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29.05.04 / Als der Zauberruf plötzlich erklang

© Preußische Allgemeine Zeitung / 29. Mai 2004


Als der Zauberruf plötzlich erklang
von Renate Dopatka

Werden wir auch nicht enttäuscht sein? Diese Frage überschattete die ganze Reise. Welches Gefühl würde beherrschend sein beim Anblick des kahlen, vielleicht von Gestrüpp überwucherten Fleckchens Erde, auf dem sich einst, jasmin- und fliederumflort, das Elternhaus erhoben hatte?

Sie wußten, daß ihr Blick ins Leere gehen würde. Freunde, die schon öfter "drüben" gewesen waren, hatten von ihrer vergeblichen Suche nach dem Hof der Familie berichtet. Er war verschwunden, war dem Erdboden gleichgemacht und dann der Natur überlassen worden.

Das Wissen um diese Wüstenei war der Grund gewesen, warum keines der drei Geschwister je ernsthaft eine Reise in die Heimat erwogen hatte. Hunderte Kilometer herunterfahren, um dann vor dem Nichts zu stehen? Strapazen auf sich nehmen, nur um feststellen zu müssen, daß alle Spuren getilgt waren und Erinnerung plötzlich einem Trugbild gleichkam? Ein Wiedersehen, das im Grunde keines war, kam weder für Achim, den einzigen Sohn und Hoferben, noch für Hanne und Evchen, seine beiden jüngeren Schwestern, in Frage.

Wann sich erste Zweifel an der Richtigkeit dieser Einstellung erhoben, ließ sich im nachhinein nicht mehr genau datieren. Irgendwann machte sie sich einfach bemerkbar, die Sehnsucht nach dem weiten Horizont und den Düften und Lauten der Kindheit. Vielleicht lag es am Alter, an der biologischen Uhr, die immer schneller zu ticken drohte und ihnen schmerzhaft ins Bewußtsein rief, daß eine derartige Reise irgendwann körperlich gar nicht mehr zu bewältigen sein würde und sie daher das Eisen schmieden mußten, solange es noch heiß war.

Und sie schmiedeten das Eisen. Nachdem sie sich über den Termin geeinigt hatten, wurden die Reiseroute ausgearbeitet und Zimmer in einer Pension bestellt.

An einem Abend im späten Frühling war es dann soweit. Nach langer, ermüdender Fahrt hielt Achim vor dem einsam gelegenen Häuschen, welches sie für die nächsten zehn Tage beherbergen würde. Tiefe Stille umfing sie. Ein leiser Wind bewegte das frische Grün des Birkenwäldchens, dessen Wipfel die tiefstehende Sonne matt vergoldete. Noch kam niemand zu ihrer Begrüßung heraus, und so hatten sie Zeit, Stille und Abendluft zu genießen.

"Endlich zu Hause", lächelte Evchen den Geschwistern zu. Achim, der sich erschöpft die Augen hinter der Brille rieb, hielt bei diesen Worten inne. "Zu Hause?" Sein Blick wanderte über das dunkle Land. "Habt ihr wirklich dieses Gefühl?"

Sekundenlang herrschte Schweigen. Dann hob Hanne entschlossen den Kopf: "Am Abend ist man immer ein wenig schwermütig. Gefühle schwanken. Ich bin sicher, morgen früh sehen wir alles mit ganz anderen Augen. - Und jetzt laßt uns endlich reingehen, ich bin völlig geschafft!"

Der Morgen kam, und behutsam, fast zögerlich, machten sich die Geschwister daran, ein Land zu erkunden, das ihnen über alle Maßen vertraut war und in dem sie sich doch wie Fremde bewegten. Sie suchten Plätze, Orte und Gebäude auf, die einmal eine Rolle in ihrem Leben gespielt hatten. Sie lauschten dem Ruf des Kuckucks und dem abendlichen Quarren der Frösche und vergaßen die Zeit beim Betrachten der am weiten Horizont dahinsegelnden Frühlingswolken. Doch alles, was sie taten, schien nur dem Zweck zu dienen, den Besuch des elterlichen Grundstücks noch ein wenig hinauszuschieben. Fast sah es so aus, als hätten sie Angst vor der Konfrontation mit einem Bild, das vielleicht Schmerz und Leere hinterlassen würde.

