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31.07.04 / "Ich kam mir wie verzaubert vor" / Esther Knorr-Anders zeichnet ein Lebensbild der Roman- und Reiseschriftstellerin Fanny Lewald aus Königsberg

© Preußische Allgemeine Zeitung / 31. Juli 2004


"Ich kam mir wie verzaubert vor"
Esther Knorr-Anders zeichnet ein Lebensbild der Roman- und Reiseschriftstellerin Fanny Lewald aus Königsberg

Zwei Bildnisse Fanny Lewalds sind des längeren Ansehens wert. Das eine zeigt sie als junges, bildhübsches Mädchen, dunkelhaarig, wache Augen, die Haltung scheu, schutzbedürftig anmutend. Das andere Bild stellt die gealterte Frau vor Augen, schneeweiße Lockenpracht, Anflug eines spöttischen Lächelns, selbstbewußt die Pose: Fanny Lewald, anerkannte Schriftstellerin, unentwegte Verfechterin der Emanzipation der Frauen aus guten und anderen Häusern. Zwischen beiden Bildnissen liegt - wie sollte es anders sein - eine turbulente Lebensgeschichte.

Geboren wurde Fanny am 24. März 1811 in Königsberg/Pr. Sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits entstammte sie wohlhabenden, angesehenen jüdischen Familien. Ihr Vater David Markus, der nach dem Judenedikt von 1812, in dem Freizügigkeit den jüdischen Bürgern versprochen wurde, den Familiennamen Markus in Lewald umwandeln ließ, betrieb im alten Stadtviertel Kneiphof ein Bank- und Speditionsgeschäft. Schicksalsschläge blieben nicht aus. Nach dem verheerenden Stadtbrand anno 1811 mußte der Betrieb aufgegeben werden. Vater Lewald richtete einen florierenden Weinhandel ein. Das Zusammenleben von Christen und Juden in Königsberg war - wie überall - nicht gänzlich problemlos. Bezeichnenderweise gab es kaum Schwierigkeiten in der Intellektuellen-Schicht, im engeren Bekanntenkreis ohnehin nicht. Aber es gab noch die Straße und die Straßenkinder.

"Daß wir Juden waren, und daß es schlimm sei, ein Jude zu sein, darüber war ich aber mit fünf, sechs Jahren, noch ehe ich in die Schule gebrachte, vollkommen im Klaren. So hübsch wir in unseren seidenen Pelzchen auch angezogen waren, und so gut unsere stattliche Kinderfrau uns auch spazieren führte, so erlebten wir es doch manchmal, daß ganz zerlumpte, schmutzige Kinder uns im Tone des Schimpfens ‚Jud' nachriefen", schreibt Fanny Lewald in ihrer 1861/62 erstmals veröffentlichten Autobiographie "Meine Lebensgeschichte", der bleibende Bedeutung sicher ist.

In Königsberg besuchte Fanny die geschätzte Ulrichsche Privatschule. Sie war eine vorzügliche Schülerin. Während einer Prüfung sagte Konsistorialrat Gustav Friedrich Dinter zu ihr: "Nu! Dein Kopf hätt auch besser auf nem Jungen gesessen! Wenn du aber nur einmal eine brave Frau wirst, so ist's auch gut." Damit drückte Dinter ungewollt die ganze Zwiespältigkeit zeitgenössischer Mädchenerziehung aus. Wären begabte weibliche Kinder als Jungen geboren worden, dann hätte ihnen die Welt offengestanden, die Mädchen aber sollten nähen, häkeln, kochen lernen und möglichst schnell heiraten, um den Geldbeutel der Eltern zu entlasten. Mit 25 Jahren galten Frauen als alt, als "unverkäufliche Ware", wie Fanny Lewald es mit Bitternis ausdrückte.

