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14.08.04 / Emotionaler Feldzug / Zeitzeugin erklärt, warum es für sie keine "Kollektivschuld" gibt

© Preußische Allgemeine Zeitung / 14. August 2004


Emotionaler Feldzug
Zeitzeugin erklärt, warum es für sie keine "Kollektivschuld" gibt

Der Impuls, zur Feder zu greifen, sich zu Wort zu melden, ist oft die Empörung über Zustände oder Verhaltensweisen, die einem absolut inakzeptabel erscheinen." Diese Erfahrung mußte jedenfalls Lotte Lohde machen. Lange Zeit hat sie darauf gewartet, daß jemand literarisch und historisch Bewanderteres sich des ihr so wichtigen Themas annähme, doch irgendwie geschah es nicht. In "Wir Mitläufer - Erinnerungen, Überlegungen, Vermutungen" erklärt die inzwischen 88jährige, was sie an der Beurteilung über die Zeit im Dritten Reich stört und sogar empört. Sie spricht vielen Menschen der Erlebnisgeneration aus der Seele, wenn sie beschreibt, warum Menschen wie ihr kritischer Vater Hitler wählten, auch wenn sie selbst nie Parteimitglieder waren.

Lotte Lohde erläutert aus ihrem direkten Erleben heraus, wieso die Menschen Hitler folgten. Als ihr Vater 1921 bei Schering in Eberswalde eine Stelle als Chemiker annahm, herrschte eine große Arbeitslosigkeit. Die kleine Lotte mußte auf dem Weg zur Schule immer an den Arbeitervierteln vorbei, und heute erinnert sich noch die Seniorin mit Graus an die Not der Menschen dort und die Verzweifelung ihres Vaters, wenn er wieder jemanden entlassen mußte, der zudem meist viele Kinder hatte. Mit Hitler wurde dann endlich vieles besser, die Menschen hatten wieder Arbeit und ihr Selbstbewußtsein stieg, da Hitler auch gegen den verhaßten Versailler Vertrag vorging.

Diesem "Friedensvertrag" widmet die Autorin zahlreiche Kapitel. Noch heute macht sie emotional nachempfindbar, welche Schande dieser Vertrag für die Deutschen bedeutete. Doch wie die Autorin im Vorwort selber sagt, ist sie keine Historikerin, und daher geht sie nicht strukturiert vor. Sie klagt mal hier, mal dort, ihre Quellen sind nicht immer die besten.

Auch in der Chronologie ihrer eigenen Biographie greift sie immer nur einige, ihr am Herzen liegende Aspekte heraus, so daß der Leser manchmal verwundert zurückbleibt. Manches wird später zwar erklärt, doch bis dahin wird der Uninformierte allein gelassen.

Eine kraftvolles Plädoyer dafür, die nahe deutsche Geschichte auch mal aus Sicht der Zeitzeugen zu sehen. Wer das tut, wird von selbst erfassen, daß Begriffe wie "Kollektivschuld" absolut nicht tragbar sind. R. B.

Lotte Lohde: "Wir Mitläufer - Erinnerungen, Überlegungen, Vermutungen", Verlag S. Bublies, Schnellbach 2004, broschiert, 255 Seiten, 14,95 Euro


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