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24.07.04 / Die große Flucht in die Unverbindlichkeit

© Preußische Allgemeine Zeitung / 24.Juli 04


Gedanken zur Zeit:
Die große Flucht in die Unverbindlichkeit
von Gottfried Loeck

In diesem Land droht ein wichtiges Gut abhanden zu kommen: die Wahrheit. Immer mehr Leute reden mit gestopfter Trompete in unverbindlichen Andeutungen, die glitschig wie ein Frosch und nichtssagend wie Kreise sind. Daß man damit nicht wirklich zu fassen ist, ist gewollt. Begründet Nachteiliges über jemanden zu äußern oder konstruktive Kritik zu wahnwitzigen politischen Entscheidungen zu äußern, ist unschicklich, karrierehemmend. Der gleichgeschalteten Unehrlichkeit in den Medien, der Politik, Schule und Arbeitswelt wird nachgeeifert. Wenn jemand es wagt und der gängigen Norm entflieht, und zum Beispiel von Herrn B. mit Recht sagt, daß er das Sozialsystem schamlos ausnutze, in Wirklichkeit gar keine Lust zum Arbeiten habe, zeigen alle, die genauso denken und sich freuen, daß endlich einer die Wahrheit gesagt habe, mit dem Finger auf den Offenherzigen und beteuern mit vor Vergnügen vibrierender Stimme in anderer Gesellschaft: "Das hat Herr N. allen Ernstes wirklich behauptet! Wenn Herr B. je von der Sache erfährt - mir kann er nichts anhaben. Nicht ich habe ihn im Hausflur als Sozialschmarotzer bezeichnet."

Findet sich jemand in dem Kreis, der das Verhalten von Herrn B. sogar teilt, ebenfalls nur abkassiert, wird er jenem Urteil nicht widersprechen, sondern eher mit stark betontem "so" fischig bemerken, "daß man das so nun wirklich nicht sagen könne". Bei einer solchen unredlichen Wortspielerei wird bereits die schlichte Demaskierung des Mißbrauchs zum Beweis für Unmenschlichkeit. Mißstände beim Namen zu nennen, sie gar öffentlich zu machen, gilt in einer seidenweichen Gesellschaft als unfein, unzeitgemäß. Sich andererseits nur hinter vorgehaltener Hand dar-über zu ereifern, ist typisch für die hier weitverbreitete geistige Unredlichkeit.

"Sie tun sich selber keinen Gefallen", sagt heutzutage der Vorgesetzte, wenn sich ein Untergebener um einen höheren, besser bezahlten Dienstposten bewirbt, dafür aber nach Meinung des Vorgesetzten ungeeignet erscheint. Daß er mit solchen Floskeln vorrangig das Interesse des Betriebes zum Ausdruck bringt, zudem sein eigenes unerwähnt läßt, unterstreicht den fehlenden Willen zur Ehrlichkeit. Daß es sich dabei nicht um die Fürsorglichkeit des Vorgesetzten handelt, merkt der Untergebene schnell. Ihn ärgern die Ablehnung, aber auch die unaufrichtigen Worthülsen. Ähnlich vorsichtig sollte man heutzutage auch mit Arbeitsbescheinigungen, Zeugnissen umgehen, in denen ausschließlich Lobenswertes vermerkt ist, Nachteiliges stets umschrieben oder durch Weglassen angedeutet wird. Um kritische Anmerkungen gegenüber Schülern, Arbeitnehmern nicht in langwierigen und kosten-trächtigen Gerichtsverfahren "juristisch" klären zu lassen, fliehen Lehrer oder Arbeitgeber besser gleich in die bequeme Unverbindlichkeit.

Wer die in unserm Land gleichgeschalteten Medien aufmerksam verfolgt, merkt schnell, daß heute einer den größten Unsinn reden kann, ohne daß ihn jemand darauf hinweist, daß es Unsinn sei. Statt dessen heuchelt man gerne Anerkennung mit der Bemerkung: "Das finde ich überaus interessant" oder "Das muß ich erst noch verarbeiten". Wer sich in einer Podiumsdiskussion à la Christiansen aufrafft zu einem lahmen, wenn auch modischen "Das kann ich so schnell noch nicht nachvollziehen", gilt schon als zänkisch und wird zukünftig zu derartigen karrierefördernden "Weihestunden" nicht mehr eingeladen. Mit teigigen Leerformeln wie "Ich würde sagen" oder "Das könnte man auch anders sehen" umschreiben Politiker gewöhnlich ihre Unfähigkeit zur klaren Entscheidung. Die Scheu vor dem eigenen einklagbaren Standpunkt der geistigen Auseinandersetzung ist weitverbreitet. Selbst im Stern (Folge 2/2004), den man üblicherweise als halbamtliches Regierungsblatt bezeichnen kann, beklagt Hans-Ulrich Jörges unter der Überschrift "Kein Kreuz, nirgends", daß in der derzeitigen Bundesregierung "die chronische Rückgraterweichung grassiert: Lieber krumm im Amt bleiben als aufrecht Verantwortung übernehmen und gehen". Nicht ohne Grund werden vermehrt teure Gutachter eingesetzt, zeitraubende Gerichtsentscheidungen bemüht, um unbequeme Entscheidungen gegenüber der amorphen Masse zu rechtfertigen. Indem man anderen die Schuld in die Schuhe schiebt, glaubt man sich selber davon freizusprechen. Als es vor einigen Monaten beim plötzlich aufkommenden Thema Leitkultur ums eigene Bekenntnis, um Identität und Wahrhaftigkeit ging, wurde die Diskussion schnell abgewürgt. Hinter Leerformeln wie "europäische Gesinnung, demokratischem Bewußtsein, Toleranz, Antifaschismus" glaubte man das Gewissen zu beruhigen und das fahle Gesicht wahren zu können.

Selbst bei der Dritten Gewalt wird man zunehmend den Eindruck nicht los, als wollten sich manche Jugend- und Strafrichter selbst bei Verbrechen für das milde Strafmaß entschuldigen. Dem Täter gilt jedwede staatliche Fürsorge, das Opfer muß selbst sehen, wie es klarkommt. In Frankfurt muß sich seit kurzem ein Polizeibeamter rechtfertigen, der dem Mörder eines kleinen Jungen körperliche Zwangsmaßnahmen androhte, falls er das Verbringungsversteck des Opfers nicht preisgebe. Die ehrenwerte Absicht des Vernehmungsbeamten, so das Leben des Jungen möglicherweise zu retten, wird überlagert von einer kühlen Gesetzgebung, die eine vorrangige Fürsorge für das Opfer nicht vorsieht. Strafhaft mit jederzeitigem Fernsehen, unkontrolliertem Telefonieren, frühzeitigem Freigang und grenzenloser Entspannung entbehrt seit langem in der Bevölkerung des Eindrucks einer wirklichen Bestrafung. Wenn sich schon die Judikative derartig hilflos gegenüber Straftätern verhält, der letztlich niemand etwas anhaben kann, braucht man sich über den Mut zur Rechfertigung von Entscheidungen bei den beiden anderen Gewalten nicht zu wundern, die sich weitaus mehr von des Volkes Gunst abhängig fühlen.

Der Mangel an Offenheit, Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit, das krankhafte Kriechen und permanente Entschuldigen, die dickwattierte Sprache kommen nicht von ungefähr. Sie alle sind Frucht der seichten, unverbindlichen Überfluß- und Bequemlichkeitsgesellschaft, in der viele Mitbürger qua Anpassung und erfolgversprechendem Mitschwimmen nichts mehr auf sich nehmen wollen, nicht einmal die Last der Ehrlichkeit.


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