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14.08.04 / "Mythos Tannenberg - Der Krieg im Osten" / Die ARD widmete sich im ersten Teil ihrer Serie "Der Erste Weltkrieg" dem Gespann Hindenburg-Ludendorff

© Preußische Allgemeine Zeitung / 14. August 2004


"Mythos Tannenberg - Der Krieg im Osten"
Die ARD widmete sich im ersten Teil ihrer Serie "Der Erste Weltkrieg" dem Gespann Hindenburg-Ludendorff

Ostpreußen wissen es noch am ehesten: Vor 90 Jahren, wenige Tage nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, bestand die Gefahr, daß die östlichste Provinz des Reiches von russischen Truppen überrannt wurde. Viel schneller, als es der deutsche Generalstab erwartet hatte, konnte Rußland seine Truppen mobilisieren, und viel früher stießen zwei russische Armeen nach Ostpreußen vor: Im Norden die Njemen-Armee unter General von Rennenkampf, die auf Königsberg zielte, im Süden die Narew-Armee unter General Samsonow. 485.000 russische Soldaten standen mit 1.620 Geschützen der nur 175.000 Mann starken 8. deutschen Armee gegenüber, die über 794 Geschütze verfügte.

Es ist erfreulich, daß sich das deutsche Fernsehen des 90. Jahrestages des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges bedient, um jene historischen Ereignisse ins allgemeine Bewußtsein zurückzuführen. Jene, die ihre geschichtlichen Kenntnisse allein dem von politischer Korrektheit deformierten Unterricht allgemeinbildender Schulen verdanken, wissen kaum etwas vom Ersten Weltkrieg. Da ist eine Sendung wie "Der Erste Weltkrieg - Mythos Tannenberg", die die ARD ausstrahlte, zu begrüßen. Hier hatte Guido Knopp seine Hand erfreulicherweise nicht im Spiel, so daß der erhobene politisch korrekte Zeigefinger zurückhaltender gebracht wurde.

Sachlich korrekt schildert die Fernsehdokumentation, wie die ostpreußische Bevölkerung vor den Russen floh. Mit seriösen Quellen nicht zu belegen hingegen ist die Behauptung, Greueltaten seien von den russischen Truppen kaum begangen worden; hingegen hätten deutsche Soldaten die ostpreußischen Dörfer in Brand gesteckt (100.000 ostpreußische Familien hatten Hab und Gut verloren, 36.000 Gebäude wurden zerstört, über 10.000 deutsche Zivilisten wurden von den Russen verschleppt, 1.600 ermordete Zivilisten säumten den Weg der russischen Armee). Aber ohne derartige Bemerkungen glaubt wohl ein heutiger Fernsehredakteur nicht auskommen zu können.

Es entspricht auch nicht den Tatsachen, wenn bei der kurzen Erklärung, wie es zum Ausbruch des Weltkrieges kam, die Fernsehleute behaupten, das Deutsche Reich habe angestrebt, eine gleich große Flotte wie Großbritannien aufzubauen, was England als Bedrohung habe empfinden müssen. Hätte man Zahlen genannt, wäre diese Falschbehauptung in sich zusammengefallen: Während im Jahr 1900 in England 138 Großkampfschiffe vorhanden oder in Bau waren, verfolgte Deutschland das Ziel, eine Flotte von 58 Großkampfschiffen als Abschreckungsinstrument zu schaffen.

Faktengetreu schildert der Film, wie der Kommandeur der 8. deutschen Armee vor der russischen Übermacht über die Weichsel zurückzuweichen und dabei Ostpreußen und einen Teil Westpreußens aufzugeben plante. Gerettet wurde die Lage durch die Ablösung des Kommandeurs durch Hindenburg und Generalstabschef Ludendorff.

