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14.08.04 / Eva-Charlotte will auswandern

© Preußische Allgemeine Zeitung / 14. August 2004


Eva-Charlotte will auswandern
von Eva Reimann

Eva-Charlotte saß am Tisch, hatte alle Buntstifte vor sich ausgebreitet und malte. Sie war in ihre Beschäftigung so vertieft, daß die kleine Zunge von einem Mundwinkel in den anderen wanderte. Eva-Charlotte malte ein Boot, ein Boot, in dem vier Gestalten saßen, zwei große und zwei kleine. Vor ihr lag eine Fotokarte, die der Briefträger gebracht hatte. Sie zeigte ebenfalls ein Boot, doch in dem saßen nur drei Menschen. Man konnte sie genau erkennen. Vorne saß Ille, ihre Schwester, die schon eine ganze Weile weg war. Die fehlte ihr so beim Spielen. Hinter Ille, auf der Bank im Boot, saßen Opapa und Tante Lotte. Tante Lotte war ihre Patentante. Nach der hieß sie auch Charlotte. Eva konnte nicht verstehen, warum Opa und Tante Lotte nicht auch sie in die Sommerfrische mitgenommen hatten nach Sarkau an die Ostsee. Aus Sarkau kamen die geräucherten Flundern, welche die braungebrannte Fischersfrau in ihrem Weidenkorb am nahen Tor zum Burgkirchenplatz anbot. Wenn sie mitgenommen worden wäre, dann wäre auch sie, Eva-Charlotte, auf dem Foto im Boot zu sehen. Sie konnte und konnte nicht verstehen, daß sie auf einmal so alleine sein sollte. Mutti hatte versucht, sie zu trösten.

"Ille war so krank. Du weißt es doch. Nun soll sie sich erholen. Darum hat der Opa sie nach Sarkau mitgenommen. Aber warte man ab, wir machen am Sonntag einen schönen großen Ausflug nach Arnau mit dem Dampfer. Da waren wir doch schon einmal und haben ganz nah am Wasser, am Pregelufer Kaffee getrunken."

"Kriege ich diesmal ein Malzbier für mich alleine?" hatte Eva-Charlotte sich vergewissernd gefragt.

Die Mutter hatte gelacht und war wieder nach unten ins Geschäft gegangen. Jetzt, da Evchen alleine war, kamen Mutter und Vater abwechselnd nach ihr sehen. Evchen hob das Bild hoch und betrachtete es, ihr Bild, auf dem auch sie mit im Boot saß. Schnell schrieb sie unten in die Ecke ihren Namen. Das konnte sie schon, seit Ostern war sie in der Schule. Ille hatte gesagt, das machen alle Maler so.

Nun wollte sie mal sehen, ob sie auf der stillen Straße nicht doch Kinder zum Spielen antreffen würde. Der Teddy sollte mit. Schließlich wußte sie ja, was es heißt, so alleine zu sein. Sie schlug die Decke im Puppenbett zurück und nahm den Teddy auf. Was war das? Es durchfuhr sie ein freudiger Schreck. Da war ein brauner Fleck im Laken. Der Teddy hatte ins Bett gemacht. Sie hatte ja immer schon gewußt, daß der Teddy und die Puppen ganz geheim doch lebendig waren. Immer dann, wenn die Erwachsenen es nicht sahen. Nun hatte sie den Beweis. Wie gut, daß Evchen von dem Ärger der Hausfrau über Rostflecken in der Wäsche nicht wußte. Den Teddy im Arm ging sie nach draußen und schaute nach allen Seiten die Straße entlang. Kein Kind war zu sehen.

Da entdeckte sie etwas, hinten beim Wichert-Haus, wo die drei großen Kastanien standen. Die alten Bäume hatten aus irgendeinem Grund - war es zu warm gewesen, war es zu kalt gewesen - eine Menge kleiner grüner Kastanien, wie Murmeln so groß, abgeworfen. Mit denen konnte man auf den Steinplatten des Fußweges malen. Etwas angedrückt, gab der Saft der kleinen Kastanien einen braunen Strich. Evchen malte zuerst auf die Steine des Weges lauter Boote. Aber dann hatte sie einen Einfall. Im Hausflur waren unlängst die Maler gewesen. Hatte Papa nicht neulich gesagt, daß er sich gar nicht an die helle kalkige Wand gewöhnen würde? Oh, sie wußte nun, wie sie ihn erfreuen könne. Ein paar kleine grüne Kastanien in der Schürzentasche lief sie in den Hausflur zurück. Den Teddy setzte sie auf die erste Treppenstufe. Da durfte er zugucken. Gleich das erste Boot geriet ihr ganz gut. Auf der hellen Wand hob sich der braune Strich kontrastreich ab. Gut, daß sie vorhin auf dem Papier sich mit der Form des Bootes so abgemüht hatte. Neben das große Boot setzte sie ein kleines und wieder ein großes Boot, kleines Boot, großes Boot. Alle nach einem Schema gemalt. Schrägstrich, gerader Strich für den Boden, Schrägstrich, gerader Strich für die Bootskante. Bald konnte sie das ganz schnell. Schon zogen viele Boote über die helle Flurwand.

Plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, stand der Vater vor ihr. Eva-Charlotte strahlte ihn an. "Hab ich gemalt." Doch das liebe Gesicht ihres Papas, der seinem Evchen so besonders zugeneigt war, veränderte sich unter ihrem Blick. Sie sah es mit Erstaunen und Erschrecken. Zuerst verschwanden die freundlichen Falten um die Augen herum, der Mund lächelte nicht mehr. An der Schläfe trat die blaue Ader hervor. Das bedeutete Sturm, ein Donnerwetter, wußte sie schon. Doch sagte er nur: "Komm rein", und schob sie mit ungewohnt festem Griff in die Wohnung. Eva-Charlotte ergriff schnell den Teddy. "Ich wollte doch nur ...", versuchte sie eine Erklärung zu geben. Aber der Vater unterbrach sie: "Mußt du immer Unfug machen, wenn du alleine bist? Ich denke noch an die Hühner, die du beim Kaufmann Kallweit aus dem kleinen Stall gelassen hast, und die Mutter und Frieda erst wieder einfangen mußten. Nun muß ich den Maler bestellen und bezahlen. Eine unnötige Rechnung."

Eva-Charlotte hatte den Kopf gesenkt und sich innerlich immer mehr zurückgezogen. Der Vater sah es und wurde etwas weicher gestimmt. Auch konnte er seinem kleinen Marjellchen nicht lange böse sein. Er trat einen Schritt auf sie zu: "Nun spiele schön in deinem Zimmer", sagte er. "Nachher kommt Mutti zu dir." Dann ging er wieder ins Geschäft.

Evchen nahm den Teddy auf den Schoß und wollte zuerst weinen. Ganz doll, so mit huh hu hu. Aber das hörte ja keiner. Doch großer Kummer stieg in ihr hoch. Sie hatte dem Papa eine Freude machen wollen, und er sprach von Unfug. Ja, Unfug hatte er auf ihr schönes Wandbild gesagt.

Da kam ihr ein Gedanke und wurde zum festen Entschluß. Sie wollte auswandern. Sollte der Papa sich doch um sie grämen. Nicht gerade nach Amerika, da war ja das große Wasser dazwischen. Aber Metgethen war auch ganz schön weit. Da konnte der Papa sie suchen, Angst um sie haben, ja, vielleicht sogar weinen. "Wo ist mein liebes Evchen", würde er immer rufen. Ach, da sollte er merken, was er angerichtet hatte.

Auswandern kostet auch Geld, wußte Eva-Charlotte. Sie holte aus der Schublade ihre Geldbörse hervor und zählte die ersparten Geldstücke. Da waren drei Markstücke von Oma, fünfzig Pfennig von Tante Lena und zwei Groschen von Onkel Ernst. Oh, das würde eine ganze Weile reichen.

Plötzlich mußte sie an den Teddy denken. Den mußte sie ja da lassen. Eine dicke Träne kullerte über ihre Kinderbacke. Und essen mußte Teddy ja auch. Er lebte doch. In der Küche fand sie eine kleine Tüte. Ihr vom Frühstück übriggebliebenes Brötchen tat sie hinein und steckte die Tüte zum Teddy ins Bett. Dann überlegte sie. Wenn sie die Nacht noch hierbliebe und am Morgen so tat, als ginge sie zur Schule, dann hätte sie einen Vorsprung und dazu das Frühstücksbrot. Auch sparte sie etwas und hatte mehr Geld für Metgethen. Eva-Charlotte holte die Schultasche hervor, die sie mitnehmen wollte und kramte darin. Es wurde ihr immer schwerer ums Herz. Ach, auf Wiedersehen Teddy, auf Wiedersehen Puppe Christa. Schon kullerten dicke Tränen über Evchens Gesicht, und sie schluchzte laut auf.

Schritte waren zu hören. Der Papa stand in der Tür, und da war seine warme vertraute Stimme: "Na, hat mein kleines Evachen schön gespielt?" Befreit und glücklich stürzte sie in die ausgebreiteten Arme.

Thea Weber: An der Memel (Aquarell)


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