit fast 20 Jahren drauf los.

Was heißen soll, er baute Kartoffeln an, und Roggen, auch etwas Buchweizen sowie Hafer. Und in seinem ziemlich umfangreichen Stall standen so Stücker 15 Milchkühe samt ihren Kälberchen und - natürlich - immer drei oder gar vier kräftige Arbeitspferde aus Ermländer Zucht. Von Schweinen, Gänsen, Hühnern samt ihrem Hahn und ähnlichem Viehzeug soll hier geschwiegen werden. Man sieht bereits aus dieser Aufzählung, daß es sich bei dem Herbert Willkuhn um einen gestandenen und gutsituierten Bauern handelte, der von Wohlhäbigkeit sozusagen umgeben war.

Unser masurischer "Landwirt", wie er sich gelegentlich auch zu nennen beliebte, war für ein gutes Schlubberchen allzeit zu haben. Einmal stand er mit seinem Freund und Nachbarn Bruno Schneidereit an der Theke des Dorfkrugs von Salkutten. Beide hatten sie schon den einen oder anderen Grog hinter die Binde gegossen, denn es war Winter draußen und lausig kalt. Und darüber hatten sie sich sozusagen in ein philosophisches Gespräch hineingetrunken. "Man muß", so sagte ziemlich unvermittelt der Herbert Willkuhn mit etwas schwerer Zunge, "man muß seinem Körper nich alles durchlassen. Zum Beispiel soll man ihn daran gewöhnen, daß er nich immer kriegt, was er will."

Bruno Schneidereit blickte etwas erstaunt von seinem halbgefüllten Glas auf und begehrte zu wissen: "Wie meinst du das?" Sein Nebenmann klärte ihn bereitwillig auf: "Wenn - nehmen wir mal an - der Körper Wasser haben will zum Trinken, denn darf man nuscht darauf geben. Also, er bekommt nich Wasser, er bekommt Rum!" Nach einem Weilchen intensiven Simulierens kam die Gegenfrage: "Und was ist, wenn er Rum haben will? Gibst ihm denn Wasser vielleicht?" Herbert Willkuhn winkte der Schankmarjell und bestellte noch eine Lage. Dann meinte er gelassen: "Nu nei, denn manchmal muß man ihm auch seinen Willen lassen, dem Körper."

Auch in Salkutten war seinerzeit das Skatspiel als Wirtshausunterhaltung überaus beliebt. Im Dorfkrug wurde vor allem am Samstagabend - also nach einer durchweg arbeitsreichen Woche - an den meisten Tischen Karten "gekloppt" und gereizt auf Teufel komm raus. Selbstverständlich war auch der Bauer Willkuhn mit Begeisterung dabei. Zusammen mit seinem engsten Nachbarn Schneidereit, dem Bahnhofsvorsteher Platz sowie dem "Postrat" Lippkiss gehörte er zu einer Skatrunde, die sich regelmäßig zu einer gemütlichen Partie traf.

Wieder einmal stand ein zünftiges Spielchen mit allen Schikanen auf dem Programm, mit Grand Hand also, mit Null ouvert und ganz selbstverständlich auch mit dem gefürchteten Ramsch. Unser Herbertchen erschien voller Vorfreude pünktlich auf die Minute im Krug, blickte sich in der gemütlich-verräucherten Wirtsstube um und mußte feststellen, daß von seinen Skatpartnern niemand zu sehen war. Erstaunt erkundigte er sich bei der Bedienung, die gerade an der Theke frisches Bier zapfte: "Noch keiner da von den Pomuchelsköppen?"

Die dralle Marjell, die man getrost zum Typ "etwas unbedarfte Landpomeranze" rechnen durfte, richtete ihre freundlichen Kuhaugen auf Herbert Willkuhn und erwiderte in aller Unschuld: "Nei, Sie sind der erste." Was unseren Skatbruder naturgemäß zuerst etwas stutzen ließ. Doch schnell erkannte er, wie der Hase gelaufen war, und über sein rotwangiges Gesicht zog ein behaglich-vergnügtes Schmunzeln. Und zur Ehre dieses masurischen Bauern soll hier angemerkt sein, daß er der Bedienungsmamsell beim Bezahlen der Zeche ganze drei Groschen Trinkgeld in die Hand legte und nicht - wie sonst immer - lediglich einen einzigen.

Nicht nur Skatspielen zählte zu den Vorlieben von Bauer Willkuhn aus Salkutten. Nein, zu seinem Hof gehörten auch ein paar Morgen Wald, und darin besaß er das Jagdrecht, welches er mit großer Begeisterung ausübte. Gelegentlich nahm er sogar Bruno Schneidereit mit ins Revier, obwohl die Schießkünste seines Nachbarn alles andere als berühmt waren. Dafür brannte dieser den stärksten Schnaps weit und breit, und davon brachte er stets ein nicht zu kleines Fläschchen mit, woraus sich die beiden Jagdgenossen immer schön abwechselnd so manchen Schluck genehmigten.

