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13.03.04 / Auf den Spuren Sudermanns / Ein Ausflug von Königsberg nach Tilsit führt an manch geschichtsträchtiger Stätte vorbei

© Preußische Allgemeine Zeitung / 13. März 2004

Auf den Spuren Sudermanns
Ein Ausflug von Königsberg nach Tilsit führt an manch geschichtsträchtiger Stätte vorbei
von Horst Glass

Als Hermann Sudermann die 1917 veröffentlichte Erzählung "Die Reise nach Tilsit" schrieb, hat er bestimmt nicht geahnt, daß eine Reise von Königsberg in die Memelstadt einmal zu einer Staatsgrenze führen wird. Inzwischen ist es Realität.

Über Königsbergs einstige Königsstraße geht es vorbei an dem 1765 erbauten und seit 1811 offiziell als Königstor bezeichneten Stadttor zu- nächst in Richtung Devau, wo sich der Flugplatz der Stadt befindet, und dann nach Neuhausen mit seiner inzwischen nur noch als Ruine vorhandenen Burg aus dem Jahre 1292. In jenem Bauwerk des samländischen Domkapitels wurde die 1568 verstorbene Anna von Braunschweig die zweite Ehefrau des ersten Preußenherzogs Albrecht. Das inmitten eines wildreichen Jagdgebietes gelegene Domizil gehörte zu den Lieblingsorten des brandenburgischen Kurfürsten Georg Wilhelm, der von 1619 bis 1640 auch Preußens Herzog war.

Weiter führt von Neuhausen die Straße, streckenweise parallel verlaufend zu den Gleisen der Kleinbahn von Königsberg nach Schaaksvitte, in Richtung Labiau, und wir erinnern uns des 1605 in Memel geborenen Dichters Simon Dach, der abseits des Weges nach Labiau hier irgendwo seinen ihm vom Kurfürsten zuerkannten Landsitz besaß. Unweit von Labiau selber, wo eine 1257/58 als Wasserburg erbaute Ordensfeste heute einen Wirtschaftsbetrieb beherbergt, erfocht das Heer des Deutschen Ordens unter Hennig von Schindekopf einen bedeutenden Sieg über die Streitmacht der ständig, Jahre und Jahrzehnte hindurch in das Ordensgebiet einfallenden Litauer, die mit ihren Kriegszügen die Existenz des Ordensstaates bedrohten.

Über die Deime, wo die Adlerbrücke durch einen neuen Flußübergang ersetzt wurde, geht es nun weiter, zunächst nach Liebenfelde, dem einstigen Mehlauken. Die 1846 hier eingeweihte evangelische Kirche im Stile der Potsdamer Friedenskirche war nur einer aus einer Fülle von Kulturbauten aus der Regierungszeit des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm IV.

Rasch ist von Liebenfelde die Ortschaft Kreuzingen erreicht, die in vergangenen Zeiten, noch als Skaisgirren, ein Wegekreuz der Straßen nach Insterburg und Tilsit war und heute ein Siedlungsraum jener Rußlanddeutschen ist, die nach ihrer Vertreibung aus der Heimat durch Stalin inzwischen hier - zumindest vorübergehend - ein neues Zuhause gefunden haben.

In nordöstlicher Richtung geht es nun Tilsit entgegen durch eine Region, die zu großen Teil durch Brachland geprägt ist. Mit der kreisfreien Stadt wird nun schnell ein geschichts- trächtiger Ort erreicht. Obwohl Frontstadt während vieler Monate im Winter 1944 bis 1945 ist in der Memelstadt auch heute noch die Vergangenheit lebendig, und hinter fast jeder Straßenecke findet man Zeugnisse der Geschichte.

Im Zusammenhang mit der Burg Splitter findet dieser Siedlungsraum 1365 erstmals urkundliche Erwähnung. 1407 gründete der Deutsche Orden die Burg Tilse. Rasch siedelten sich Handwerker an, und es entstand die Stadt. Noch vor ihrer Erhebung zur Stadt ließen sich 1514 Franziskaner in Tilse nieder, deren klerikale Arbeit freilich nach der Gründung des protestantischen Herzogtums Preußen nicht in vollem Umfang fortgesetzt werden konnte. 1552 erfolgte dann die Verleihung der Stadtrechte durch Herzog Albrecht.

