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16.10.04 / Eine gewachsene Freundschaft / 50 Jahre Patenschaft zwischen Kiel und Tilsit-Stadt

© Preußische Allgemeine Zeitung / 16. Oktober 2004


Eine gewachsene Freundschaft
50 Jahre Patenschaft zwischen Kiel und Tilsit-Stadt

Es kann nicht immer Sonnenschein sein", denn ehrliche Worte sagen oft mehr über den Charakter einer Freundschaft. Und doch strahlte ab und an die Sonne durch die hohen Fenster des mit Wappen und Fahnen geschmückten Kieler Ratssaales. Festlich gekleidete Tilsiter hatten sich am 24. September zu einer außergewöhnlichen Feierstunde zusammengefunden. Im Rathaus der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt begingen sie bunt gemischt mit Bürgern und Honoratioren ihrer norddeutschen "Heimstatt" sowie russischen Gästen das 50-jährige Jubiläum der Patenschaft Kiel-Tilsit.

Außergewöhnlich war die Veranstaltung nicht wegen der offenherzig freundschaftlichen Stimmung die zwischen den Ostpreußen, ihrer in Tradition verbundenen "Patentante" Kiel und vor allem in den persönlichen Kontakten zu den geladenen Vertretern des heutigen Tilsit/Sovetsk zum Ausdruck kam. Eine Feier dieser Art, so hob Horst Mertineit von der Stadtgemeinschaft Tilsit nach dem Grußwort des Kieler Stadtpräsidenten hervor, zeuge davon, daß eine Stadt mehr als "Baumaterial" sei. "Lohnt sich das alles?", fragte er mit Blick auf die Entwicklung der Patenschaften zwischen westdeutschen Städten und Gemeinden des deutschen Ostens selbstkritisch. Diese und ähnliche Verbindungen galten gerade nach der Wende 1989 als unbequem, "man prophezeite beim Fall des Kommunismus, die Vertriebenen würden Sand ins Getriebe streuen, "dabei haben wir doch erste Kontakte aufgenommen", Kontakte, auf die der 85jährige in klarer und launig-freundlicher Rede nicht erst verweisen mußte. Sie waren sichtbar an jenem Vormittag, nicht nur in den Gesängen der russischen Vokalgruppe "Cantabile Tilsit", die den deutschen Stadtnamen mit selbstverständlichem Stolz trägt. Russische Bürger des heutigen Tilsit gründeten in Folge wachsenden Heimatinteresses ihre eigene "Stadtgemeinschaft Tilsit in Sovetsk". Nahe dem ehemaligen Tilsiter Waldfriedhof wurde eine Gedenkstätte errichtet, die nun gemeinsam zu einem Soldatenfriedhof umgestaltet wird. Das gute Verhältnis vieler deutscher und russischer Tilsiter zueinander - auch an offizieller Stelle - läßt erst recht die Feststellung zu, daß inzwischen "nicht meine oder deine, sondern eine gemeinsame Heimat" existiert. "Es gibt Tilsiter Käse, einen Tilsiter Frieden, Sovetsk gibt es mindestens fünfmal in Rußland - nennen Sie die Stadt doch wieder Tilsit!", forderte Mertineit und stieß keinesfalls auf Ablehnung der russischen Gäste.

Die bedankten sich vielmehr für die Einladung und das gute Miteinander. Die russische Stadtpräsidentin Elena Sokolova würdigte den organisatorischen Zusammenhalt der vertriebenen Tilsiter als "seelische Heimat nach dem Krieg", dankte für die praktische Hilfe für Krankenhäuser, Schulen, das Internat sowie soziale Einrichtungen, eine "Hilfe, die nicht zu unterschätzen sei". Die Vertriebenen, die sich für Tilsit einsetzen, seien zu Familienangehörigen geworden "deren Namen selbst kleine Schulkinder kennen", so Sokolova.

Für die Landsmannschaft Ostpreußen hatte zuvor Dr. Wolfgang Thüne gratuliert. Eine "goldene Hochzeit ist schon eine Leistung", betonte der stellvertretende Sprecher der LO und stimmte in die Forderung ein, Heimat als universelles Menschenrecht anzuerkennen und auch unliebsame Wahrheiten zu benennen. "Heimat", so Thüne, sei "kein Begriff aus dem Elfenbeinturm, sondern Voraussetzung vieler anderer Rechte und Werte" und schloß mit der Hoffnung, daß die noch bestehenden Grenzen bald ihren bleibenden Charakter verlieren mögen.

"Wir wollen unserer Heimatstadt gedenken, bis wir in einem friedlichen und geeinten Europa wieder zusammenleben können" - diesem Motto der Patenschaft bei ihrer Unterzeichnung am 31. Juli 1954 scheinen die Tilsiter nahe wie nie zuvor. Mißstimmungen wie der "Rauswurf aus der Heimatstube im Freilichtmuseum Wolfsee" wurden im Rathaus angesprochen, doch der Bestand der Patenschaft ist heute fest, betonte auch der Kieler Stadtpräsident Dr. Arne Wulff. "Aus gutem Grund" unterstütze Kiel die Stadtgemeinschaft seinerzeit wie heute, so Wulff. Um künftige Begegnungen festzuhalten, wurde der russischen Stadtpräsidentin anschließend ein besonderes Geschenk überreicht: Ein goldenes Buch für die Stadt Tilsit/Sovetsk und ihre Gäste. Das Gästebuch war vom Landsmann Giertzig gestiftet worden. Für die Stadtgemeinschaft Tilsit gab es auch ein besonderes Präsent: Der Tilsiter Ernst Stadie nahm vom Kieler Stadtpräsidenten ein Foto der Unterzeichnung der Patenschaft 1954 entgegen. Die Stadt Kiel hatte ihr "höchstes Geschenk", wie Wulff scherzhaft erwähnte, bereits bekommen: "den Elch". Zum Abschluß wünschte er allen "ein baldiges Wiedersehen in ihrer, unserer aller Heimatstadt." In diesem Sinne wurde auch das Bundestreffen von über 300 Tilsitern am folgenden Tag zu einem vollen Erfolg. SV

Klartext reden ist seine Natur: Horst Mertineit, Vorsitzender der Stadtgemeinschaft Tilsit Foto: cos


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