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31.07.04 / Sing dich frei / Das Sängerfest in Estland hat eine lange Tradition

© Preußische Allgemeine Zeitung / 31. Juli 2004


Sing dich frei
Das Sängerfest in Estland hat eine lange Tradition

Anfang Juli war es nach fünf Jahren wieder soweit: Aus dem ganzen Land reisten sie zu Zehntausenden an, um ihre Revolution zu begehen. Eine Revolution mit lautem Klang, die das ganze Volk mitreißt und die doch keine Forderungen erhebt, sondern eine vereinte kräftige Stimme - zum Gesang. Das estnische Sängerfest lockte Anfang Juli 55.000 Touristen wie Einheimische nach Reval (Tallinn). Seit dem 19. Jahrhundert abgehalten, zählt das Festival zum klingenden Weltkultur-erbe der Unesco. Mehr als 20.000 Künstler führten estnische Lieder und Volkstänze auf und trafen damit wie in keinem anderen Land der Welt eine politische Aussage.

Es war das Jahr 1988, als die Esten ihrem nationalen Kulturerbe singend gegen die Verbote der Sowjetunion zu seinem angestammten Rang verhalfen. Die kommunistischen Machthaber hatten die Nationalhymne verboten, wollten die Sangesfreude des Baltenvolkes für Propaganda einsetzen. Doch an die 300.000 Esten versammelten sich in jenem Jahr, die Unabhängigkeit zu ersingen, hißten die Nationalflagge und zeigten eindrucksvoll ihre Geschlossenheit in Fragen der Selbstbestimmung. Ohne Gewalt und Opfer lösten sie sich singend von der Sowjetzeit. Spätestens seit dieser Revolutionsleistung ist das Sängerfest das Ereignis im Festkalender des Staates, sind Volks- und Traditionslieder aktuell wie in kaum einem anderen Land, eben ein Fest zum Mitmachen. Über 1.000 Chöre, an die 600 Dirigenten und rund 32.000 sangesbegeisterte Mitglieder hat die estnische Chorvereinigung. Dabei zählt das Land gerade einmal 1,4 Millionen Einwohner. Eine riesige muschelförmige Bühne stellte für sie dieses Jahr den musischen Tempel, in dem die Besten unter ihnen auftreten durften. Am ersten Konzerttag begrüßte ein Massenchor aus 19.000 Sängern die Besucher. Einige Teilnehmer reisten aus Kanada und den USA an, auch ein estnisch-deutscher Chor aus Köln war dabei. Obwohl nur auf estnisch gesungen wird, werden auch Versionen international bekannter Melodien auf dem Lauluväljak dargeboten. Der Platz ist seit 1923 Austragungsort der Großveranstaltung - zum 24. Male und dank seiner vielen Gäste aus aller Welt so bedeutend wie hierzulande nicht einmal die größten Konzerte internationaler Musikstars. Seit 1934 gibt es zusätzlich zum Sängerfest ein großes Tanzfest mit Trachtengruppen, aber auch gymnastischen Einlagen und Rockmusik - in Deutschland undenkbar. Ob Kinder in Tracht oder Ältere in legerer Kleidung, vor und hinter der Bühne versammeln sich fast alle musikalischen Geschmäcker der "singenden Nation". Selbst der Präsident ist vom kollektiven Sangestaumel mitgerissen und wird nach der Ansprache bejubelt.

Was heute als Spektakel die musischen Esten anlockt, diente im 19. Jahrhundert der nationalen Selbstbestimmung. Als Vorsängerin und berühmte Komponistin der nationalen Bewußtseinswerdung fungierte Lydia Koidula. Ihr Vater, der Journalist und Lehrer Voldemar Janssen, publizierte die erste Zeitung in estnischer Sprache und initiierte das erste Sängerfest 1869. Mit zirka 800 Teilnehmern nahm sich die Veranstaltung in Tartu damals bescheiden aus. Praktisch jeder Este kennt heute Koidulas Lied "Mein Vaterland ist meine Freude", das gerade in Zeiten der russisch-sowjetischen Fremdherrschaft als Ersatzhymne diente. Um so stolzer sind die Esten daher heute auf ihre Kehlen und die Art, wie sie sich mit ihnen die Freiheit ertrotzten. Sogar das Wetter spielte trotz des verregneten Sommers einigermaßen mit, nur wenige Darbietungen mußten wegen Regen abgesagt werden. Auch sonst verspricht Estland einen heißen Kultursommer, beispielsweise beim von Hermann Hesse inspirierten Musikfestival "Glasperlenspiel" in Pernau (Pärnu) bis zum 18. August. S. Gutschmidt

Im Sangestaumel: Ob Kinder in Trachten oder Erwachsene in legerer Kleidung, das Sängerfest zieht alle in seinen Bann. Foto: Joker


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