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31.07.04 / Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts / Vor 90 Jahren begann mit dem Ersten Weltkrieg das Ende der globalen Vorherrschaft Europas

© Preußische Allgemeine Zeitung / 31. Juli 2004


Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts
Vor 90 Jahren begann mit dem Ersten Weltkrieg das Ende der globalen Vorherrschaft Europas
von Jan Heitmann

Frühsommer 1914. Nichts deutete auf den bevorstehenden Weltbrand hin. Auf dem Balkan gärte es, aber das beunruhigte niemanden ernstlich, galt die Region doch schon seit langem als Herd lokal begrenzter Krisen. Die europäischen Staaten befanden sich in einer Phase der Hochrüstung, doch das von Bismarck geschaffene Bündnissystem hatte bisher den Frieden in Mitteleuropa garantiert. Auf der Kieler Woche maßen sich die Völker, die sich wenige Wochen später als Todfeinde in einem erbitterten Ringen gegenüberstehen sollten, unter den Augen der Monarchen im sportlichen Wettbewerb. Besondere Aufmerksamkeit erreg-te der Freundschaftsbesuch eines Geschwaders der Royal Navy, mit der sich die Kaiserliche Marine in einem stetigen Rüstungswettlauf befand.

Doch am 28. Juni erschütterten die Schüsse Europa, mit denen der serbische Nationalist Gavrilo Princip den österreichischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Frau tötete. Der Weg Europas in den Abgrund begann.

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges standen die Mittelmächte Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien mit ihren Verbündeten Rumänien und dem Osmanischen Reich den Ententemächten Frankreich und Großbritannien mit ihren Verbündeten Rußland, Serbien und Montenegro gegenüber. Die Bluttat von Sarajevo und die Annahme, daß durch dieses Ereignis der Bündnisfall eingetreten sei, führte in den Hauptstädten Europas zu den Vorgängen, die der Historiker Walther Hubatsch treffend als "die Automatik der Mobilmachungen" bezeichnet.

In Wien drängte das Militär auf einen schnellen Vergeltungsschlag. Der aber würde das mit Serbien verbündete Rußland herausfordern. Deshalb suchte Österreich-Ungarn die Unterstützung Deutschlands. Nach längeren Beratungen erklärten Kaiser Wilhelm II. und Reichskanzler Theobald v. Bethmann-Hollweg am 6. Juli die unbedingte Bündnistreue zur Donaumonarchie, obwohl sie hofften, daß sich der Balkankrieg noch lokal lösen ließe. Österreich-Ungarn indes hielt eine militärische Intervention in Serbien für unvermeidlich, wollte es seine Interessen auf dem Balkan durchsetzen. Mit seinem Bündnisversprechen hatte die Reichsleitung dem Nachbarn eine Blankozusage gemacht, wohl wissend, daß sie damit das Risiko der Eskalation zu einem europäischen Konflikt eingegangen war. Andererseits konnte ein schneller Schlag gegen Serbien die Krise auch schnell beenden.

Am 23. Juli forderte Österreich-Ungarn das Königreich Serbien ultimativ auf, die Attentäter und ihre Helfer streng zu bestrafen und alle antiösterreichischen Aktivitäten zu unterbinden. Daraufhin ordnete Serbien zwei Tage später die Mobilmachung an, erkannte die Forderungen aus dem Ultimatum aber dennoch weitgehend an. Wien antwortete mit einer Teilmobilmachung und am 28. Juli mit der Kriegserklärung, der sogleich die Beschießung Belgrads folgte.

Rußland reagierte auf diese Entwicklung, indem es seine Truppen an den Grenzen aufmarschieren ließ. Die Forderung des Deutschen Kaisers nach der Demobilisierung blieb vom Zaren unbeantwortet. Daraufhin erklärte auch Österreich-Ungarn am 31. Juli die Gesamtmobilmachung. Am Nachmittag richtete Wilhelm II. ein letztes Ultimatum an seinen russischen Vetter und forderte Frankreich auf, für den Fall eines Krieges zwischen Deutschland und Rußland eine Neutralitätserklärung abzugeben. Als auch diese Noten unbeantwortet blieben und in Frankreich die Mobilmachung angeordnet wurde, erklärte das Deutsche Reich am 1. August Rußland den Krieg. Die Kriegserklärung an Frankreich folgte am 3. August, woraufhin am nächsten Tag deutsche Truppen durch Belgien nach Frankreich marschierten. Diese Neutralitätsverletzung rief nun Großbritannien auf den Plan, dessen scharfe Protestnote einer Kriegserklärung an Deutschland gleichkam. Zwei Tage später schließlich erklärte auch Österreich-Ungarn den Ententemächten und Rußland den Krieg. So eskalierte die Konfrontation der hochgerüsteten Mächte zum Weltkrieg, an dem schließlich 38 Staaten beteiligt waren.

Sowohl die strategische Planung als auch die taktische Kampfführung aller beteiligten Heere gründeten sich auf der Überzeugung, daß die Offensive die der Defensive überlegene Gefechtsart sei und daß die in den ersten Schlachten errungene Entscheidung auch die Entscheidung über den Ausgang des Krieges und die Entscheidung über die zukünftige globale Machtverteilung herbeiführen würde. In dieser Einschätzung folgten die Militärs Clausewitz, der festgestellt hatte, daß ein strategischer Angriff große Risiken berge, nicht selten aber einen Krieg mit einem Schlag entschieden habe. Beide Seiten wollten daher versuchen, die Kriegsentscheidung in einer Angriffsschlacht zu erzwingen.

Bei Kriegsbeginn wurde in Deutschland und den anderen kriegführenden Ländern allgemein mit einem kurzen Krieg gerechnet. "Daheim, wenn das Laub fällt" in Deutschland und "over by Christmas" in Großbritannien waren die Versprechen, die Militärs und Politiker bar jeden Empfindens für die Realität gegeben hatten. Dies waren aber nicht nur an die Soldaten gerichtete und die Moral hebende Propagandafloskeln, sondern entsprechend waren auch die Planungen für die militärische und wirtschaftliche Kriegführung ausgelegt. Die führenden Militärs beider Seiten gaben sich der Hoffnung hin, in wenigen schnell geführten existentiellen Schlachten die Entscheidung erzwingen und den Gegner niederringen zu können. Diese Annahme sollte sich als fatale Fehleinschätzung erweisen.

Französische Soldaten marschieren aus Paris zur Front ab: Wie in den Hauptstädten der anderen kriegführenden Großmächte war auch hier der Jubel in der Bevölkerung groß. Foto: Archiv


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