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14.08.04 / Olympischer Geist

© Preußische Allgemeine Zeitung / 14. August 2004


Hans-Jürgen Mahlitz:
Olympischer Geist

Dabeisein ist alles - so knapp wird üblicherweise beschrieben, was unter olympischem Geist zu verstehen sei. Aber das ist zu kurz gesprungen, falls damit der olympische Geist des 21. Jahrhunderts gemeint sein sollte. Nur um dabei zu sein, wäre es wohl reichlich übertrieben, daß man weltweit Milliarden verpulvert, um Sportler zu medaillenverdächtigen Höchstleistungen zu bringen, daß in die Entwicklung illegaler Mittel zur Leistungssteigerung mehr Geld und Grips investiert wird als in die Bekämpfung des Hungers in der Dritten Welt, daß die Medien keinen Aufwand scheuen, um alle Welt rund um die Uhr auf dem laufenden zu halten. Auch ist fraglich, ob in den nächsten zwei Wochen Hunderte Millionen Menschen sich stundenlang vor die Mattscheibe hocken - nur um zu sehen, wer alles dabei ist in Athen.

Olympia heute, das ist vor allem ein gigantisches, leider oft auch schmutziges Geschäft. Ferner ein Ablenkungsmanöver, wie im alten Rom (Brot und Spiele): Bis Ende August werden die Sorgen und Kümmernisse dieser Welt aus den Schlagzeilen verdrängt, statt Politikern, Funktionären oder Terroristen werden Läufer und Springer, Werfer und Schwimmer in den Medien den Ton angeben. Dann aber, wenn der letzte Marathonläufer - diesmal auf klassischem Terrain - das Ziel erreicht hat, wird uns schnell wieder der triste Alltag einholen. Das war übrigens in der Antike nicht anders, mit einem Unterschied: Die alten Griechen, die nicht gerade zu den besonders friedlichen Zeitgenossen zählten, ließen die Waffen ruhen, unterbrachen ihre Kriege, wenn alle vier Jahre die Jugend zum sportlichen Wettstreit im Heiligtum von Olympia antrat; heute lassen wir lieber olympische Spiele ausfallen, weil die Menschheit gerade mit einem Krieg beschäftigt ist.

Von kritischen Geistern hört man in diesen Tagen oft, der olympische Geist sei überhaupt nur noch zu retten, wenn man sich der hehren Ideale eines Pierre de Coubertin besinne. Freilich scheinen diese "kritischen Geister" sich dem Gründer der neuzeitlichen Spiele allzu unkritisch angenähert zu haben.

Der 1863 geborene Baron war in jungen Jahren ein glühender französischer Patriot, durchaus auch mit Denkstrukturen, die man heute nationalistisch nennen würde. 1880, als Abiturient, schrieb er: "Die Franzosen stehen ... noch immer unter dem Eindruck der Ereignisse des Jahres 1871." Der verlorene Krieg gegen die Deutschen, die als Schmach empfundene Reichsgründung im Spiegelsaal von Versailles - dies endlich zu überwinden und Frankreich wieder erstarken zu lassen, das war Coubertins gedanklicher Ansatz. Als probates Mittel zur nationalen Erstarkung sah er schon damals den Sport. Er studierte Pädagogik und gründete 1888 ein "Komitee zur Verbreitung der Leibesübungen in der Erziehung". Erst später erkannte er, daß er nur Erfolg haben konnte, wenn er über den Tellerrand nationaler Grenzen hinausblickte; so kam es im Juni 1894 zur Gründung des Internationalen Olympischen Komitees. Auch dies ging mit nationalistischen Engstirnigkeiten einher. Coubertin sah zwar im elitären englischen Erziehungswesen sein großes Vorbild, verachtete aber alles, was er für "preußisch" hielt. Daß die von ihm als "olympisch" postulierten Werte wie Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Fleiß, Bescheidenheit, Respekt vor dem Nächsten, Disziplin sich auch im Katalog preußischer Tugenden finden, war ihm nie bewußt.

Zu Recht wird heute kritisiert, Olympia sei zu gigantisch, zu teuer, zu kommerziell. Liest man die internationale Sportpresse, muß man hinzufügen: zu martialisch, zu nationalistisch, zu unmenschlich. Vielleicht liegt aber die Rettung dieser trotz allem guten Idee gerade in der Erkenntnis, daß olympischer Geist und preußische Tugenden recht gut zueinander passen.

 

Schneller, höher, weiter: Zwei Wochen lang beherrschen nun Sportler, Siege und Rekorde die Schlagzeilen und Fernsehprogramme. Doch leider müssen die Spiele der XXVIII. Olympiade - im Schatten des Parthenon auf der Athener Akropolis - unter extreme Sicherheitsmaßnahmen gestellt werden, um zu verhindern, daß wieder, wie vor 32 Jahren in München, Terroristen das Bild vom friedlichen Wettstreit der Jugend der Welt zerstören. Foto: pa


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