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24.07.04 / Geheime Kuriere unter nördlichem Himmel / Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 und die Verbindungen zweier Akteure nach Schweden

© Preußische Allgemeine Zeitung / 24.Juli 04


Geheime Kuriere unter nördlichem Himmel
Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 und die Verbindungen zweier Akteure nach Schweden
von Ulrich Schacht

Der 20. Juli 1944 ist weder ein beliebiges noch ein marginales Datum deutscher Geschichte, sondern ein zentrales. Ist er doch die moralisch entscheidende Antwort deutscher Bürger- und Militär-Eliten auf den 30. Januar 1933: An diesem Tag war Adolf Hitler, der Führer der Nationalsozialisten, unter schwersten Bedenken von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler berufen und damit machttechnisch in den Stand versetzt worden, in kürzester Zeit aus Deutschland einen totalitären Staat zu machen, mittelfristig mit Hilfe Stalins Europa in den Zweiten Weltkrieg zu manövrieren sowie aus den Juden systematisch ein Objekt politischer Diskriminierung, später physischer Vernichtung werden zu lassen. Diese dreifache destruktive Konsequenz seines Denkens und Handelns, das zum Denken und Handeln einer ganzen politischen Bewegung wurde, war am Beginn seiner Herrschaft für die Mehrheit der Deutschen jedoch kaum zu erkennen. Aufgrund der ökonomisch desaströsen Lage des Landes, das unter den Folgen des verlorenen Ersten Weltkrieges und dem von französischer Rachsucht motivierten Diktat-Frieden des Versailler Vertrags von 1919 litt, das die Weltwirtschaftskrise mit Inflation und Massenarbeitslosigkeit erfuhr, ideologisch inspirierte Bürgerkriegsszenen über sich ergehen lassen mußte und mit ansah, wie hilflose Koalitionsregierungen aus demokratisch orientierten Parteien in immer kürzeren Abständen daran zerbrachen, erschien er vielen Menschen als ein Retter in höchster Not. Sein außenpolitisches Programm, das auf konsequente Revision des Deutschland schwer diskriminierenden Versailler Vertrags abzielte, wurde im Prinzip von allen Parteien der Weimarer Republik, einschließlich der linken, geteilt.

Die antisemitischen Fanatismen aus Hitlers Mund galten einer Mehrheit eher als Spleen, mit der Übernahme von Regierungsverantwortung würden sie schon verschwinden. Seine revolutionäre Rhetorik zugunsten des "einfachen Mannes" und Arbeiters dagegen wurde von den unterprivilegierten Schichten und dem materiell verelendeten Mittelstand vor allem als Gerechtigkeitsversprechen gedeutet. Da aus der sozial-revolutionären Rhetorik Hitlers nach der Machtübernahme sehr schnell hochsymbolische Praxis wurde, sahen große Teile der Arbeiterschaft ihre Interessen vertreten. Daß im selben Atemzuge ihre Gewerkschaften aufgelöst wurden und nach sowjetischem Vorbild ein von der NSDAP kontrollierter einheitlicher Ersatzverband, die Deutsche Arbeitsfront, entstand, begriff man erst, als es zu spät war. Am 22. Juni 1933 wurde die Sozialdemokratische Partei verboten, kurz darauf lösten sich die bürgerlichen Parteien selbst auf. Bereits am 24. März hatten dieselben Parteien, eingeschüchtert von Terror und Druck durch die Nationalsozialisten, dem "Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich" zugestimmt. Nur die Sozialdemokraten stimmten dagegen. Es ermächtigte die Regierung Hitlers, unabhängig von der Verfassung Gesetze zu erlassen. Indem das Parlament so die Diktatur auf legalem Wege einführte, beging es de facto und de jure Suizid und machte sie damit staatspolitisch perfekt.

