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07.08.04 / Der große Strom

© Preußische Allgemeine Zeitung / 7. August 2004


Der große Strom
von Hermann Sudermann

Da lag er nun also, der große Strom. Und man sah es ihm gleich an, daß er diesem Lande Schicksal bedeutete. Nicht, weil er so breit war, nicht der Wassermassen wegen, die er wälzte. Die geruhsame Selbstverständlichkeit war es, mit der er, das Flachland spaltend, von dem Doppelsaum der Weidenbüsche flach umgrenzt, kaum atmend seines Weges zog. So ganz in Stille, so ganz in sich geschlossen, so ganz voll Heiterkeit und Selbstvergnügen, daß er Teile seiner Kraft und seines allvermögenden Rechtes auch auf die überspringen ließ, die in seinem Anschauen lebten.

Wie ein todesreif gewordenes Menschenwesen war er, das den Daseinskampf längst ausgekämpft hat und nun im Banne von Erfahrung und Verzichten voll friedsamen Gleichmuts der großen Auflösung entgegenlächelt.

Von Wirbeln und Gefälle, von Sog und Drift und Gegenströmung war nicht mehr in seiner Seele. Ohne Zwang und ohne Tücke ließ er auf seinem Rücken spielen jeden, der da wollte. Ein Kind konnte ihn regieren, und wer in seinem Boot keine Ruder mitnahm, sondern, auf dem Hinter-ende hockend, richtig mit den Füßen plätscherte, den führte er, wie ein Ackerpferd den Wagen, folgsam zu dem jenseitigen Ufer.

Ja, so gutmütig war der große Strom dort, wo er stiller wurde und wo er uneingeengt durch Uferhöhen die Überfülle seiner Fluten in ungezählten Nebenströmen der blauen Wasserweite des Haffs entgegentrug. An allen Ecken und Enden zweigte sich ein Nebenarm ins Wiesenland hinein. Was er vom eigenen Wasser abteilte und was ihm von fremdem zufloß, ließ sich kaum unterscheiden. Nur wenn man scharf auf die Strömung achtete, Treibholz ins Auge faßte oder das Drehen angebundener Kähne, konnte man erkennen, ob er gab oder nahm, was ein Nebenfluß war, der von weither kam, um sich mit ihm zu vereinen, oder ein Mündungsarm, der einen noch kürzeren Weg zum nahen Ende aufgefunden hatte. Und so durchtränkt war der Boden weit und breit von seinem Sein und seinem Leben, daß an irgendeiner Stelle mitten im Wiesengelände plötzlich ein Fluß da war, ohne bemerkbare Quelle, aus einem Teich, einem Graben, einer Furche unversehens entstanden, der nun auf eigene Faust sich zum Haff durchschlug.

Inmitten dieses sonnigen Wasserlandes, inmitten der weiten Einsamkeit, die gleichwohl voll ist vom Segen unbemerkter Arbeit, stand auf dem rechten Stromdamm der Mann, der heimgekehrt war, und schaute mit jener Mischung von Rührung und Überlegenheit, mit der Erwachsene ihre Kinderkleider zu betrachten pflegen, auf die altvertrauten Stätten nieder, die zahllose Freuden und Gefahren, tollkühne Segelfahrten, todesmutige Schlittschuhläufe, vor allem aber jene hochsommerlich seligen Schwimmfeste mitangesehen hatten, die, am heißen Nachmittag begonnen, in der kühlen Mondnacht noch nicht zum Schluß gekommen waren.

Die Luft saß voll von Lerchenjubel. Ein Chor von Tönen, die, ob auch nur vom Horchenden gehört, alles irdische Leben beherrschten, erstreckte sich bis hoch in den Himmel und schlug so eine Brücke zwischen dem Ätherreich dort oben und dem armen Erdendasein im Staub und Nebel der Niederungen.

Die grauen Weiden, die den Damm einfriedeten, sahen aus wie vollgesogen von beidem und hatten doch beides wieder verklärt, so daß es zu Licht und Silber wurde.

Aschfarbene Salbei umwucherte ihre Wurzeln, und dreiste Winden kletterten spiralig an ihnen empor. Gehegt von ihrem Dickicht saßen Vogelnester überall, und wo der Fuß auch hintrat, überall schrie eine geängstigte Vogelmutter ihr Leid in die Welt hinaus.

Ein Fischerboot segelte, vom frühsommerlichen Nordwest getrieben, in strammer Fahrt stromauf.


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