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08.05.04 / Bloß kein normales Leben / Die Angst vor einem durchschnittlichen Dasein stellt den Schein über das Sein

© Preußische Allgemeine Zeitung / 08. Mai 2004


Bloß kein normales Leben
Die Angst vor einem durchschnittlichen Dasein stellt den Schein über das Sein

Geld ist Macht! Von wegen, man muß auch in einer gewissen Szene "in" sein. Gucci, Prada und Porsche gehören dazu, wie die richtige Publicity. In dem Buch "Das große Jagen" beschreibt Martin Hecht den inneren Drang der heutigen Gesellschaft nach einem "erfolgreichen" Leben. Doch wie definiert sich eigentlich dieses erfolgreiche Leben?

Treffend beschreibt der Autor, daß "das Ziel eines solchen Lebens nicht nur in einem hohen Einkommen liegt, sondern vielmehr in einem bestimmten Lebensstil, der für Erfolg steht". Wer lediglich ein dickes Bankkonto besitzt, gilt nicht zwingenderweise als Erfolgsmensch. Ebensowenig wie "der Ungebildete, der zwar über Vermögen, aber über keinerlei Geist verfügt".

Heutzutage macht sich der Erfolg an Dingen wie der Exklusivität des Urlaubsortes, dem Designer des Anzugs oder des Abendkleides und dem Auto, mit dem man morgens zum Büro braust, fest. Es sind die kleinen, aber feinen Unterschiede, die den Erfolgsmenschen vom Otto Normalverbraucher abgrenzen.

Wer als Topmanager mit Spitzenverdienst stets abgepackte Mettwurst bei Aldi kauft, obwohl er sich doch die Trüffelpastete aus dem Feinkostladen leisten könnte, lebt nicht wirklich so, wie wir es erwarten würden. Denn wenn wir einmal tief in uns hineinhorchen, werden wir feststellen, daß wir an einen Karrieremenschen den Anspruch haben, daß er auch so lebt. Daß er Mitglied im Golfclub ist, von Zeit zu Zeit eine Kunstausstellung besucht und das Fläschchen erlesenen Wein nicht im Supermarkt, sondern in der Vinothek besorgt. So sieht schließlich das Leben der Reichen und Schönen aus, das uns tagtäglich aus dem Fernsehen und aus den bunten Illustrierten entgegenlacht.

Hecht erläutert die Problematik, daß es in der heutigen Zeit - wo man nicht mehr wie im "finsteren Mittelalter" in einen Stand hineingeboren wird, ein solches Leben im Luxus theoretisch für jedermann erreichbar ist - eine um so härtere Niederlage für den einzelnen darstellt, einen vergleichbaren Lebensstandard vielleicht nicht mal im entferntesten zu erreichen.

Mit dieser Aussage benennt er die Ängste der heutigen Generation, nämlich in diesem Punkt zu versagen und für den Rest des Lebens zu einem Leben als normaler Durchschnittsbürger, zum Sparen genötigt und quasi dazu verdammt zu sein, auf ewig lediglich aus der Ferne zu den Reichen und Schönen hinaufschauen zu können.

Ein brillantes Buch, das exakt den Nerv der Zeit trifft und erläutert, warum so oberflächliche Dinge wie eine Hautcreme von Lancôme oder Biotherm, ein Paar Schuhe von Prada oder ein Anzug von Hugo Boss in der Lage sind, vor allem jüngeren Menschen den Alltag zu versüßen und das Selbstwertgefühl entscheidend zu steigern, und weshalb uns der Schein manchmal fast wichtiger ist als das wirkliche Sein. A. Ney

Martin Hecht: "Das große Jagen - Auf der Suche nach dem erfolgreichen Leben", dtv premium, München 2004, broschiert, 198 Seiten, 14,50 Euro


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