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13.03.04 / Altes wegwerfen oder aufbewahren? / Eine Betrachtung aus dem Alltag

© Preußische Allgemeine Zeitung / 13. März 2004

Altes wegwerfen oder aufbewahren?
Eine Betrachtung aus dem Alltag
von Christel Bethke

Als ich heute meinen Rock abholen ging, bot mir die Frau des Schneiders den abgeschnittenen Rest an. Zunächst verstand ich sie nicht recht, denn sie ist Ausländerin, und erst als sie den Streifen über dem Abfallkasten schwenkte, begriff ich und winkte ab. Weg damit. Wozu aufheben? Unterwegs, das Wetter hatte sich aufgehellt und verlockte zu einem Umweg, hatte ich immer noch diesen Streifen Stoff im Kopf, und plötzlich kam mir die Flickerkiste meiner Großmutter in den Sinn. Eigentlich war es ein Karton, in dem ich leidenschaftlich gern kramte. Wenn man die Tür zur kleinen Stube aufmachte, standen gleich links zwischen Tür und Fenster Omas Nähmaschine und gleich daneben der Karton mit den Resten.

Ob Oma wirklich gut nähen konnte, wage ich zu bezweifeln. Aber sie besserte alles aus, verlängerte, kürzte, setzte Flicken auf abgewetzte, schon dünn gewordene Stellen und nähte wohl auch nach einem Schnittmuster einfache Kleider und Schürzen. Etwas gab es immer zu benähen. Heute noch sehe ich sie an der Maschine sitzen, das Schiffchen einsetzen, nachdem der Unterfaden aufgespult war, mit der Hand das Rad in Schwung setzen und mit dem Fuß den Rhythmus angeben. Irgendein Kirchenlied vor sich hinsummend, verbreitete sie eine Atmosphäre der Ruhe. Ob man die Maschine versenken konnte? Ich glaube nicht, sie wanderte nur in den Keller, da sie als zu schwer angesehen wurde, um auf den großen Treck mitgenommen zu werden. Aber darum soll es hier nicht gehen, es geht um die Flicken, die übrigblieben und sorgfältig gesammelt wurden. Aufgerollt wie Rouladen, das größte Stück als Deckblatt dienend und mit schmalem Streifen umwickelt, warteten sie auf ihren Auftritt. Wissen konnte man ja nie.

Wie liebte ich diesen Karton mit der Vielfalt seines Inhalts. Diese entzückenden kleinen Stückchen Stoff mit Mustern von längst verschlissenen Kleidern und Schürzen erregten meine Phantasie, und ich bettelte, mir zu erzählen, was das mal war. Wie hatte das Kleid ausgesehen, wem hatte es gehört? Die dicken Reste mochte ich nicht. Von irgendwelchen Mänteln, die zu Joppen geworden waren, sammelte Großmutter diese Reste für ihre Wuschen. Dazu wurden die Vorlagen vorgeholt, festgestellt, ob die Pappsohlen noch groß genug waren, wenn ja, danach mehrere Sohlen ausgeschnitten, in Lagen übereinander gelegt und zusammengeheftet. Darauf kam dann das Oberteil; hatte man Glück, war es aus einem anderen Rest geschnitten und mit einem Schrägstreifen aus dem dünneren Stoff zusammengefaßt. Toll! Großmutter muß die Erfinderin der Espadrilles gewesen sein, denn Jahrzehnte nach ihrem Tode sah ich ähnliche Fußbekleidung in Griechenland.

Und was noch alles aus den Resten entstehen konnte! Diese Kunst, aus den verschiedenen kleinen Stoffstückchen etwas Neues entstehen zu lassen, war einfach großartig. Kissenbezüge, Decken. Wunderschön. Den Begriff dafür - "Patchwork" - lernten wir erst später kennen. Dann gab es da noch die berühmten Flickerdecken, Läufer, die aus Stoffstreifen entstanden. Alles, was man nicht mehr verwenden konnte, was schon altersschwach in der Garderobe war, wurde in lange Streifen geschnitten, zu riesigen Knäueln aufgewickelt, verschickt und kam dann als bunter Läufer zurück. Diese Art der Verwertung aller Reste drückte genau das aus, was das Leben dieser kleinen Leute ausmachte. Sie waren groß darin, aus dem Wenigen, was sie besaßen, das größtmögliche Resultat zu erzielen. Richtig Staat war mit diesem Menschenschlag nicht zu machen, und der heutige Staat würde seine Wirtschaft durch sie gewiß nicht ankurbeln können. Aber wirtschaften, das konnten sie.

Besteht das Leben der Menschen nicht selbst aus lauter Flicken? Ein wenig Seide, Manchester, Filz, Spuren von Brokat, überwiegend aber Baumwolle und Leinen - alles in allem keine schlechte Melange aus Gottes Flickerkiste, oder etwa nicht?


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