Mit dem schnellen Ausschalten aller parteipolitischen Gegner hatte Hitler jedoch die gefährlichste oppositionelle Kraft, die bürgerlich-konservativen Kräfte in Militär, Staatsverwaltung und Gesellschaft, immer noch nicht besiegt. Das sollte ihm erst Jahre später, wenige Monate vor seinem eigenen Tod - in den Wochen nach dem fehlgeschlagenen Attentat vom 20. Juli -, in verheerendem Ausmaß gelingen. Der deutsche Publizist Sebastian Haffner, der 1938 nach London emigrierte, hat in seinem Buch "Anmerkungen zu Hitler" an dieser grundlegenden Tatsache keinen Zweifel gelassen: "Die einzigen innenpolitischen Gegner oder Konkurrenten, mit denen Hitler ... ernsthaft zu rechnen hatte, waren die Konservativen. Die Liberalen, Zentrumsleute, Sozialdemokraten haben ihm nie im geringsten zu schaffen gemacht, ebensowenig die Kommunisten ... Aber die Konservativen, mit ihren gut verschanzten Positionen in Heer, Diplomatie und Verwaltung, blieben immer ein echtes politisches Problem für ihn ... konservative Wehrmachtsgenerale schmiedeten 1938 und 1939 Putschpläne, konservative Politiker ... konspirierten während der ganzen Kriegszeit mit den verschiedensten Partnern aus Heer, Staat und Wirtschaft gegen Hitler, und 1944 hatte sich schließlich sogar eine Art großer Koalition politischer und militärischer konservativer Hitlergegner gebildet, die in dem Unternehmen des 20. Juli gipfelte." Nur von dieser sozial- wie kulturgeschichtlichen Prämisse her konnte die deutsch-jüdische Philosophin Hannah Arendt, die 1933 aus Deutschland fliehen mußte, nach 1945 die elementare Einsicht formulieren, daß "es nicht irgendeine deutsche Tradition als solche" war, "die den Nazismus herbeigeführt hat, sondern die Verletzung aller Traditionen".

