22.02.2024

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10.07.04 / Der erste Kuß

© Preußische Allgemeine Zeitung / 10. Juli 2004


Der erste Kuß
von Wolfgang J. Hochhaus

Ich spazierte durch Königsberg, suchte nach Stätten meiner Kindheit und Jugend. Es gab sie noch, hier und da. Oft verfremdet, vielfach verwahrlost oder mit aufgetürmtem Beton bebaut, stillos, geschichtslos, gesichtslos. Doch immer wieder gab es überraschendes Erkennen.

So schlenderte ich die Richard-Wagner-Straße, vom Steindamm kommend, hinunter. Übrigens eine der wenig verbliebenen Straßen im Zentrum, die auch heute noch ihren früheren Verlauf besitzt.

Mein Auge fiel auf das eine oder andere alte Gebäude, auf den ramponierten Eingang der medizinischen Klinik, auf die Augenklinik und verweilte im Weitergehen schließlich vor dem Botanischen Garten.

Tatsächlich, der weitgehend erhaltene Mauersockel aus Ziegeln, darüber der mannshohe Eisenzaun mit Schmuckelementen verziert stand noch. Der Zaun teilte den Garten von der Straße ab.

Meine Gedanken wanderten zurück in eine ferne Zeit. Ich betrachtete aufmerksam den Zaun und glaubte, die Stelle zu erkennen, wo ich einst meinen ersten Kuß empfing.

Damals saß ich hier dicht geschmiegt an Marianne auf dem Mauervorsprung. Ein sommerlich warmer Augustabend umschmeichelte uns. Der Vollmond stand über der Lavendelstraße und verströmte sein milchiges Licht. Eine Luft wie Seide!

Sie war eine Marjell von 13 Jahren, wohlgeformt, ich Lorbaß zählte zwölf Lenze, zart und anbetend in sie verliebt. Wir schabberten über unsere Freunde, wer mit wem ging, was der und die gesagt oder nicht gesagt hatte. Doch für mich stand an jenem Abend die alles entscheidende Schicksalsfrage an, die ich endlich mutig und mit bebender Stimme stellte: "Willst du mit mir geh'n?"

Ohne Zögern stimmte sie meinem Antrag zu und meinte: "Nun gib mir 'nen Kuß!" Auch ich zögerte nicht. Beseelt drückte ich ihr den erwarteten Schmatz auf. Heftig reagiert sie: "Hör' mal, so küßt man Mutti und Vati, aber doch nicht seine Braut!" Indem sie sich empört äußerte, umschlang sie meinen Hals, drückte ihre Lippen auf die meinigen.

Plötzlich spürte ich ihre Zunge in meinem Mund. "Igitt, igitt!" stieß ich atemlos hervor. Sprang verstört auf, spuckte aus, wischte mehrmals mit dem Handrücken über meine Lippen.

So endete unser Honigmond auf diese dramatische Art und Weise. Was mag wohl aus Marianne geworden sein, ging's mir durch den Sinn. Hoffentlich ist sie unbeschadet dem späteren Inferno entkommen.

Schmunzelnd an dieser Zaunstelle verweilend, gedachte ich meiner reinen Knabenliebe. Bei dieser sentimentalen Reminis-zenz fielen mir spätere kundigere Sündenfälle in meinem Leben ein. Darüber amüsiert pilgerte ich in Richtung Volksgarten weiteren Erinnerungsplätzen entgegen.


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