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29.05.04 / "Zwischen Ost und West" / In der Albertina diskutierten 150 Wissenschaftler aus 19 Staaten über Kant

© Preußische Allgemeine Zeitung / 29. Mai 2004


"Zwischen Ost und West"
In der Albertina diskutierten 150 Wissenschaftler aus 19 Staaten über Kant

Der April ist der Schicksalsmonat Königsbergs. Am 22. April 1724 wurde Immanuel Kant geboren, der seine Stadt unsterblich gemacht hat. Am 10. April 1945 unterzeichnete General Lasch in seinem Bunker am Paradeplatz vor Offizieren der Roten Armee die Kapitulation Königsbergs. Vom 21. bis 24. April 2004, im Kantjahr, kamen am selben Ort Geisteswissenschaftler aus 19 Ländern zu einer Konferenz unter dem Titel "Kant zwischen West und Ost" zusammen, die das größte Ereignis im Rahmen der Veranstaltungen darstellte, die im Kantjahr 2004 in Königsberg zum 280. Geburtstag und zum 200. Todestag Kants stattgefunden haben.

Die etwa 150 Konferenzteilnehmer - ungefähr 50 aus der Bundesrepublik Deutschland und anderen westlichen Staaten und 100 aus der Russischen Föderation und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion - trafen sich zum ersten Mal am 21. April im Kant-Museum der Universität am früheren Paradeplatz zur Eröffnung der Ausstellung des Künstlerehepaars Jurij Smirnjagin und Nelly Smirnjagina, die den Titel "Kant, Königsberg, Kaliningrad" trug. Beide Künstler leben schon seit über 40 Jahren in der Stadt. Die Erscheinung Immanuel Kants, Königsberg und das, was heute noch davon übrig ist, bilden den Inhalt ihres Schaffens. Auf einigen Bildern ist es ihnen in erstaunlicher Weise gelungen, die Stimmung des alten Königsbergs wiederzugeben, einer Stadt, die sie mit eigenen Augen nie gesehen haben.

Königsberg und seine Universität, die Albertina, bildeten auch den Themenschwerpunkt bei der feierlichen Eröffnung der Konferenz im Auditorium Maximum der Universität am 22. April, dem 280. Geburtstag Immanuel Kants. Während die Teilnehmer langsam ihre Plätze einnahmen, lief auf der Leinwand über der Bühne immer wieder ein kurzer Film in russischer und englischer Fassung über die Geschichte der im Jahre 1544 gegründeten Albertina, gefolgt von einer Darstellung der 1967 gegründeten "Kaliningrader Staatlichen Universität" (KGU), die sich als historische Nachfolgerin der Albertina sieht und beansprucht, deren Traditionen fortzuführen.

Mit den Tagungsunterlagen erhielt jeder Teilnehmer einen Satz alter Ansichtskarten von Königsberg und der Albertina in einem Umschlag, auf dem die Wappen von Stadt und Universität abgebildet sind, jeweils mit den Umschriften auf deutsch und russisch: "750 Jahre Königsberg 1255-2005" und "460 Jahre Albertina 1544-2004". In dem russischen Text auf der Innenseite des Umschlags wird die ruhmreiche Geschichte der Albertina dargestellt. Am Ende heißt es: "Die tragischen Ereignisse in der Mitte des 20. Jahrhunderts zogen einen Strich unter die 400jährige Existenz der Königsberger Universität." Die Beendigung der Existenz der Königsberger Universität sei aber nur relativ. Ihren Platz in der europäischen Geschichte habe sie behalten und ebenso ihre geistige Gegenwart in der Atmosphäre der heutigen Universitätsstadt.

In seiner Eröffnungsrede hob der Rektor der KGU, Prof. A. Klemeschow, die Bedeutung der Geschichte für die Gegenwart der Stadt hervor. Nicht nur Königsberg, sondern das ganze Gebiet sei mit Kant verbunden. Die KGU müsse sich des großen Namens Immanuel Kants erst noch würdig erweisen und habe das beispielsweise mit der Einberufung dieser internationalen Konferenz getan.

Der Gouverneur des Königsberger Gebietes, W. Jegorow, erinnerte an die "schwierige Geschichte" der Stadt. Jetzt erlebe sie einen neuen Abschnitt, in dem es um die Lösung praktischer Probleme gehe, um die Beziehungen der fast eine Million Einwohner des Gebietes zur Europäischen Union, besonders zu Polen und Litauen. Kant nannte er "ein bedeutendes Symbol Königsbergs und Kaliningrads".

