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10.04.04 / "Wir werden sterben, während wir töten" / Seit den Attentaten vom 11. März jagt die spanische Polizei erfolgreich die Täter

© Preußische Allgemeine Zeitung / 10. April 2004


"Wir werden sterben, während wir töten"
Seit den Attentaten vom 11. März jagt die spanische Polizei erfolgreich die Täter
von M. Ludwig

Allah ist groß" - das war das letzte, was die Männer der spanischen Eliteeinheit Grupos de Operaciones Especiales (GEO) hörten, als sie am Sonnabend abend um 21.03 Uhr das Versteck im Madrider Vorort Leganes stürmten, in dem sich islamische Terroristen verschanzt hatten. Dann folgte eine gewaltige Explosion. Sie riß vier Araber buchstäblich in Stücke, tötete einen 41jährigen Angehörigen der GEO-Einheit und verletzte zwölf seiner Kameraden, drei davon schwer. Die Wucht des hochgegangenen Sprengstoffs war so stark, daß ein Teil der Außenfassade des vierstöckigen Wohnblocks in der Calle de Carmen Martin Gaite weggerissen wurde und Trümmerstücke bis zu 300 Meter weit durch die Luft wirbelten.

Unter den Toten befindet sich nach Angaben von Innenminister Angel Acebes der meistgesuchte Verbrecher Spaniens - der 35jährige Tunesier Serhabe Ben Abdelmajid Fakhet. Er gilt als Drahtzieher für die blutige Attentatsserie in der spanischen Hauptstadt, bei der am 11. März 191 Menschen starben und 1.800 verletzt wurden.

Die Polizeiaktion war sorgfältig vorbereitet, und sie war möglich geworden, nachdem es den Sicherheitsbehörden in der vergangenen Woche gelungen war, rund 30 Kilometer südlich von Madrid ein Versteck radikaler Moslems auszuheben. Dort, so fand die Polizei heraus, waren die Bomben für den 11. März hergestellt worden. Die Spur führte von dem verlassenen Landhaus direkt nach Leganes, wo ein Teil der Attentäter in einem Mietshaus Unterschlupf gefunden hatte.

Am Samstag abend um 18 Uhr sollte die Falle zuschnappen. Einheiten der GEO und Sonderkommandos der Unidades de Intervencion Policial (UIP) der Nationalpolizei riegelten weitflächig den Gebäudekomplex ab, in dem sich die gesuchten Terroristen aufhielten. Als die Islamisten die Polizeieinheiten entdeckten, eröffneten sie sofort das Feuer. Ein Ultimatum, die Waffen niederzulegen und sich zu ergeben, wurde zurückgewiesen: "Allah ist groß, und wir werden sterben, während wir töten."

Unterdessen verwandelte sich der südlich von Madrid gelegene Vorort in eine Aufmarschzone der Sicherheitskräfte. Zahlreiche gepanzerte Fahrzeuge, Dutzende von Polizeiwagen waren vor Ort, am nächtlichen Himmel kreisten Hubschrauber, und mehrere Hundertschaften der Policia National hielten sich bereit, um notfalls das Terroristen-Nest zu stürmen. Als die Islamisten drohten, den ganzen Wohnblock in die Luft zu jagen, begannen die Evakuierungen. Die Menschen wurden aufgefordert, umgehend ihre Wohnungen zu verlassen.

"Als die Polizei an meiner Haustür klopfte, hatte ich schon meinen Schlafanzug und meine Pantoffel an. Ich wußte anfangs gar nicht, was los war und was die von mir wollten", schilderte Jose Luis Ruiz die Situation. Wer weiter vom Tatort entfernt wohnte, wurde gebeten, nicht ans Fenster zu gehen. Der Vizepräsident der Provinz Madrid, Alfredo Prada, ordnete den Aufbau eines Feldlazaretts an. "Es war wie damals am Atocha-Bahnhof, als die Bomben in den Zügen explodierten", erinnerte sich eine 35jährige Angestellte.

Kurz vor 21 Uhr machten sich die Angehörigen der Spezialkommandos zum Überraschungsangriff auf die Wohnung Nummer 40 fertig. Sie plazierten eine kleine Bombe, die die Tür aufsprengen sollte. Als sie hochging, zündeten die Terroristen die ihre, die ungleich stärker war. Möglicherweise gelang zwei weiteren Terroristen, die sich ebenfalls in der Wohnung befanden, im allgemeinen Tumult die Flucht. Am Sonntag morgen entdeckte die Polizei in einem nahegelegenen Schwimmbad die Leiche einer Frau, an deren Körper sich ein Sprengstoffgürtel befand, der jedoch nicht explodiert war. Auch sie gehörte vermutlich zu der arabischen Terroristenbande.

Den spanischen Sicherheitsbehörden gelingt es unterdessen immer mehr, das Mosaik des Terrors der letzten Tage und Wochen Steinchen für Steinchen zusammenzusetzen. Wie ein Sprecher der Polizei gestern mitteilte, waren die in Leganes gestellten Terroristen vermutlich auch für den mißlungenen Bombenanschlag am vorletzten Freitag auf den Hochgeschwindigkeitszug AVE, der zwischen Madrid und Sevilla verkehrt, verantwortlich. Ein größeres Unglück blieb nur deshalb aus, weil die Bombe, die auf den Gleisen deponiert war, infolge eines fehlerhaften Zündkontaktes nicht funktionierte.

Bei den Fahndungsaktionen nach dem 11. März wurden bislang 15 Personen festgenommen, elf davon sind Marokkaner. Sechs von ihnen wurden zwischenzeitlich wegen Massenmordes angeklagt, neun wegen Beihilfe oder Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Das in Leganes sichergestellte Material wird, so hieß es aus Polizeiquellen, zu weiteren Fahndungserfolgen führen. Im Rahmen der verbesserten Beziehungen zwischen Marokko und Spanien hat Rabat hochrangige Polizeioffiziere nach Madrid entsandt, die dazu beitragen sollen, daß marokkanische Terroristen von den spanischen Behörden schneller enttarnt werden können.

Im Namen Allahs: Kurz vor ihrer Verhaftung sprengten sich einige der Madrider Terroristen in die Luft. Foto: Reuters


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