11.08.2022

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29.05.04 / Der Streit

© Preußische Allgemeine Zeitung / 29. Mai 2004


Der Streit
von Eva Schwimmer

Fast jeder Sonntag ist schlimm", sagte er und richtete sich im Bett auf. Er sah seine Schulmappe neben den Schuhen auf der Erde liegen. "Ich werde Mutter belügen und sagen, daß ich krank bin. Ich werde den ganzen Tag allein bleiben und nicht sprechen."

Es war noch früh. Er hörte aus der Küche keine Geräusche. "Diese Stille ist das Beste vom Tag", flüsterte er. Er nahm sein Tagebuch und las die letzten Eintragungen: Mit Bert geangelt. Mit Bert Hölderlin gelesen. Mit Bert Waldspaziergänge gemacht. Bert bei der Mathematik geholfen, Gespräch mit Bert über das Tao.

"Ich armer Teufel", sagte er. "Bert war großartig. Weiträumig war jeder Tag mit ihm." Dann lehnte er sich zurück und weinte. Er hörte die Mutter den Flur entlang kommen. Er versteckte das Tagebuch unter der Matratze und hielt den Atem an. Die Mutter öffnete vorsichtig die Tür. "Ich bringe dir deine Wäsche. Wie blaß du bist. Hast du geweint?"

"Nein, laß schon", sagte er wehleidig. "Ich fühle mich übel. Ich habe mich übergeben." - "Mein Gott", sagte die Frau, "Vater muß den Arzt holen." - "Unsinn, bring mir lieber Tee, der Arzt kostet nur Geld und hilft mir doch nicht. Das weiß ich jetzt schon." Sie strich ihm die Haare aus der Stirn. Er nahm ihre Hand weg. "Faß mich nicht an", sagte er leise. "Du weißt, mir tut das weh, wenn mir schlecht ist."

Dann sprang er auf und lief in das Bad. Mit einem Griff hatte sie das Tagebuch gefunden und überflog die letzten Seiten. Sie steckte das Heft wieder an den gewohnten Platz. Als der Sohn zurückkam, groß, hager und ernst, sage sie: "Du mußt heute liegenbleiben. Vielleicht lese ich dir vor." - "Was kann das schon sein", antwortete er schroff.

Verwirrt und verletzt ging sie in die Küche. Sie deckte den Tisch und richtete das Frühstück. Sie setzte sich auf ihren Platz und wartete auf die anderen. Vater und Bruder kamen und vermißten den Kranken nicht. Sie waren nicht gesprächig. Der Vater las die Zeitung, der Bruder schwieg.

"Kennst du Bert?" fragte die Mutter. "Dein Bruder ist heute krank, du solltest Bert holen, damit er etwas Unterhaltung hat." - "Gewiß," sagte der Sohn, "aber da ist so was wie'n Freundeswechsel geschehen. Ich sehe die beiden in der Pause kaum mehr zusammen. Bert geht mit einem Großen aus meiner Klasse."

"Ist er nun in der Pause allein, unser Junge?" fragte die Frau. "Das habe ich mir noch gar nicht überlegt. Ich habe ihn nie im Schulgarten gesehen. Verdammt noch mal, wo steckt er? Meinst du, seine Krankheit ist das?"

"Nein", sagte sie, "bestimmt nicht. Du hättest nur Bert holen können; aber so müssen wir es lassen."

Die Mutter besorgte den Tee. Sie schnitt einige Scheiben Weißbrot und richtete das Tablett. Die Sonne schien hell in den Raum des Kranken. Die Frau steckte ihm ein Kissen in den Rücken. Sie setzte sich zu ihm. Sie war daran gewöhnt, daß ihre Söhne sie nicht ansprachen. Gewiß will er mich gar nicht haben, dachte sie. Aber ich will es erzwingen, Liebe und Vertrauen, wie das früher mal war bei ihm und mir, als er noch klein war.

Sie nahm verlegen das Buch, das auf seinem Bett lag. Sie fing an, in ihm zu blättern. Die großen Augen des Sohnes sahen sie kalt an; aber sie wollte nicht nachgeben. Sie wollte sich beweisen. "Was soll ich vorlesen?" fragte sie sanft.

"Such selber aus", antwortete er gleichgültig und schlürfte den Tee. Die Frau schlug nun einfach das Buch auf und begann zaghaft wie ein Schulkind zu lesen: "Viel hat er erfahren, der Mensch, der Himmlischen viele genannt, seit ein Gespräch wir sind und hören können voneinander."

Der Junge im Bett fing an zu lachen. "Hör auf", rief er. "Du bist zu komisch. Du machst aus Hölderlin ein Kochrezept. Du backst aus ihm einen Sonntagskuchen für deinen mißratenen Sohn."

Sie stand nun auf und legte das Buch beiseite. Sie ging ihrer Arbeit nach wie alle Tage. Eine Mutlosigkeit war über sie gekommen. Doch als sie später in der Küche stand und die Kartoffeln schälte, kam plötzlich der Kranke zu ihr und stellte sich neben sie. Er sah sie an. Er griff in den Kartoffelkorb und sagte: "Ganz rund und erdig, so wie das da, soll von jetzt an unsere Beziehung sein. Ist dir das recht?"

Die Frau starrte in den Korb. Und dann lächelte sie.

 

Sonne möcht' ich sein
von Johanna Ambrosius

Sonne, Sonne möcht' ich sein, nicht als Mond mit Sternen kosen, zauberte aus jedem Stein

rote, süße Maienrosen;

drückte meinen Flammenmund

auf der Menschen kalte Seelen,

daß das ganze Erdenrund

sich in Liebe müßt' vermählen.

Und in diesem Feuermeer

heil'ger reiner Liebesfluten

möcht' ich selber hoch und hehr

langsam ohne Laut verbluten.


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