Es folgt eine lange Phase des Aufstiegs. In der Übergangszeit vom 16. in das 17. Jahrhundert wird die erste Kirche in der Stadt erbaut, die den Namen des Reformators Martin Luther bis zu ihrer Vernichtung tragen sollte. In der Mitte des nachfolgenden 18. Jahrhunderts, Preußen war inzwischen Königreich und Friedrich der Große sein Regent, wurde das barocke Rathaus erbaut, dem 1757 die Landkirche, auch Litauische Kirche genannt, als sakrales Bauwerk folgt. Die ständig anwachsende Bevölkerung machte noch im selben Jahrhundert den Bau zweier weiterer Gotteshäuser, eines katholischen und eines reformierten, notwendig.

Eine besondere Bedeutung erfuhr Tilsit während der napoleonischen Kriegs- und Eroberungszüge im 19. Jahrhundert. Am 6. Juni 1802 traf der Korse mit Königin Luise in der Memelstadt zusammen. Die Ehefrau Friedrich-Wilhelms III. und Mutter Friedrich Wilhelms IV. und Wilhelms I. vermag trotz ihres Charmes den französischen Kaiser jedoch nicht zu bewegen, Preußens schweres Los in dieser kriegerischen Zeit zu mildern.

An die große Preußin erinnern noch heute in der Memelstadt die Überreste der 1907 geweihten Luisenbrücke. Ein unweit der Brückenruine von der russischen Administration und Bürgern der Stadt errichteter Gedenkstein erinnert an den Frieden von Tilsit, den Napoleon am 9. Juni 1802 mit Zar Alexander I. und Friedrich Wilhelm III. schloß.

Mit den Befreiungskriegen untrennbar verbunden ist der Name eines Tilsiters, der, obwohl er seine Heimat verließ, dennoch der Stadt für alle Zeiten zugehört. Sowohl als Freiheitsdichter als auch als preußischer Beamter ist Gottlob Ferdinand Maximilian Gottfried von Schenkendorff ebenso wenig fortzudenken aus der Geschichte Deutschlands wie der Tilsits. Auch die russischen Einwohner Tilsits werden an den Freiheitsdichter erinnert durch eine Gedenktafel in deutscher und russischer Sprache, die an seinem Geburtshaus angebracht ist. In ähnlicher Weise wird der 1917 in der Memelstadt geborene Dichter Johannes Bobrowski geehrt, der mit seiner Lyrik ebenso wie mit seinen Romanen Beachtung fand.

Ein Gang durch die Hohe Straße führt nicht nur vorbei an der alten Tilsiter Post, sondern auch wenige Schritte von dieser entfernt zu jenem Haus, von dessen Fassade nach wie vor ein steinerner Ordensritter herabblickt auf die Tilsiter, freilich entwaffnet durch die Entfernung des Schwertes aus seinen Händen.

Abschied nehmend von der Stadt erinnert man sich des Hauptmanns von Köpenick, der hier 1849 als Wilhelm Voigt geboren wurde, oder an "Hanneken", wie die Tilsiter liebevoll ihre 1858 geborene Dichterin Johanna Wolff nannten.

Die Memelstadt zurücklassend führt der Weg nun südwärts nach Breitenstein, dem früheren Kraupischken. Der erste Geistliche dieser von Salzburger Emigranten geprägten Gemeinde, Augustin Jamund, hat das Neue Testament ins Litauische übersetzt.

Weiter geht es durch ein breites, von der letzten Eiszeit in Europa geschaffenes Urstromtal, durch das sich die Inster ihr Bett geschaffen hat bis zu ihrer Einmündung in die Angerapp, von der nicht weit entfernt, in Georgenburg, sich heute wieder ein Gestüt befindet. Wie das weiland 1828 von Wilhelm v. Simpson begründete befaßt sich auch dieses mit der Zucht von Vollblutpferden. 1882 wurde auf dem 54 Jahre zuvor gegründeten Gestüt William von Simpson geboren, der als vielseitiger Literat und Reiseschriftsteller ein gut informierter Schilderer des Wilhelminismus gewesen ist. So spielt denn auch die Romantrilogie "Die Barrings", sein möglicherweise bekanntestes Werk, dessen letzten Band er nach der Vertreibung aus Ostpreußen schrieb, in eben jener wilhelminischen Zeit.