Wieder war es Hanne, die die Führung übernahm und ihrem steten Ausweichen und Verzögern schließlich ein Ende bereitete: "Wir benehmen uns ja wie Kinder, die Angst vorm Zahnarzt haben! Gleich morgen früh laß ich mir Lunchpakete mitgeben, und dann fahren wir los und bleiben den ganzen Tag zu Hause!" Zu Hause! Schon wieder fiel jenes Wort, das eigentlich Freude auslösen sollte, das in den dreien statt dessen aber die widersprüchlichsten Gefühle und eine Art Nervosität hervorrief.

So energisch Hannes Stimme auch geklungen hatte - auch ihr Herz pochte in ängstlich-freudiger Erwartung, als Achim den Wagen langsam über den staubigen Feldweg rollen ließ, von dem die einzelnen Abbauten abgingen. Es tat weh, die Höfe der früheren Nachbarn zu sehen. Mochten sich manche von ihnen auch in desolatem Zustand befinden - hier wurde Erinnerung greifbar, gab es ein Wiedersehen mit der eigenen Vergangenheit. Diese stummen Zeugen anzuschauen und gleichzeitig zu wissen, daß vom eigenen Elternhaus kein Stein mehr übriggeblieben war, drückte auf die Stimmung.

Beim letzten Gehöft, als der Feldweg endete und nur noch ein schmaler Wiesenpfad weiterführte, stiegen die Geschwister aus, um zu Fuß zu jener Stelle zu gelangen, an der sich einst ihr Zuhause befunden hatte.

In ihren Ohren klangen die Worte des Bauern nach, bei dem sie das Auto hatten stehenlassen. Es war ein alter Mann, der sich gleich nach dem Krieg hier angesiedelt hatte und der sich noch gut an den Verlauf der damaligen Grundstücksgrenzen erinnern konnte. In holprigem Deutsch, unterstützt von seiner englischsprechenden Enkelin, hatte er ihnen zu verstehen gegeben, daß ihr Land nur noch als Weidefläche diente.

Tatsächlich ließen sich in der Ferne einige schwarzweiße Tupfen ausmachen, als die Geschwister, von hohem Gras und Stacheldraht behindert, über die Wiesen stapften. Ein kläglicher Rest heller Fundamentsteine verriet ihnen, daß sie am Ziel waren. Die Augen suchten Vertrautes, suchten Anhaltspunkte und wurden doch nicht fündig. Da war nichts als das Grün von Erlen und Birken, der hohe, schweigende Himmel, Stille und Einsamkeit.

Ziellos irrten sie auf dem Grundstück umher, bemüht, Gegenstände und Gebäude wenigstens im Geist zu rekonstruieren. Hier mußte sich der Roßgarten befunden haben, dort der Brunnen und da die Stallungen. Nahe beim Fundament lagerten einige abgesägte Baumstämme.

Evchen war die erste, die ermattet auf ihnen Platz nahm, die anderen folgten ihrem Beispiel. Keiner sprach ein Wort. Aber dann ertönte das langgezogene, helle "Kiewitt" des Kiebitz. Als wäre dies eine Art Zauberruf, löste sich die starre Mimik der Geschwister. Sie sahen einander an und lächelten.

"Wenigstens dieser Kamerad ist uns noch geblieben", lachte Achim. Dann lugte er, vorsichtig und spitzbübisch zugleich, so wie er es bei ähnlichen Gelegenheiten schon als kleiner Junge getan hatte, in den Proviantkorb: "Sagt mal, ihr Frauensleute, ist es nicht höchste Zeit, Mittag zu machen?" Es wurde ein richtiges Picknick, mit Wurst und frischen Brötchen, Gebäck und heißem Tee.

Wann zuletzt hatten sie so frei und unbeschwert dagesessen, dem Weltgetriebe völlig entrückt, über sich nichts als die unermeßliche Bläue des Ostpreußenhimmels? Der Aufbruch fiel unerwartet schwer. Immer wieder gingen die Blicke zurück, wollten die Augen noch ein wenig länger auf heimatlichem Grün verweilen.

"Nun, was meint ihr? War's ein Fehler herzukommen?" fragte Achim, als sie wieder ins Auto stiegen. "Etwas Besseres hätten wir gar nicht tun können", erwiderte Hanne leise. In ihren Augen schimmerte es verräterisch, doch ihre Stimme war frei von jeder Bitternis.

 

Unveränderte Natur: Touristen genießen auch heute die Schönheiten der ostpreußischen Landschaft wie hier in Wigrinnen am Baldahnsee Foto: Bosk


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