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03.07.04 / "Musik baut Brücken" / Schulorchester tourt durch die Republik Polen

© Preußische Allgemeine Zeitung / 03. Juli 2004


"Musik baut Brücken"
Schulorchester tourt durch die Republik Polen
von Karl Schweiger

Eine für ein deutsches Schulorchester bisher wohl einmalige Reise unternahmen 28 Schüler mit fünf Begleitpersonen der Paul-Winter-Realschule aus Neuburg an der Donau. Sie führte in ein Stück deutsch-polnischer Geschichte, das den Schülern die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und dessen katastrophale Folgen für Polen und Deutsche deutlich machte. Die Neuburger Musiker stießen überall auf Zeichen der Versöhnung und versuchten mit ihren Konzerten, bei den polnischen und deutschstämmigen Zuhörern selber welche zu setzen. "Musik baut Brücken", das hörte man immer wieder bei den Konzerten.

Das erste fand in einer Schule in Stettin vor polnischen Jugendlichen statt, am Abend gab das Orchester ein Konzert in Danzig, an dem auch Rolf Wagner, Konsul am deutschen Generalkonsulat in der Hansestadt, teilnahm. Bei der Stadtbesichtigung beeindruckte die Musikgruppe besonders das Eingangstor an der Danziger Werft, wo durch den mutigen Streik von polnischen Arbeitern unter Führung von Lech Walesa die politische Wende eingeleitet worden war. Ein besonderer Höhepunkt war an Christi Himmelfahrt ein Auftritt in der Marienburg, der größten mittelalterlichen Burganlage des Deutschen Ordens. Dorthin werden nur ganz selten Musikgruppen eingeladen. In Bischofsburg wurde das Orchester von der Bürgermeisterin empfangen und gab auf dem Stadtplatz ein Standkonzert.

Die Neuburger Schülergruppe besuchte dann den Bauernhof von Paul Gollan, einem "echten" Ostpreußen, den Orchesterchef Reinhardt Reißner schon von früheren Besuchen her kannte. Auf dem idyllisch gelegenen Hof am Dadai-See in Masuren übernachteten die Schüler zweimal in ihren Zelten und genossen die selbstgemachten Speisen und den frischgefangenen Zander. Dabei erfuhren sie aus erster Hand vom tragischen Schicksal der Ostpreußen im Winter 1944/45. Paul Gollan erlebte diese Zeit als 13jähriger.

Am fünften Tag, einem Sonnabend, gab das Orchester mittags auf dem Drewenz-See ein Konzert auf einem Schiff. Am Nachmittag staunten die Musiker nicht schlecht, als sie auf Einladung der deutschen Volksgruppe auf einem Bürgerfest in Osterode spielen sollten. Eine riesige Bühne mit Videoleinwand war auf einem Fußballplatz aufgebaut, und eine polnische Rockband spielte, als die Schüler "backstage" ihre Instrumente auspackten. Doch auch in dieser ungewohnten Umgebung zeigte das Schulorchester, daß es alles andere als amateurhaft war, und das Publikum wollte Reinhardt Reißner und seine Leute gar nicht mehr von der Bühne lassen.

Wie kontrastreich das Programm war, zeigte sich tags darauf, als das Orchester den Sonntagsgottesdienst in der berühmten und bei den Polen besonders beliebten Marienkirche Heiligelinde musikalisch ge-staltete. Auf der Fahrt zu dieser Wallfahrtskirche hatte die Gruppe Geschichte hautnah erlebt, als sie die Ruinen der Wolfsschanze besichtigte; dort hatte unter anderem 1944 das Attentat Graf Stauffenbergs auf Hitler stattgefunden.

Am nächsten Tag begegneten die Schüler auch in Warschau der deutsch-polnischen Geschichte, als sie vor dem Denkmal des Aufstands im Warschauer Getto standen. Für Willy Brandt, dessen Kniefall 1970 Geschichte machte, errichteten die Polen daneben ein weiteres Denkmal.

Am Montag ging es nach Breslau, wo das Orchester ein letztes Mal ein Konzert gab. Bei der Stadtbesichtigung konnten die Musiker wieder feststellen, wie liebevoll und gekonnt die Polen trotz ihrer finanziellen Probleme während der Zeit des Kommunismus die ehemals zum Deutschen Reich gehörenden Städte Stettin, Danzig und Breslau wiederaufgebaut haben. Diese waren durch Brandlegungen der einrückenden russischen Armee zu etwa 90 Prozent zerstört worden. Die Innenstädte, die heute wieder Schmuckstücke sind, rekonstruierten die Polen nach alten Bauplänen und Fotos. Auch ihre Hauptstadt Warschau ist wieder eine dynamische und sehenswerte Weltstadt geworden.

Insgesamt war die Reise ein voller Erfolg. Die Musiker der Paul-Winter-Schule machten mit ihren Auftritten Werbung für ihre Heimatstadt, überall wurden sie gebeten, doch wiederzukommen. Einzigartig ist auch, daß das Institut für Auslandsbeziehungen die musikalische Arbeit von Reinhardt Reißner so sehr schätzt, daß es die Schulorchesterreisen der Paul-Winter-Schule finanziell fördert. Einmalig war wohl auch, daß der Busfahrer, ein ehemaliger Schüler, als erster Trompeter im Orchester mitspielte.

Marienkirche Heiligelinde: Hier trug das Orchester der Paul-Winter-Real-schule zur musikalischen Umrahmung eines Gottesdienstes bei. Foto: Reißner


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