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10.07.04 / Mit "Fingerspitzengefühl" / Schrullige Damen berichten über Abenteuer mit alten Büchern

© Preußische Allgemeine Zeitung / 10. Juli 2004


Mit "Fingerspitzengefühl"
Schrullige Damen berichten über Abenteuer mit alten Büchern

Begonnen hat alles mit bedrucktem Briefpapier, daß Madeleine Stern ihrer Freundin Leona Rostenberg vor über 50 Jahren zu Weih-nachten schenkte. "Leona Rostenberg - Seltene Bücher, 152 East 179TH Street, New York 53", war darauf zu lesen. Zwar hatte die Antiquariatsgehilfin Leona schon länger davon geträumt, sich selbständig zu machen, doch Schüchternheit und Angst hielten sie zurück. Freundin Madeleine ergriff die Initiative und wurde nicht nur "Geburtshelferin", sondern auch später Mitgesellschafterin an dem Geschäft "Leona Rostenberg - Seltene Bücher".

Einfühlsam erzählen die beiden Frauen in der Doppelautobiograhie "Zwei Freundinnen, eine Leidenschaft - Unser Leben für seltene Bücher" über ihre Kindheit in New York Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Weltwirtschaftskrise, ihr weibliches Geschlecht und ihre jüdische Abstammung verstellten ihnen jedoch lange Zeit ihre angestrebten Ziele: "Miss Rostenberg, schrauben Sie Ihre Hoffnungen nicht zu hoch! Sie haben zwei schwerwiegende Nachteile: Sie sind eine Frau, und Sie sind eine Jüdin."

Leona ließ sich allerdings von den Worten ihres Professors nicht beirren und recherchierte im Europa der Enddreißiger für ihre Doktorarbeit über die Kulturgeschichte des Buchdrucks, doch ihr Professor verweigerte ihr die Anerkennung, womit er ihrer Universitätskarriere einen Riegel vorschob. Erst Jahrzehnte später erhielt Leonas Arbeit die ihr zustehende Achtung. Die nun erst promovierte Historikerin wurde dann auch Präsidentin der "Antiquarian Booksellers Association of America".

Die lebenslustige Madeleine Stern hatte im Gegensatz zu ihrer etwas verschrobenen Freundin mehrfach die Möglichkeit, in den damals für junge Frauen vorgesehenen Hafen der Ehe einzulaufen, doch sie entschied sich nach einigen gescheiterten Beziehungen für die berufliche Karriere. Madeleine machte sich als Biographin von Margaret Fuller und Louisa May Alcott einen Namen.

Auch für Europäer ist das Buch der beiden Freundinnen und Geschäftspartnerinnen sehr interessant, da diese sehr ausführlich von ihren Erlebnissen und Eindrücken von ihren Europareisen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg berichten. Auch ihre mit fast schon detektivischem Gespür gemachten Entdeckungen im Antiquariatsgeschäft sind für Laien aufschlußreich. "Fingerspitzengefühl", ein Ausdruck der auch im amerikanischen Original in Deutsch verwendet wird, ist dabei eines der Lieblingswörter der inzwischen 92 und 96 Jahre alten Damen.

Keineswegs nur eine Reise in verstaubte Bibliotheks- und Antiquariatswelten. R. Bellano

Leona Rostenberg, Madeleine Stern: "Zwei Freundinnen, eine Leidenschaft - Unser Leben für seltene Bücher", Hoffmann und Campe, Hamburg 2004, geb., zahlr. Abb., 304 Seiten, 19,90 Euro


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