Da kam mit eins ein Hase angehoppelt und stand sozusagen schußgerecht vor den etwas überraschten Weidmännern. Schneidereit riß jedoch nach einer Schrecksekunde die Flinte hoch und feuerte los. Jedoch - der Mümmelmann war

heilgeblieben. Er machte nur kurz Männchen, äugte anscheinend scha-denfroh zu dem Schützen herüber und verschwand ohne sonderliche Eile hinter einem Kaddik. Herbert Willkuhn starrte ihm reichlich konsterniert hinterher. "Mensch Bruno", so fauchte er seinen Freund an, "das Krät von Has' war so nah, hätt'st ihn fast erschlagen können mit der Flinte und denn schießt doch vorbei!"

Nachbar Schneidereit blickte völlig bedröppelt drein. Endlich wies er entschuldigend auf die fast leere Flasche und sagte: "War wohl ein Schlubberchen zuviel. Da hab ich das Has'chen doppelt gesehen. Und da werd' ich auf den falschen geschossen haben." Bei derartigen Jagdgästen war es nicht weiter verwunderlich, daß Herbert Willkuhn auf die Frage, warum es so wenig Wild gebe in seinem Revier, mit dieser Antwort aufwartete: "Früher", so meinte er mit leicht ironischem Unterton, "früher waren hier immer paar Hasen und Rehe. Aber dann kam dieser und jener, und alle haben sie rumgeknallt rein dammlich. Da ist den Viechern zu ungemütlich geworden und sie sind rübergewechselt ins nächste Revier ..."

Man sieht, die hohe Kunst des Jägerlateins hatte sich Herbertchen recht schnell angeeignet. Und er hat sie nach und nach zu höchster Perfektion entwickelt. Eine seiner Geschichten soll hier wiedergegeben werden, vor allem deshalb, weil sie von der Elchjagd handelt. Dazu war unser Masure von einem Bekannten eingeladen worden in jenes Wald- und Moorgebiet im Norden Ostpreußens, nahe an Memel und Ruß, wo das urweltliche Tier noch heimisch war.

Wieder heimgekehrt nach Salkutten berichtete Herbert Willkuhn, der bäuerliche Jäger, einer gespannt lauschenden Runde im Dorfkrug dieses: "Der Elch", so sprach er bedeutungsschwer, "der Elch ist von allen Tieren das schlauste und gefährlichste. Wird man von einem solchen Riesenhirsch verfolgt, ist man meist unrettbar verloren. Läuft man fort, dann läuft das Biest hinterher. Springt man in einen See und schwimmt los, schwimmt der Elch auch. Und klettert man auf einen Baum, klettert er sofort nach ..."

Letzteres war dann doch zu starker Tobak. Unter den Zuhörern erhob sich jedenfalls ungläubiges Gemurmel. Konnte ein Elch auf Bäume klettern? Das schien manchem kaum vorstellbar. Andererseits, wer wollte das genau wissen? In den Wäldern um Salkutten hausten keine Elche, man kannte die Viecher also nicht "in natura". Also verebbte das Protestgemurre allgemach. Einer aus der Runde hatte jedoch eine Frage: "Und was ist, wenn man sich versteckt, hinter einen Baum vielleicht?" Da aber setzte Herbert Willkuhn sogar noch einen drauf: "Dann versteckt sich der Elch auch", sagte er seelenruhig und nahm einen tiefen Zug aus dem frischgefüllten Bierglas.

Bei einem einzigen Schluck blieb es damals und auch fürderhin allerdings nicht. Ebenso leistete sich der Bauer und Jäger Willkuhn stets umfangreiche und gehaltvolle Mahlzeiten wie Schwarzsauer von der Gans, Königsberger Klopse mit Kapern, Schweinebraten mit gedünsteten Wruken oder auch eine Erbsensuppe mit fetten Speck. Weitere seiner Leibgerichte sollen nicht aufgezählt werden. Es wird deshalb niemand arg verwundern, daß Herbertchen eines Tages den Doktor rufen mußte, und zwar den alten Medizinalrat Materna aus der nahen Kreisstadt. Der kam in seiner zweispännigen Kutsche im Trab auf den Hof des Patienten gefahren, musterte den mächtig in die Breite gegangenen Patienten, fühlte ihm den Puls, schaute in den Hals und tastete den umfangreichen Bauch ab. Dann entschied er kurz und bündig: "Muß tüchtig abgespeckt werden, so um die 20 Kilo mindestens. Also, von jetzt ab zum Mittagbrot Haferflokkenbrei, in Wasser gekocht und ohne Zucker. Außerdem keinen Tropfen Alkohol die nächsten drei Monate." Als er den sozusagen weidwunden Blick von Herbert Willkuhn bemerkte, da schränkte er sein Verbot ein: "Na ja, am Abend vielleicht ein Gläschen Rotwein, mehr nicht!"

Als das Vierteljahr vergangen war, erschien der Arzt erneut in Salkutten. "Nun", fragte er streng, "hat man sich an meine Vorschriften gehalten?" Sein Patient nickte etwas gequält. Doch dann mischte sich seine ihm seit langem angetraute Ehefrau ein: "Nu ja doch, Herr

Doktor", sagte sie, "Mit den Haferflocken, da ist er so sechs Wochen im Rückstand. Aber mit dem Rotspon bestimmt zwei Monate im voraus!" Und so hielt es - wie die Sage ging unter seinen Freunden und Verwandten - der Herbert Willkuhn weiterhin all sein Lebtag.

Tiefer Winter: In der Johannisburger Heide Foto: Bosk


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