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10.07.04 / Vom Vater verraten / Sohn

© Preußische Allgemeine Zeitung / 10. Juli 2004


Vom Vater verraten
Sohn von Günter Guillaume über seine verlorene Jugend

Als 1974 das Ehepaar Guillaume wegen Spionage verhaftet wird, glaubt ihr 17jähriger Sohn Pierre an eine Verwechslung - hatte sein Vater sich doch stets als rechter Sozialdemokrat und SED-Gegner ausgegeben. Nur ganz allmählich stellt sich die Frage, ob hinter des Vaters vertrautem Gesicht sich ein ganz anderer Mensch verbirgt, als er bisher geglaubt hatte.

Unter allerlei Vorwänden - nur bei seiner Übersiedlung in die DDR könnte die Familie nach einem Agentenaustausch wieder zusammensein - wird der Sohn nach Ost-Berlin gelockt; erst später begreift er die wahren Hintergründe dieses Stasi-Coups: Er wird zum Faustpfand gegen einen etwaigen Geheimnisverrat seiner Eltern! Vom Leben jenseits der Berliner Mauer ist er anfangs "angenehm überrascht", zeigt man ihm doch nur die DDR-Schokoladenseite. Bald indes spürt er den grauen Alltag dort, er sehnt sich nach seinem Vater, doch seine Betreuer verstehen all seine Fragen und Probleme nicht. Die Stasi verschafft ihm eine eigene Wohnung und etliche berufliche Stellungen (obwohl er die nötigen Vor-

aussetzungen gar nicht besitzt). Tief erschüttert ist Pierre, als er 1987 im Troß von Journalisten den Moskaubesuch Honeckers erlebt: Es sind die mitfliegenden Funktionäre, die von der Überlegenheit ihres SED-Regimes und der eigenen "welthistorischen Mission" schwelgen und zugleich sich raffgierig die Taschen von US-Kaugummi und westlichen Süßigkeiten vollstopfen.

Nach dem Austausch seines Vaters erhofft der Sohn, von ihm endlich die volle Wahrheit zu erfahren und mit ihm über alle seine Probleme sprechen zu können - wie überhaupt im Zentrum des Buches seine Suche nach der wahren Identität seines Vaters steht. Doch zu einem klärenden Gespräch kommt es niemals. Günter Guillaume lebt nunmehr in einer Villa bei Berlin, doch ist es ein goldener Käfig mit einem Stasi-"Betreuer". Eine echte Beschäftigung hat man nicht für ihn, sieht man von gelegentlichen Propagandaauftritten ab. Der gedrehte Film über ihn verherrlicht die DDR-Spionage, wobei etliche Passagen direkt unwahr sind; vor allem die Phrasen über die angebliche Sorge des Kanzlerspions um seinen Sohn muß dieser nach allem als verlogen werten. Nach Pierres Hochzeit werden die umfangreichen Einmischungen der Stasi selbst in das Privatleben des jungen Ehepaares erniedrigend. Nach 13 Jahren (1988) stellt es einen Ausreiseantrag, dem - allerdings unter dem Mädchennamen seiner Großmutter - schließlich stattgegeben wird. Als 1995 Günter Guillaume stirbt, wird Pierre von niemandem aus der Ex-DDR informiert - er erfährt es erst durch einen Telefonanruf einer westdeutschen Zeitung ... F.-W. Schlomann

Pierre Boom, Gerhard Haase-Hindenburg: "Der fremde Vater", Aufbau-Verlag, Berlin 2004, 415 Seiten, 22,50 Euro


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