Aus diesen Traditionen, ihren christlichen Werten und moralischen Konsequenzen, kamen zwei der brillantesten Köpfe des deutschen Widerstandes, deren Aktivitäten bis nach Schweden reichten: der protestantische Theologe Dietrich Bonhoeffer (geboren 1906) und der Jurist und Diplomat Adam von Trott zu Solz (geboren 1909). Ihre Reisen zwischen 1942 und 1944 in das neutrale und deshalb vom Krieg verschonte Land dienten einzig dem Versuch, die Alliierten davon zu überzeugen, dem deutschen Widerstand und seinen Umsturzplänen psychologisch zu vertrauen und friedensstrategisch entgegenzukommen, um den Krieg in Europa und so auch den seit 1942 immer deutlicher werdenden Ausrottungsfeldzug gegen die Juden zu beenden. Insbesondere Adam von Trott zu Solz, Freund und Vertrauter Graf Stauffenbergs, der am 20. Juli 1944 die Bombe in Hitlers Hauptquartier in Ostpreußen plazierte und anschließend in Berlin im Oberkommando des Heeres den Aufstand erfolgreich zu machen versuchte, bat im Auftrag der Verschwörer, die 1943 in Casablanca von Präsident Roosevelt erhobene Forderung nach "bedingungsloser Kapitulation" Deutschlands fallenzulassen, da ihre Existenz psychologisch vor allem die Katastrophendemagogie der Nazis stärke. Zudem widersprach sie seinem eigenen Patriotismus. Ein drittes Hauptmotiv seiner konspirativen Tätigkeit, die ihn im Oktober 1943 in Stockholm schließlich mit zwei als Diplomaten getarnten Agenten des britischen Geheimdienstes Gespräche führen ließ, war die Furcht vor einem möglichen massiven kommunistischen Einfluß auf ein besiegtes Deutschland. Während dreier Besuche Trotts in Schweden (September 1942, Oktober/November 1943, März 1944) traf er auch mit Ivar Anderson, dem damaligen Chefredakteur von Svenska Dagbladet, zusammen. Anderson gehörte zu einer kleinen Gruppe christlich orientierter, einflußreicher Schweden, die Dr. Harry Johansson, zu jener Zeit Direktor des Nordischen Ökumenischen Instituts in Sigtuna, gebildet hatte. Sie sollte die Verbindung zum deutschen Widerstand aufrechterhalten. Weitere Mitglieder der Gruppe waren die Bischöfe Björkquist und Cullberg, Kammergerichtsrat Quensel und der Chef von Sandvikens Jernverk, Göransson. Johansson brachte Trott 1942 auch mit Yngve Brilioth, dem Bischof von Växjö, zusammen. Brilioth sollte auf einer bevorstehenden Englandreise die Staatsstreichpläne des deutschen Widerstandes weitergeben, aber auch dessen Vorstellungen zur Neugestaltung Deutschlands nach einem erfolgreichen Umsturz. Beim dritten Treffen mit Ivar Anderson, so notierte der Journalist in sein Tagebuch, sei die Hauptfrage für Trott gewesen, ob England die Luftangriffe auch nach einem gelungenen Umsturz auf Deutschland fortsetzen würde. Falls ja, würde "das deutsche Volk" dies "so bewerten, daß England nicht gegen Hitler, sondern gegen Deutschland als solches mit der Absicht kämpfte, es vollständig zu vernichten." Ein Ende der Bombardierungen dagegen "würde ... dem neuen Regime die Möglichkeit geben ... zu bestehen". Anderson, der von Trott stark beeindruckt war, versprach, die Engländer davon zu unterrichten. Er tat dies wenig später bei einem Mittagessen in der britischen Gesandtschaft, wo er Walter Monckton, einen Junior-Minister aus Churchills Kabinett traf. Aber Monckton wollte auf diese Frage nicht eingehen und betonte zugleich, daß die Alliierten keiner politischen Bewegung in Deutschland entgegenkommen könnten, die nicht die vollständige militärische Niederlage akzeptiere. Tatsächlich gelang es Trott im Juni 1944 ein letztes Mal, nach Stockholm zu kommen. Die Reise, die auf Wunsch der Briten erfolgte, brachte ihn mit David McEwin, einem hohen Beamten und Geheimdienstmann, zusammen, der Trott über bevorstehende massive Bombardements der westlichen Industriezentren Deutschlands informierte. Die Luftoffensive könne aber vermieden werden, falls der Widerstand den Alliierten bei der raschen Beendigung des Krieges helfen könne. Wie stark er denn sei, wollte McEwin von Trott wissen. Trott erklärte sich bereit, die entsprechenden Informationen zu geben, jedoch nur unter der Bedingung, daß die Forderung nach einer "bedingungslosen Kapitulation" Deutschlands aufgegeben werde. Das konnte McEwin aber nicht, und so bat er Trott um ein schriftliches Memorandum seiner Gedanken. Trott erfüllte die Bitte. Kurz vor seiner Abreise, am 24. Juni, verbrachte er noch das Mittsommerfest in Sigtuna bei Harry Johansson. In einem Brief an Freunde in Schweden spricht er von "guten Gesprächen" in Sigtuna, aber auch davon, daß man "im Augenblick ... dem fürchterlichen Gericht, das über die ganze Menschheit niedergehen wird, nicht Einhalt gebieten" könne, wohl aber "dafür sorgen, daß nicht auch die guten Kräfte für die Zukunft mitzerschmettert werden". Als Trott dies schreibt, ist der andere geheime Emissär, der Theologe der regimekritischen "Bekennenden Kirche" Dietrich Bonhoeffer, schon über ein Jahr in Deutschland in Haft. Von Widerstandskreisen in der deutschen Abwehr unter Admiral Canaris mit einem Kurierpaß des Auswärtigen Amtes ausgestattet, war Bonhoeffer am 30. Mai 1942 nach Schweden gereist. Dort traf er einen Tag später mit George K. A. Bell, dem anglikanischen Bischof von Chichester, zusammen, den er schon von seiner Zeit als deutscher Pfarrer in London (1933-35) her kannte. Auf Bitten des Bischofs gab Bonhoeffer für dessen Bericht an die britische Regierung Einblick in die Namensliste der Militär- und Zivil-Verschwörer gegen Hitler und betonte, daß ein von diesen Männern geführter Aufstand sehr ernst zu nehmen sei. Im Beisein Dritter wurden schließlich politische Nachkriegspläne erörtert und die Frage weitergegeben, ob England vielleicht die Rückkehr der Monarchie in Deutschland begünstigen würde. Fortgesetzte Kontakte wurden vereinbart, getarnte Informationswege festgelegt.

