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10.07.04 / Anspruch auf Würde

© Preußische Allgemeine Zeitung / 10. Juli 2004


Gedanken zur Zeit:
Anspruch auf Würde
von Gottfried Loeck

In den Bußpredigten über unsere Zeit und die "Gesellschaft" heißt es oft, sie sei kinderfeindlich. Belegt wird diese erschütternde Behauptung zumeist mit kriminalistischen Zahlen. Wachsende Jugendkriminalität wird häufig mit schlechten Kindheitserfahrungen, fehlender Erziehung, zunehmender Armut und ausbleibender Nestwärme erklärt. Von keiner Kriminalitätsstatistik hingegen erfaßt werden die Drangsalierungen und Abwertungen, denen sich ältere Menschen ausgesetzt sehen. Daß Kinder in Elternhäusern oder Schulen zuerst lernen, Ansprüche zu stellen, Ansprüche, die mangels fehlender sonstiger Adressaten oft bei den Großeltern landen, erzeugt mitunter Konflikte. Weil Weimarer Republik, Kriegs- und Nachkriegserfahrungen die ältere Generation meist zur Bescheidenheit erzogen hat, ist diese längst nicht immer bereit, jede Marotte der Spaß- und Wegwerfgesellschaft zu unterstützen. Wo sich aber die "Alten" auch nur schwach gegen immer neue Wünsche der gierigen Überflußgesellschaft wehren, macht schnell der unberechtigte Vorwurf der Kinderfeindlichkeit die Runde.

Daß die Feindseligkeit und das Unverständnis gegenüber der Zurückhaltung der Alten erste Regungen einer Gegenwehr erkennen lassen, scheint damit zusammenzuhängen, daß die meisten heutigen Rentner und Pensionäre nicht mehr zu den Generationen gehören, denen man generell mit dem kaltschnäuzigen Vorwurf, sie hätten den Nationalsozialismus mitverursacht, ein schlechtes Gewissen einredete. Zurückgewonnenes Selbstbewußtsein verleiht der älteren Generation zwar neue Flügel, aber eine prinzipielle Besserung ihrer Lage ist nicht auszumachen. Gegenüber manchem Jüngeren haben sie sich mitunter fürs Dasein jenseits der 65 und die bewußt gelebte Selbstbestimmung fast zu entschuldigen. In Wahlzeiten oder Sonntagsreden wird allenfalls Bedauern geäußert, daß alte Menschen vermehrt in Einrichtungen der öffentlichen Fürsorge selbst von den Familien "abgeschoben" werden, die über ausreichend Platz und Geldmittel verfügen. Getreu dem Motto "Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen" bleibt das schlechte Gewissen dabei ohne Folgen. Wenn vermeintliche gesellschaftliche Ansprüche und Wohlstandsstandards die Ehepartner zur Berufstätigkeit zwingen, das "dicke" Auto, die Zahl der Urlaubsreisen pro Jahr vielfach den sozialen Rang in der Gesellschaft bestimmen, bleibt eben kein Platz, keine Zeit und Kraft dafür, Großvater im Familienhaushalt zu behalten, ihn dort mithelfen zu lassen, solange er kann, und ihm zu helfen, wenn er es braucht.

Die gelegentlich geäußerten schönen Worte von Würdenträgern über die Alten, über deren bleibende Verdienste beim Wiederaufbau unseres Vaterlandes verhallen ungehört, wenn die Senioren merken, daß der bereits mehrfach besteuerte Lebensarbeitslohn wegen riesiger Haushaltslücken erneut besteuert werden soll. Vor einem solchen Szenario sind die in Mode gekommenen Appelle zu Solidarität und Mitmenschlichkeit nicht wirklich ernst zu nehmen. Viele ältere Mitbürger sehen sich auch dadurch von der Allgemeinheit getäuscht, daß ihr Bemühen, sich vor Not im Alter selbst zu sichern, durch immer neue Pläne und Forderungen des Staates weithin untergeht. Was vorgestern noch zählte, ist heute bereits Makulatur. Bei so viel Mißachtung gewinnt man den Eindruck, daß besonders die sparsamen Alten für die Fehler der Politik in Regreß genommen werden. Immer mehr alte Leute, die gutgläubig darauf vertraut hatten, sie würden im Alter niemandem finanziell etwas schuldig sein, müssen heute leider die Vergeblichkeit ihres

opferreichen Tuns erkennen. Man streicht ihnen großherzig über das schüttere Haar und sagt, Sozialhilfe sei keine Schande. Für den stolzen, im Leben bewährten Menschen, der glauben durfte, nach bestem Wissen selbst vorgesorgt zu haben, bleibt am Ende ein gescheiterter Lebensplan. Wenn aber künftig fast alle außer den Abgeordneten und hohen Mandatsträgern zynisch auf die Sozialhilfe verwiesen werden, sind Anreize zur Leistung illusorisch.

Schlimmer als dickaufgetragener "Schleim", politischer Wortbruch und schleichend abnehmende Glaubwürdigkeit ist, daß das Wort der älteren Mitbürger wenig zählt. Was sie an Entbehrungen, Erfahrungen im Laufe ihres Lebens angesammelt haben, wird als gestrig, überholt beiseite geschoben; der Respekt vor einer Lebensleistung in schwierigen Zeiten bleibt aus. Wer entgegen dem Zeitgeist doch den gebührenden Respekt erweist, schließt sich geradezu aus der Dominanz ewiger Jugend aus. Obwohl sich die werbewirksame Parole "Jung bleiben um jeden Preis" bei vielen Zeitgenossen als Luftbuchung erweist, nimmt eine solche Maxime unseren Altvorderen das Beste, was zu achten und partiell zu beachten den Jüngeren stets gut tat: die Würde.


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