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24.07.04 / Vom "Sonnengebet" bis zur "Heuschrecke" / Yoga macht nicht nur fit, sondern auch viel Spaß / Sverre Gutschmidt besuchte ein Studio in Hamburg

© Preußische Allgemeine Zeitung / 24.Juli 04


Vom "Sonnengebet" bis zur "Heuschrecke"
Yoga macht nicht nur fit, sondern auch viel Spaß / Sverre Gutschmidt besuchte ein Studio in Hamburg

Yoga - Ein Jahrtausende altes System körperlicher und geistiger Übungen, das meditative und sportliche Aspekte zu einem ganzheitlichen Bewußtsein verbinden will. So läßt sich die aus Indien stammende Lehre knapp erklären. Keine Angst: Die inzwischen zahlreichen Yogastile versprechen mehr als Esoterik - eben eine gelungene Mischung körperlichen und mentalen Trainings für jeden. Die fernöstliche Trendsportart ist so vielfältig, daß sie eher ruhige und sehr individuelle Übungen und Trainingsmethoden aber auch harte Proben für die eigene Kondition bietet. Was entgegen landläufiger Meinung einen Yogaexperten sicher nicht ausmacht: im Lotussitz zu hocken oder auf dem Kopf zu stehen. Mehr Fitneß oder ein verbessertes Körperbewußtsein und geistiges Training stehen allerdings bei allen Arten hoch im Kurs. Yoga ist daher ideal zur Steigerung des allgemeinen Wohlbefindens.

Auch Caroline (40) ist überrascht - "Bikram Yoga", sie lacht über den Beitrag im Regionalfernsehen: "Kuck mal wie die alle schön schwitzen, die sind schon ganz rot." Noch albert sie, sie ahnt nicht, daß ihre Tochter den Beitrag nicht aus Zufall eingeschaltet hat. Die ungewöhnliche Lust an yogischen Übungen bei 32 Grad Celsius kommt aus den USA und wird dort von Prominenten wie Michael Jack-son und Barbra Streisand zelebriert. "Bikram" verspricht intensive Fitneß - wegen der Hitze garantiert ohne Muskelkater. Da der Körper nicht aufgewärmt werden muß, ist auch das Verletzungsrisiko geringer als bei herkömmlichen Übungen. Selbst bei geringster sportlicher Neigung läßt sich jederzeit einsteigen. Im Gegensatz zum öden Gestrampel an Trimm-Dich-Maschinen findet Yoga-Fitneß meist in der Gruppe statt, benötigt keine Geräte und ist daher jederzeit überall durchführbar.

Der erste Besuch im Yoga-Zentrum ist Caroline von der Tochter geschenkt worden. Nun muß sie hin. Im noblen Hamburger Stadtteil Eppendorf führt eine steile Treppe im Hinterhaus in die Räume eines der angesagtesten Studios. Doch ist Caroline nicht wegen der Star-Vorbilder hier. Die Geigerin erhofft sich Besserung für ihre Nacken- und Gelenkschmerzen. Schnell umgezogen, die große Wasserflasche gepackt, erklimmt sie erwartungsfroh eine schmale gußeiserne Treppe, die ins ausgebaute Dachgeschoß führt. Jetzt noch eine Schaumstoffmatte nehmen und schon beginnt das erste "Set": sichtbar stolz auf ihre amerikanische Yogaausbildung begrüßt die Trainerin "alle neuen Yogis". Der verspiegelte Raum mit seinem peinlich sauberen Spezialfußboden ist brütend heiß.

Mit Atemübungen geht es los, dann folgen die ersten einfachen Trainingseinheiten: "Abgesehen von der gewöhnungsbedürftigen Hitze ist es wie in jeder Muckibude", sagt sich Caroline. Vergeblich versuchte sie bisher mit klassischen Fitneßstudiobesuchen ihre Wehwehchen zu kurieren und Kalorien zu verbrennen. Heute wird sie 26 neue Übungen kennenlernen und in zwei Stunden so ziemlich alle Muskeln und Bänder beanspruchen, die der Körper hat. Doch davon ahnt sie bestenfalls etwas. In glockenheller Stimme ruft die Yogameisterin zum "Sonnengebet". Für Laien mutet es wie eine Mischung aus Liegestütze und Hände-hoch an. Caroline hält eisern durch. Währenddessen flötet Trainerin Judith suggestiv ein paar amerikanisierte Weisheiten aus dem Wissensschatz der fernöstlichen Lehre: "Clean the house and let it shine", will heißen "Dein Körper ist wie ein Haus, räum mal richtig auf!" Caroline stöhnt. Etwas monoton, die minutenlangen Wiederholungen, andererseits merkt sie erst jetzt, wie verspannt ihr Körper ist.

Die Yogastellungen wirken systematisch auf den ganzen Körper, machen ihn wieder beweglich. Auch innere Organe werden teils gezielt trainiert. Atemübungen sollen helfen, Energie zu tanken. Neben dem meditativen, auf Klänge und Melodien zur Entspannung bauenden Nada-Yoga setzen spezielle Formen wie Craniosacrales Yoga, der Name verweist auf die lateinischen Wörter für Kopf und Kreuzbein, auf gezieltes Training geschwächter Körperpartien, in diesem Fall der Wirbelsäule. Meist bekannt sind die Unterarten des auf Körpertraining ausgerichteten Hatha-Yoga, zu dem auch Bikram zählt. Für fast jeden findet sich eine passende Traditionsrichtung. Wer schnell Energie tanken will, sollte das vom nordindischen Volk der Sikh entwickelte Kundalini-Yoga nutzen.

"Bikram ist gut für dich", weiß auch Judith und sagt es zur Bestätigung nochmals. Caroline ist inzwischen bei der "Heuschrecke" angekommen. So wie das Tier zur Plage werden kann, scheint die Übung auch Caroline zu plagen: Auf den Armen vor der Brust liegend, streckt sie, dem Insekt ähnlich, die Beine nach oben. Wechsel dynamischer Bewegungen und statischer Halteübungen kennzeichnen die meisten Figuren. Beim plötzlichen Ausatmen aus der gestreckten Rückenlage ist ein lustiges aber gewolltes Ploppgeräusch zu hören. Den Oberkörper heben die Yogis nach vorn über die Beine, bis die Fingerspitzen die Zehen fassen. Ein erfahrener Yogi neben ihr nimmt das stoßweise Ausatmen sehr genau: "Puhh" - Caroline hält sich lachend die Zehen. Jetzt weiß sie: Yoga macht nicht nur fit, sondern auch Spaß.

 

Yoga: Viele der Übungen haben meditativen Charakter. Foto: C. Schacht


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