In großbürgerlichen Kreisen, zu denen die Lewalds zählten, war es den Töchtern strikt verwehrt, einen Beruf zu ergreifen: "Gegen dieses Elend, das nicht wegzuleugnen ist, gibt es nur ein Mittel - die Emanzipation der Frauen zu Arbeit und Erwerb", bekundete Fanny. Sie wußte, wovon sie sprach. Auch sie litt im Elternhaus. David Lewald übte seine Vaterrolle in krasser Form autoritär aus. Zwar ermöglichte er seinen sechs Töchtern und zwei Söhnen beste Schulausbildung, doch sonst galt sein Wille und Wort, so auch in der Entscheidung der Religionszugehörigkeit: "Es bleibt wie ich gesagt habe. Wenn ich die Söhne Christen werden lasse, mache ich sie zu freien Herren über ihre Zukunft. Sie können jeden Beruf wählen, der ihnen ansteht, sie treten als Gleichberechtigte in das Staatsleben ein, können sich mit Jüdinnen oder Christinnen verheiraten, wie sie wollen; und glauben tut zuletzt jeder vernünftige Mensch, was ihn gut dünkt. Frauenzimmer aber, die weder ihren Beruf noch ihren Mann wählen können, bleiben am besten in den Verhältnissen, in denen sie geboren sind, und wenn die Neigung eines Christen einmal auf eine Jüdin fällt, so kann man dann überlegen was man tun will. Für mich und die Mutter paßt es mir nicht, uns taufen zu lassen." Fannys Wunsch aber war es gewesen, Christin zu werden. Zum ersten Mal entfremdete sie sich der Familie, das aber wollte der Vater nicht. Geraume Zeit später gab er ihr die Erlaubnis, ebenfalls zum Christentum überzutreten. Und so geschah es. Die erhoffte religiöse Heimat fand sie jedoch nicht. Sie mußte erkennen, daß jedwedes Dogma ihrer Psyche fremd blieb.

Problematisch gestaltete sich die Vater-Tochter-Beziehung, als Fanny zu schreiben begann. Vetter August Lewald, Herausgeber der Zeitschrift "Europa, Chronik der gebildeten Welt" hatte ihr Talent in Briefen, die sie ihm schrieb, entdeckt. Er bat sie, ihm einen Text über die Krönungsfeier Friedrich Wilhelms IV. in Königsberg zu liefern. Es war ihr erster Erfolg. Hierzu ein Intermezzo: Von ihrem Honorar kaufte sie von einer Königsberger Wursthändlerin eine frische, noch heiße und deshalb stark duftende Majoran-Leberwurst. Mit diesem stolzen Erwerb, der ihrer Familie bezeugen sollte, daß Fanny "reich" geworden war, näherte sie sich dem Pregel und der Krämerbrücke. Dort aber gab es streunende Hunde, die ganze Meute umjaulte sie, folgte ihr. Erst auf dem Steindamm gelang Fanny das Entkommen. Sie vergaß den Wurstkauf nie.

August Lewald riet dem Vater ernsthaft, der Tochter keine Hindernisse in den Weg zu bauen und ihr uneingeschränkt das Schreiben zu gestatten. Darauf ging der Vater ein, wohl auch in Anbetracht der Tatsache, daß Fanny mit den Honoraren dermaleinst für ihren Lebensunterhalt eigenständig aufkommen könne. Allerdings machte er den Vorbehalt, daß Fannys literarische Erzeugnisse anonym erscheinen müßten. Trotzdem notiert sie: "Ich kam mir wie in einem Märchen, wie verzaubert vor, denn es dünkte mir, als sei mir die Herrschaft über die Welt geschenkt, als brauchte sie nur den Zauberstab, die Feder in die Hand zu nehmen, um für mich und andere Welten, Menschen, Ereignisse und Schicksale aus dem Nichts hervorzuzaubern."