Die Idee, Sigtuna weiterhin als Drehpunkt der geheimen Gespräche zu nutzen, mußte einen Tag später aufgegeben werden, da Dr. Manfred Björquist, der Leiter der Sigtuna-Stiftung, seine Zustimmung dazu verweigerte. Sie verstieße gegen Schwedens Neutralität. Das deckte sich mit Auffassungen des Chefs der politischen Abteilung des schwedischen Außenministeriums, Staffan Söderblom, der, nach einem Bericht Bischof Bells, im Herbst 1943 den Vermittlungsaktivitäten zwischen dem deutschen Widerstand und der britischen Regierung durch die Gruppe um Johansson "absolut negativ gegenüberstand". Bell und Bonhoeffer sahen sich ein letztes Mal am 1. Juni 1942. Bei diesem Treffen übergab Bonhoeffer Bell einen Brief, in dem er über die Begegnung schrieb: "Ich glaube, ich werde diese Tage unter den größten meines Lebens im Gedächtnis behalten. Dieser Geist des Miteinander und christlicher Bruderschaft wird mir durch die dunkelsten Stunden helfen, und selbst wenn die Dinge schlimmer kommen, als wir hoffen und erwarten, so wird der Lichtschein dieser wenigen Tage in meinem Herzen nicht verlöschen". Als der Staatsstreichversuch vom 20. Juli 1944 scheiterte, trafen für die beiden Emissäre des Widerstands, die auf schwedischem Boden von der Existenz eines besseren Deutschland gezeugt hatten, bald die geahnten "dunkelsten Stunden" ein. Adam von Trott zu Solz wird am 25. Juli verhaftet, am 15. August vom "Volksgerichtshof" unter Roland Freisler zum Tode verurteilt und am 26. August 1944 hingerichtet. Bonhoeffers Leidenszeit, der bereits am 5. April 1943 verhaftet worden war, dauert noch bis zum 9. April 1945. Dann wird auch er ermordet. Bischof Bell hatte, wie zugesagt, die ihm vermittelten Informationen und Vorstellungen an den damaligen britischen Außenminister Anthony Eden weitergegeben. Edens Antwort an den Geistlichen enthielt die kategorische Ablehnung jeglicher Reaktion auf den deutschen Widerstand aus "nationalem Interesse". Das entsprach der Linie seines Premiers Churchill, der in diesem Zusammenhang die Parole "vollkommenen Stillschweigens" ausgegeben hatte und am 2. August 1944 in einer Unterhausrede glaubte, den Staatsstreichversuch in Deutschland als "Ausrottungskämpfe unter den Würdenträgern des Dritten Reiches" verunglimpfen zu müssen. Der deutsch-jüdische Historiker Hans Rothfels, der 1939 nach England, später in die USA emigrierte, hat dieses Verhalten in seiner 1948 erstmals erschienenen legendären Studie über "Die deutsche Opposition gegen Hitler" als eine Position charakterisiert, die "fast auf ein Bündnis mit Hitler hinauslief". Erst 1951 bekennt die Londoner Times, daß die Alliierten bei ihrer Zurückweisung der Verschwörer vielleicht einen Fehler begangen hätten. Heute besteht daran nicht mehr der geringste Zweifel.

 

Als die Welt 1932 noch in Ordnung war: Der Theologe und Widerständler Dietrich Bonhoeffer inmitten einer Jugendgruppe. Foto: Ullstein

Dem Tode näher als dem Leben: Adam von Trott zu Solz bei seiner Verurteilung zum Tode am 15. August 1944. Foto: Trott-Stiftung


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