19.01.2022

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13.03.04 / "Seife, Suppe, Seelenheil"

© Preußische Allgemeine Zeitung / 13. März 2004

"Seife, Suppe, Seelenheil"

Über 70 Nationalitäten in einem Gebiet von der Größe Schleswig-Holsteins, knapp eine Million Einwohner, davon etwa die Hälfte in der Stadt Königsberg. In diesem Gemisch auch ungefähr 6.000 Rußlanddeutsche, deren Zahl sich ständig ändert wegen verschiedener Schübe von Fluktuation. Derzeit beherrscht die Sorge um die politische und wirtschaftliche Zukunft der russischen Exklave alle Gemüter. Die Republik Polen und die Republik Litauen wollen dieses Jahr Mitglieder der EU werden, sie "umzingeln" das Königsberger Gebiet, machen den Grenzübertritt noch schwieriger, als er ohnehin schon ist. Hat Königsberg als Sprungbrett in die Bundesrepublik Deutschland ausgedient?

Viele Menschen resignieren vor der Not und Enge des Alltags, haben vielfach russische Partner, scheitern an den vorgeschriebenen deutschen Sprachprüfungen, sind wandermüde, möchten im Königsberger Gebiet eine neue Existenz finden. Sie haben Anfragen an den christlichen Glauben, suchen Zuspruch, Geborgenheit und materielle Hilfe durch die Kirche(n).

In einem Geflecht von altem Kommunismus, neuem Kapitalismus, Krisen und Korruption stehen die großen Kirchen des Westens vor einer neuen Herausforderung. Sie haben sich rufen lassen, um zu helfen, nach dem Zusammenbruch des Sowjetregimes neue Werte zu schaffen. "Seife, Suppe, Seelenheil" - dieser Slogan zeigt die wichtigsten Inhalte der kirchlichen und sozialen Arbeit, meistens auch in dieser Reihenfolge. Wo ist der liebende Gott in diesem Elend? Warum läßt Gott das Leid zu? Da regnet es herein durch das morsche Dach, dort sind es die vielen bettelnden Straßenkinder, bei Familie X brannte die Wohnung aus durch marode elektrische Leitungen. Unregelmäßig gezahlte Löhne, hoher Alkoholismus und Aids, fehlende Winterkleidung. - "Eine Kuh ernährt eine Familie" - "Eine Nähmaschine für die Heimarbeit": mit diesen Sätzen konnte schon zu manchem Neuanfang geholfen und manche Hilfe zur Selbsthilfe in Gang gesetzt werden.

Mit meinem Mann habe ich, eine gebürtige Königsbergerin, von Januar 1999 bis September 2002 fast vier Jahre lang in Königsberg gelebt und gearbeitet, unter anderem auch als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit. Mein Mann war in diesen Jahren als Propst für den Aufbau und die Weiterführung der 42 evangelisch-lutherischen Gemeinden verantwortlich, die seit der Wende und der Öffnung des ehemaligen Sperrgebietes entstanden sind. Zu den katholischen Gemeinden besteht ein sehr harmonisches Verhältnis; die Not der Menschen hat überall das gleiche Gesicht.

Wer ein Stück seines Herzens in der Aufbauarbeit im nördlichen Ostpreußen verloren hat, kann auch im Ruhestand nicht untätig bleiben. Mein Mann und ich widmen uns weiterhin der Öffentlichkeitsarbeit in Wort und Bild zu diesem Thema in seinen vielen Facetten. Aus dem Spendenaufkommen ließ und läßt sich auch weiterhin manche Notlage entschärfen. Viele kleine Bausteine ergeben ein neues materielles und geistliches Lebensgebäude. Luise Wolfram


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