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30.10.04 / Verbotene Räume / Künstlerinnen auf "unschicklichem" Terrain

© Preußische Allgemeine Zeitung / 30. Oktober 2004


Verbotene Räume
Künstlerinnen auf "unschicklichem" Terrain

Es gab Zeiten, da mußten Frauen ins Kloster gehen, wenn sie intellektuell oder künstlerisch arbeiten wollten. Dort wurde gelesen, aber auch geschrieben, komponiert und gemalt. Meist illustrierten die Nonnen die Heilige Schrift, aber auch Altarbilder und Fresken entstanden. Der Preis für diese innere Freiheit war hoch - ein Leben in völliger Abgeschiedenheit. Im 17. Jahrhundert galt die Kunst als angesehenes Metier, doch Frauen waren hier immer noch eine Seltenheit. Sie stammten entweder aus dem Malermilieu wie Maria Sibylla Merian oder aus der Oberschicht, denn eine Ausbildung kostete ein stattliches Lehrgeld.

Selbst als Akademien eingerichtet wurden und die Zünfte und Gilden ablösten, fanden Frauen immer noch keine Möglichkeit, sich als Künstlerinnen ausbilden zu lassen. Nur vereinzelt gelang es ihnen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, den Besuch einer Akademie durchzusetzen, meist auch nur durch allerhöchsten Befehl. In der 1845 gegründeten Königsberger Kunstakademie zum Beispiel fanden Frauen erst seit 1890 Aufnahme. Private Zeichen- und Kunstschulen renommierter Künstler boten einen Ausweg. So eröffnete auch Lovis Corinth 1900 in Berlin seine "Malschule für Weiber", die regen Zuspruch fand.

Ein glücklicher Zufall führte 1901 Charlotte Berend (1880-1967) in diese Malschule in der Berliner Klopstockstraße. Drei Jahre später heiratete sie den Meister aus Tapiau und gebar ihm in der Folge zwei Kinder. Ihre Kunst aber übte sie auch nach der Familiengründung weiter aus, obwohl sie ihr Talent hinter dem des Ehemannes zurück-stellen mußte. Durch Corinth kam Charlotte in Kreise, die ihr als Tochter aus gutbürgerlichem Hause sonst verwehrt geblieben wären. Vor allem das Theater interessierte sie und der Blick hinter die Kulissen. Manche Berliner Bühnengrößen der damaligen Zeit lernte sie persönlich kennen, etwa Max Pallenberg und Fritzi Massary, aber auch die Tänzerinnen Valeska Gert und Anita Berber. Mit sicherem Gespür für den Menschen hinter der Maske schuf sie Lithographien, die in Mappen zusammengefaßt wurden. Eine Mappe mit Zeichnungen der erotischen Tänzerin Anita Berber aus den frühen 20er Jahren ist nun in der Ausstellung "Femme flaneur - Erkundungen zwischen Boulevard und Sperrbezirk" im Bonner August Macke Haus, Bornheimer Straße 96, zu sehen (dienstags bis freitags 14.30-18 Uhr, am Wochenende und feiertags 11-17 Uhr; bis 12. Dezember; vom 16. Januar bis 3. April 2005 im Bremer Paula Modersohn-Becker Museum; Katalog 15 Euro).

Die Bonner Ausstellung will anschaulich machen, daß es Künstlerinnen gab, die Barrieren bürgerlicher Konvention und Schicklichkeit überschritten und in Bildreviere vordrangen, die sonst nur ihren männlichen Kollegen vorbehalten waren. Auf den etwa 70 Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sind Szenen aus Kneipen und Cafés, dem Varieté und aus dem Rotlichtmilieu zu sehen. Frühe Arbeiten stammen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wie Kneipen- und Varietészenen von Käthe Kollwitz (1867-1945) oder Straßen- und Caféhausszenen von Marianne Werefkin (1860-1938).

Den Schwerpunkt der Ausstellung aber bilden Arbeiten aus der Weimarer Zeit, in der die Vergnügungswelt fröhliche Urständ feierte.

Jeanne Mammen (1890-1976) etwa und Elsa Haensgen-Dingkuhn (1898-1991) sind mit Darstellungen vertreten, die eine glitzernde Konsumwelt in der modernen großstädtischen Gesellschaft zeigen. Sie alle mußten wie ihre männlichen Kollegen auf der Straße "flanieren", um diese Szenen einzufangen. So erklärt sich denn auch der eigenwillige Titel "Femme flaneur" ... os

Elsa Haensgen-Dingkuhn: Tänzerinnen im Saal (Öl, 1929; Privatbesitz) Foto: Jochen Dingkuhn / August Macke Haus


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