So kam es, daß Fanny mit den Erstlings-Romanen "Clementine" und "Jenny" zur viel gelesenen Schriftstellerin wurde - nur wußte niemand, wer die Schreiberin war. Wieder trat August Lewald auf den Plan und redete ihr zu, ihren Namen nicht länger zu verheimlichen. Der Vater gab sein Plazet. Fannys Weg in die noble Gesellschaft war frei. Die nunmehr 33jährige wurde zur blendenden Gestalt in Berlin und seiner illustren Kreise, wo Fanny - erneut mit Erlaubnis des Vaters - Wohnung bezogen hatte. Henriette Herz, Therese von Bacheracht, Karl August Varnhagen von Ense, Theodor Mundt und viele andere Geistesgrößen zählten zu ihren engen Freunden.

Den Vater hatte Fanny bereits auf Reisen durch Deutschland begleiten dürfen. Nun reist sie allein; ihr Weg führt sie auch nach Breslau. Dort wird sie Heinrich Simon wiedersehen, ihre langjährige, unvergessene Jugendliebe. Elf Jahre sind verstrichen, seit sie den Brief erhielt, in dem er ihr gestand, eine andere zu lieben; Freundschaft auf Lebenszeit bot er Fanny an. Sie vermerkte: "Und wie er sich mir zum Freunde angelobt, so habe auch ich ihm das gleiche Versprechen wiedergegeben, und auch ich habe mein Wort redlich gehalten, bis an sein Lebensende und darüber hinaus." Jetzt stehen sich in Breslau der berühmte Rechtsgelehrte und die berühmte Schriftstellerin gegenüber und erkennen, daß Freundschaft - über alle Liebe hinaus - Beständigkeit hat...

Anno 1855 heiratete Fanny mit 44 Jahren den Kulturhistoriker Adolf Stahr, den sie während einer Italienreise kennengelernt hatte. Das Ehepaar war reisefreudig. Frankreich, England, Schottland waren ihre Ziele. Nach dem Tod ihres Mannes 1876 lebte Fanny längere Zeit in Rom. Ihr letzter Roman "Die Familie Darner" schildert das Leben in Königsberg in den Jahren 1807 bis 1810. Dieses Werk wurde 1925 als "geschichtlicher Heimatroman" noch einmal neu verlegt und geriet - die Zeitläufte wollten es so - in das Maschenwerk der Kritik, die bei Fanny Lewald "kalten Rationalismus" und "jüdische Rhetorik" entdeckte.

Auf der Höhe ihres Ruhmes genoß Fanny Lewald durch ihre sozialpolitischen Schriften den Ruf, überzeugte Demokratin und Anwältin eines zukünftigen Frauenideals, nämlich der eigenverantwortlichen Frau, zu sein. Sie selbst äußerte dazu: "Manchem Mädchen, das jetzt unangefochten seinen Weg gehen kann, habe ich ihn mit nicht immer angenehmen Erfahrungen und manchem mich ermüdenden Axtschlag bahnen geholfen."

Einschlägiger Lexika ist zu entnehmen, daß Fanny Lewald am 5. August 1889 in Dresden starb. Weitere Quellen halten als Beerdigungsort Wiesbaden fest, wo sie häufig mit ihrem Mann zur Kur weilte. Beide sind auf dem "Alten Friedhof", einstigem Prominentenfriedhof an der Platter Straße, beigesetzt. Noch heute erhebt sich der schwarze, hohe Grabstein an der Mauer. Ringsum Schweigen.

In Nachrufen zu Fanny Lewalds Tod findet sich Julius Rodenbergs in der Deutschen Rundschau veröffentlichte, erstaunliche Feststellung, sie sei ein "hingebendes Weib und aufopfernde Gefährtin ihres Mannes gewesen"; Ludwig Geiger verstieg sich in "Gefühltes und Gedachtes" zu der Behauptung: "Sie fügte sich dem Mann, und erkannte durch Dienen seine Superiorität an." Fanny Lewald konnte sich nicht mehr äußern.

Fanny Lewald: Die Schriftstellerin engagierte sich auch für die Rechte der Frauen. Foto: Archiv


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