Von Georgenburg ist nun rasch das Stadtgebiet von Insterburg erreicht. Ein wenig abseits der Straße erinnert ein Gedenkstein an Ännchen von Tharau, die hier ihre letzte Ruhe fand. Ursprünglich nur eine Burg verlieh Markgraf Georg Fried-rich Insterburg 1523 das Stadtprivileg. Etwa sechs Jahre, von 1642 bis 1648, wohnte in dem Insterburger Schloß Königin Maria Eleonore von Schweden, eine Schwester des Großen Kurfürsten. 1831 kam in Insterburg Ernst Wichert zur Welt, der als preußischer Beamter in Königsberg und Berlin lebte. Der bedeutende Dichter war eng befreundet mit Felix Dahn, der in Ostpreußens Hauptstadt mit seinem Roman "Ein Kampf um Rom" den Goten ein unvergängliches Denkmal setzte. Von den vielen Insterburgern, die zu erwähnen wären, sollte man nicht Paul Schlenther vergessen, der als Schriftsteller und mehr noch als Theaterleiter sich einen Namen gemacht hat. Er gehört zu den Mitbegründern der "Freien Bühne" in Wien und amtierte von 1898 bis 1910 als Direktor des Wiener Burgtheaters.

Auf dem Weg nun nach Königsberg, über weite Strecken dem Verlauf der alten Reichsstraße 1 folgend und fast in ständiger Nachbarschaft zum Pregel, ist nächster Zielpunkt Tapiau. Dabei geht es an Wehlau vorbei, dessen Pferdemarkt ab 1896 sich der größte Europas nennen konnte. Bereits für das 14. Jahrhundert läßt sich hier Pferdehandel nachweisen. In die Geschichtsbücher gelangte die kleine Pregelstadt durch den Wehlauer Frieden vom 19. September 1657, in dem Polen Preußen die Souveränität gewährte, die es ihm 1525 genommen hatte.

Mit Tapiau ist nun rasch die letzte größere Station der Reise erreicht. In diesem Lebensraum von Pruzzen und Deutschen am Ausfluß der Deime aus dem Pregel hat bereits Ottokar II. von Böhmen 1255 geweilt. Die Ordensburg selber wurde durch ein Reglement von Friedrich Wilhelm II. der landständigen Verwaltung übergeben. Sie wurde nacheinander als Landesarmen- und Besserungsanstalt genutzt, bevor sie im Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert Blinde und Taubstumme und schließlich auch Geisteskranke beherbergte. Nach der Vertreibung der Tapiauer nahm die Rote Armee von ihr Besitz, und heute noch ist diese Anlage militärisches Sperrgebiet. Zwei bedeutsame Tapiauer wurden im 19. Jahrhundert geboren, die nicht vergessen werden dürfen. Als Sohn eines Lohgerbers wurde in einem noch heute bewohnten Haus nahe des Pregel 1858 Lovis Corinth geboren. Er hat als Porträtmaler, Lithograph und Zeichner ebenso seinen Platz in der Malerei gefunden wie der 1892 ebenfalls in Tapiau zur Welt gekommene Ernst Mollenhauer, dessen künstlerische Heimat die Kurische Nehrung wurde, die seinen Arbeiten den Inhalt gab.

Rasch findet nun der letzte Abschnitt dieser Tagesfahrt sein Ende mit der Ankunft in Königsberg. In der Abendröte eines bewußt durchlebten Tages wird einmal mehr zur Gewißheit: Unsterblich bleibt die Heimat.

Ziel und Wendepunkt der Ausfahrt: Die Königin-Luise-Brücke über die Memel in Tilsit Foto: Glass


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