Seit drei Jahren befand sich der General der Infanterie Paul von Beneckendorff und von Hindenburg, nunmehr 67 Jahre alt, im Ruhestand. Zu seiner Überraschung wurde er an die Spitze der in Bedrängnis geratenen 8. Armee gerufen. Hindenburg war keineswegs durch Zufall ausgesucht worden. Er, der als junger Leutnant den preußisch-österreichischen Krieg 1866 und den deutsch-französischen Krieg 1870/71 miterlebt hatte, verfügte nicht über nennenswerte Kriegserfahrungen, sondern hatte sich im Frieden sowohl als Truppenführer als auch als Generalstäbler hervorgetan. So beurteilte ihn Alfred Graf von Schlieffen: "Hindenburg eignet sich schon jetzt zum Chef des Generalstabes." Hindenburg und Ludendorff ergänzten sich ideal: Hinden-

burg als der Oberbefehlshaber erkannte als "strategisches Genie", wie Zeitgenossen urteilten, die überaus gewagten, aber allein erfolgversprechenden Planungen seines Chefs Ludendorff und bestand mit eisernen Nerven jedes Risiko.

Nach dem Plan sollten nahezu alle in Ostpreußen stehenden Truppen in Gewaltmärschen die russische Südarmee einkesseln und vernichten. Man hoffte, daß die russische Nordarmee den Abzug der gegnerischen Truppen von ihrer Front nicht rechtzeitig erkennt und stillhält. So wollte die deutsche Seite eine russische Armee nach der anderen schlagen. Bei der Abwicklung des Planes gab es manche Situation, die das Wagnis als allzu groß erscheinen ließ, doch Hindenburg stand die Risiken durch. Die viel schwächeren deutschen Truppen schlugen die eingekesselte russische Südarmee. 50.000 russische Soldaten waren gefallen oder verwundet, 92.000 gingen in Gefangenschaft. Hindenburg gab den Ereignissen den Namen "Schlacht bei Tannenberg".

Sogleich wandten sich die deutschen Truppen nach Norden, wo tatsächlich die russische Nordarmee in Unkenntnis der Geschehnisse im Süden stillgehalten hatte. In einer zweiten großen Schlacht innerhalb weniger Tage konnte die Armee zwar nicht vernichtet werden, doch wurden die Russen aus Ostpreußen verdrängt. Ihre Verluste waren wiederum enorm. Ostpreußen war gerettet. Hindenburg galt als der Retter Ostpreußens. Die Schlacht bei Tannenberg galt als die größte Umfassungsschlacht der Weltgeschichte nach dem Muster der Schlacht bei Cannae, als mehr als 2.000 Jahre vorher der karthargische Feldherr Hannibal mit unterlegenen Streitkräften 80.000 Römer in einer Umfassungsschlacht besiegt hatte.

Solche militärischen Betrachtungen sucht man allerdings in der Fernsehdokumentation vergebens; heutige Journalisten halten nichts und wissen auch nichts von Militärgeschichte.

Es ist verfehlt, wenn im Film behauptet wird, die deutsche Propaganda habe Tannenberg zum "Mythos" hochstilisiert. Es gab in den ersten Jahren des Weltkrieges nicht einmal im Ansatz eine deutsche psychologische Kriegsführrung. Sie wurde erst gegen Kriegsende aufgebaut, nachdem Großbritannien gezeigt hatte, wie wirkungsvoll eine geleitete Kriegsführung um die Seelen war.

Es wäre begrüßenswert, wenn im Geschichtsbewußtsein möglichst vieler Deutscher der Erste Weltkrieg nicht zuletzt auch aufgrund der jetzigen Erinnerungsveranstaltungen die Bedeutung findet, die ihm zukommt. Er war, und darin sind sich immer mehr seriöse Historiker einig, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Und mit dem Ausbruch des Krieges im August 1914 begann, um mit Winston Churchill zu sprechen, der "zweite 30jährige Krieg gegen Deutschland", der erst im Mai 1945 sein Ende fand. Hans-J. v. Leesen


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