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20.03.04 / Tanz der Kraniche

© Preußische Allgemeine Zeitung / 20. März 2004

Tanz der Kraniche
von Renate Dopatka

Immer hatte er gehofft, daß sie ihm die Fragen stellen würden. Daß seine Frau oder die Kinder Interesse zeigten für das Land, dem er entstammte und an dem er in unverbrüchlicher Treue hing. Wären diese Fragen gekommen - aus ehrlichen, wißbegierigen Herzen -, so hätte er angefangen zu erzählen. Von einer entbehrungsreichen und doch mit tausend Freuden gespickten Kindheit, vom Zug der Wildgänse und vom faszinierenden Tanz der Kraniche, wenn diese im Frühling mit lautem Flügelschlagen in die Luft sprangen und so das Fest der wiedererweckten Natur feierten.

Doch was er zu erzählen wußte, blieb ungesagt. Niemand fragte ihn, und von sich aus hätte er, der Schweigsame, Verschlossene, nie von Dingen gesprochen, die die anderen vielleicht nur gelangweilt hätten. Lediglich in stillen, einsamen Momenten wanderten die Gedanken heimwärts, erwachte ein alter Traum zu neuem Leben.

Irgendwann gab es dann auch für ihn immer weniger zu tun. Nicht mehr tatkräftiges Handeln bestimmte seinen Tagesrhythmus, sondern Passivität und bloßes Zusehen. Nach dem Tod seiner Frau wurde es noch stiller um ihn her. Wohl sahen die Kinder bei ihm regelmäßig nach dem Rechten, aber wenn sie dann fort waren, wußte er, daß es schwerlich noch zu einem echten Gedankenaustausch mit ihnen kommen würde. Etwas war ihm jedoch geblieben: der Reichtum an Erinnerungen. Und so wärmte er sich an den Bildern seiner Kindheit, dankbar, daß sie seinem Gedächtnis nicht entglitten waren.

Doch es gab auch Stunden, da es ihn schmerzlich danach verlangte, sich mitzuteilen. In solch einer Situation hatte er eines Abends, eher zögerlich und ohne jedes Konzept, zu schreiben begonnen. Schon nach den ersten Zeilen verspürte er Erleichterung. Glücklich, eine Ausdrucksmöglichkeit gefunden zu haben, saß er nun allabendlich am Küchentisch, um eine längst versunkene Welt wieder auferstehen zu lassen. Um die Sache noch anschaulicher zu machen, fügte er seinen Aufzeichnungen kleine Skizzen bei. Was immer es auch war - die Ansicht seines Heimatdorfes vom See-ufer aus, der Grundriß des Elternhauses oder Besonderheiten von Flora und Fauna -, mühelos und mit beträchtlichem zeichnerischen Talent hielt er alles fest, was sich seinem Gedächtnis für immer eingeprägt hatte. Als das Heft voll war, kaufte er ein neues. Das Schreiben wurde ihm mehr und mehr zum Lebensinhalt. Schon morgens beim Wachwerden freute er sich auf den Abend, auf jene Stunde, da alle häuslichen Verrichtungen erledigt waren und er sich mit einer Tasse Tee und ein paar Keksen auf die Eck-bank setzte, um da fortzufahren, wo er tags zuvor aufgehört hatte.

Eines Abends, als er mit heißen Wangen über seinen Aufzeichnungen saß, läutete es an der Tür. Irritiert legte er den Stift aus der Hand, um nachzusehen, wer da so spät noch etwas von ihm wollte. Erst beim Blick durch den Türspion fiel ihm ein, daß sein jüngster Sohn ja versprochen hatte, vorbeizukommen, um den tropfenden Wasserhahn zu reparieren.

"Grüß dich, Papa!" Mit langen Schritten marschierte Horst in die Küche voraus. Vielleicht war es ein Reflex, vielleicht auch Furcht, sein Sohn könnte sich lustig machen über das, was ihm selbst doch wichtig und kostbar war - jedenfalls versuchte er hastig, das aufgeschlagene Heft in der Schublade verschwinden zu lassen.

Aber Horst war schneller. Gleich beim Betreten der Küche fiel sein Blick auf das Schulheft. "Sag bloß, du führst ein Haushaltsbuch!?" schmunzelte er und blätterte in den Seiten.

Minuten verstrichen. "Das ist eine sehr schöne Zeichnung. Ich wußte gar nicht, daß du so gut malen kannst." Horst schaute ihn an, so wie man einen Fremden ansieht: "Was sind das für Vögel? Reiher?"

"Kraniche", erwiderte der alte Mann und schämte sich, daß seine Stimme rauh und brüchig klang. "Jedes Jahr im Frühling tanzten sie auf unseren Wiesen."

"Warum hast du uns nie davon erzählt?" - Ihr habt ja nie gefragt, drängte es ihn zu sagen. Doch dann lächelte er nur: "Ich hatte wohl Angst, es könnte euch nicht interessieren."

Horst warf ihm einen langen Blick zu. Und dann geschah etwas, das den alten Mann eigentlich hätte ungeduldig machen müssen, ihn statt dessen aber mit stiller Freude erfüllte. Denn während der Wasserhahn unverdrossen vor sich hin tropfte, gab sein Sohn sich einer längst versunkenen Welt hin ...

 

Alte Hügel
von Hermann Wischnat

Hinter den ersten Hügeln - vertraut -

kommt Fremde entgegen.

Mich erwartet niemand.

Ich störe vielleicht.

Und Worte weithin unverständlich.

Ja, wenn ich ein Fremder wäre.

Was also will ich?

Die Leute dort sind freundlich gewesen.

Sie haben mich gastlich aufgenommen.

Kluge unter meinen Leuten sagen:

Heimattümler. Sie alle sind weitgereist.

Der Vorsicht halber ein Hinweis:

Ich stehe in Arbeit; nicht vorbestraft;

gehe demnächst in Rente, auskömmlich.

Ich wüßte nicht zu klagen:

Mich ziehen nur immer mal wieder

die alten Hügel.


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