Der Vorsitzende der Gebietsduma (Parlamentspräsident) W. Nikitin, der selbst Philosophie studiert hat, begrüßte die Konferenzteilnehmer als Kollegen. Wenn wir statt im 21. im 31. Jahrhundert lebten, sagte er, würden wir uns noch mit Kant beschäftigen; das letzte Wort über Kant werde nie gesprochen. Ein Telegramm des Vorsitzenden des Russischen Föderationsrates (entspricht dem Deutschen Bundesrat), S. Mironow, wurde verlesen, der den Anwesenden "zum Geburtstag des großen deutschen Philosophen" Glück wünschte. Ein Konferenzteilnehmer, Senator des Russischen Föderationsrates, wies darauf hin, daß "Kant" in der kaukasischen Sprache Awarisch "Licht" bedeute; Kants Wirken habe dieser Bedeutung seines Namens entsprochen.

Mit einem Geschenk - einem Bild der Kant-Statue vor der Königsberger Universität - dankte Rektor Klemeschow dem Vorsitzenden der deutschen Kantgesellschaft, Prof. M. Baum, für die Hilfe, die sie der KGU in den schweren Jahren nach 1990 erwiesen habe; sie sei auch jetzt noch der wichtigste Partner der russischen Kantgesellschaft. Er dankte auch der Zeit-Stiftung und der Kennan Foundation für ihre Hilfe. Dann folgten drei Vorträge von Kant-Forschern aus der Bundesrepublik, der Russischen Föderation und Brasilien.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen fuhren alle Teilnehmer in Bussen zuerst zum Kant-Grabmal am Königsberger Dom und legten dort Blumen nieder. Dann begaben sie sich zu einem Plattenbau schräg gegenüber der alten Königsberger Börse am jetzigen "Leninskij Prospekt", der früheren Vorstädtischen Langgasse, wo Kants Geburtshaus stand. Auf Anregung von Prof. L. Kalinnikow und mit der Unterstützung der Kreisgemeinschaft Fischhausen e.V., des Berliner Sprachwissenschaftlers Dr. H. F. Wendt sowie eines weiteren Spenders hat der Bildhauer I. Gerschburg eine Gedenktafel geschaffen, die an diesem Ort an der Außenwand eines Juweliergeschäfts angebracht und nun zum 280. Geburtstag Kants feierlich enthüllt wurde. Nach dem Kant-Grabmal am Dom und dem Kant-Denkmal besitzt Königsberg damit eine dritte Kant-Gedenkstätte.

In drei Bussen mit entweder russischer, deutscher oder englischer Führung machten die Konferenzteilnehmer sodann eine Stadtrundfahrt. Der Berichterstatter wählte den russischen Bus, um zu hören, was die einheimische russische Reiseleiterin ihren russischen Gästen über Königsberg erzählen würde. Sie wies immer wieder auf Gebäude hin, die aus der Zeit vor der so-wjetischen Besetzung stammten, nannte die deutschen Straßennamen und zeigte stolz die noch fast wie früher aussehenden schönen Villen der Hufenallee und der Körte-Allee in Amalienau. Wenn sie davon erzählte, wann in Königsberg die erste elektrische Straßenbahn fuhr (1895) und wann der Tiergarten eröffnet wurde (1896), nannte sie Königsberg immer "unsere Stadt". Sie erwähnte mehrmals die Zerstörung Königsbergs durch die englischen Bombenangriffe im August 1944 und betonte, daß die Engländer Phosphorbomben verwendeten und damit gezielt die historische Altstadt vernichteten. Aus ihren Worten klang die Liebe zu der Stadt, in der sie aufgewachsen war, zu Königsberg. Der Berichterstatter fragte einige Teilnehmer, die aus Moskau, St. Petersburg, Nowosibirsk, Odessa und anderen russischen Städten gekommen und teilweise zum ersten Mal in Königsberg waren, ob sie sich hier in Rußland fühlten. Die übereinstimmende Antwort lautete: Nein, hier ist nicht Rußland.

Am selben Tag wie Kant, am 22. April, hat auch Lenin Geburtstag, der Gründer der Kommunistischen Partei Rußlands und der Sowjetunion. Während der Gouverneur und weitere Würdenträger feierlich den 280. Geburtstag Immanuel Kants begingen, sammelte sich ein Häuflein betagter Altkommunisten mit roten Fahnen vor dem Lenindenkmal am Hansaplatz, um den 134. Geburtstag Wladimir Iljitsch Lenins zu feiern. Noch vor 15 Jahren wären der Gouverneur und die anderen Herren in den dunklen Anzügen bei ihnen gewesen, nicht bei Kant, den damals nur eine mutige Minderheit von Intellektuellen ehrte. Nun waren die kommunistischen Rentnerinnen und Rentner mit Lenin allein und wurden am nächsten Tag in der Presse mit den Worten verspottet, sie hätten "dem Führer des Weltproletariats" Blumen aus ihren Kleingärten zu Füßen gelegt. Das Lenindenkmal wird seit kurzem überragt von der gleich dahinter im Bau befindlichen gewaltigen russisch-orthodoxen Kirche (siehe Folge 21).

Am 23. und 24. April setzte die Kant-Konferenz ihre Arbeiten fort und spaltete sich dazu in mehrere Sektionen auf, in denen Vorträge zu den folgenden Themenbereichen gehalten wurden: Die Wahrnehmung der Philosophie Kants in verschiedenen Kulturen, Transzendentalismus und Apriorismus in der theoretischen Philosophie Kants, Formale und transzendentale Logik in der Philosophie Kants, Universalismus und Formalismus in der praktischen Philosophie Kants, Mensch und Kultur bei Kant, Kant und die Geographie, Kant und Königsberg. Festzustellen war, daß Kant wie schon zu seinen Lebzeiten, so auch heute noch vielen Menschen Arbeit und Brot gibt.

Während in den Plenarsitzungen zu Beginn und am Ende der Konferenz die Vorträge simultan übersetzt wurden, war dies in den Sektionen nicht der Fall. Die Teilnehmer mußten die Vorträge in den drei Konferenzsprachen Russisch, Deutsch und Englisch anhören. Die meisten russischen Teilnehmer verstanden Deutsch, die meisten Deutschen jedoch kein Russisch, so daß sie den Inhalt der russischen Vorträge nur in kurzgefaßten Thesen zur Kenntnis nehmen konnten. Auch abgesehen von den Sprachschwierigkeiten redeten Deutsche und Russen auf höfliche Art und Weise aneinander vorbei. Es gab jedoch einige Vorträge, deren Thema gerade die Beziehung zwischen Deutschen und Russen war und die deshalb allgemeine Aufmerksamkeit verdienten. So sprach Prof. Leonard Kalinnikow, der im Jahre 1974 die Kantlesungen in Königsberg begründete und unter schwierigen Umständen gegen die herrschenden Machtverhältnisse die Erinnerung an Kant lebendig erhielt, über den Einfluß Kants auf die russische Philosophie und schloß mit dem aus dem Herzen kommenden Ruf: "Slawa Kantu!" - "Kant sei Dank!" Prof. Joseph Kohnen aus Luxemburg hielt einen Vortrag über "Königsberger Dichter zur Zeit Kants zwischen Ost und West". Nach seiner Meinung hatte Kant keinen Hang nach Westen, sondern nur nach Osten. Eine Reise nach Berlin wäre für ihn beschwerlicher gewesen als nach Riga. Auch Theodor Gottlieb von Hippel, der im Herzen Ostpreuße gewesen sei, habe Fernweh nach Osten gehabt, vor allem nach dem europäischen Rußland. Johann Michael Hamann, der Sohn des "Magus" Johann Georg Hamann, der bedeutendste Lyriker Königsbergs bis zu Agnes Miegel, ging ebenfalls nicht nach Westen, sondern in das Baltikum und kehrte von dort nach Königsberg zurück. Die Verleger Johann Jacob Kanter in Königsberg und Johann Friedrich Hartknoch in Riga waren bedeutende geistige Vermittler zwischen Russen und Deutschen.

Da die letzte Vortragende, eine Kant-Forscherin aus New York, mit ihren Ausführungen nicht fertig wurde, mußte die Konferenz ohne die beiden letzten Tagesordnungspunkte beendet werden, die Vorstellung des Stipendienprogramms der Zeit-Stiftung und eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Konferenz. Dieses überstürzte Ende paßte jedoch gut zu der Konferenz, die zwar harmonisch verlaufen war, aber keine Ergebnisse aufweisen konnte. Daß Geisteswissenschaftler aus 19 Ländern sich drei Tage lang an Kants Geburtsort friedlich mit Kants Gedanken beschäftigten, war allein schon etwas Gutes. Von der alten deutschen Stadt Königsberg aus strahlt das Licht des deutschen Philosophen Immanuel Kant nun durch die ganze Russische Föderation. Vom 24. bis 28. Mai 2004 fand der Welt-Kant-Kongreß statt, in Moskau. Gerfried Horst

Gedenktafeleinweihung: Am Geburtshaus Foto: G. Horst


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