28.01.2022

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11.12.04 / Einmaliges Ereignis

© Preußische Allgemeine Zeitung / 11. Dezember 2004


Einmaliges Ereignis
von Kurt Baltinowitz

Schon seit Tagen suchten Christel, die Bundesvorsitzende der Berufsweihnachtsmänninen und -männer, und ihre Sekretärin fieberhaft nach einer geeigneten Räumlichkeit für die bald anstehende Jahreshauptversammlung, denn diesmal würde die Teilnehmerzahl alles bislang Dagewesene in den Schatten stellen.

Endlich wurde ihre Mühe belohnt: Der Bürgermeister und Gastwirt des kleinen Dorfes Nikolaushagen stellte seine riesige Reit- und Turnierhalle zur Verfügung, ein lukratives Geschäft witternd. Er würde auch für die Bestuhlung Sorge tragen und die über 2.000 Personen beköstigen.

Christel war sichtlich erleichtert: "Das hätten wir erst einmal geschafft. Bleibt nur noch die Frage der Finanzierung. Wie sieht es in der Kasse aus? Neue Eingänge?"

"Keine Panik, Christel, wir kommen schon zurecht. Einige Spenden werden uns sicher noch zufließen."

Christel lächelte schwach und meinte: "Schön wär's, doch wir dürfen uns nicht zu viel versprechen, denn die meisten Delegierten kommen aus relativ armen EU-Ländern. Sie werden von uns Hilfe erwarten."

"Damit müssen wir rechnen", entgegnete die Sekretärin. "Doch das hättest du gleich in Betracht ziehen müssen, bevor die Einladungen rausgeschickt wurden. Aus 25 EU-Mitgliedsstaaten rollen die Leute an. Alle wollen bewirtet werden. Mir wird schon ganz ..."

"Nur aus 23 kommen Delegierte zu uns", sagte Christel nachdenklich. "Die Polen und Tschechen haben kurzfristig abgesagt. Ohne Begründung! Natürlich bin ich mir dessen bewußt, was auf uns zukommen wird und wir müssen auch mit kleinen Pannen rechnen, vielleicht sogar ..."

"Du wolltest es ja so", warf die Sekretärin ein. "Nun sieh man auch zu, wie die Angelegenheit im Lot zu halten ist. Ich war gleich dagegen, auch die neuen EU-Staaten einzuladen, aber du mußtest wieder deinen Kopf ..."

"Jede weitere Diskussion ist überflüssig", sagte Christel bestimmt. "Diese Jahreshauptversammlung muß zum einmaligen Ereignis werden. Wir wollen direkt zur Völkerverständigung beitragen, die Weihnachtsmänner der unterschiedlichen europäischen Nationen einander näherbringen, ihre Weihnachtssitten und -bräuche kennenlernen. Ich werde mich gern der Herausforderung stellen."

Ganz wohl fühlte sich Christel nun gerade nicht in ihrer Haut, als sie dann hinter dem Rednerpult stand, denn nie zuvor hatte sie solch eine große Anzahl Zuhörer vor sich gehabt, internationale Kolleginnen und Kollegen, die, laut Einladung, entweder Deutsch oder Englisch verstehen sollten. Als Dolmetscherin hielt sich die Sekretärin bereit.

Es folgte zunächst das übliche Zeremoniell: Begrüßung, Gedenkminute, Kassenbericht, Bericht über die allgemeine Lage und Referat über Zukunftsaussichten. Dann hielt Christel ihre vielbeachtete Rede: "Wir hier in Deutschland haben

ein beispielloses Weihnachtsmann-Nachwuchssystem aufgebaut. Unsere gemischten Schulen sind ständig überbelegt. Und dennoch sind wir besorgt. Wenn sich nicht rasch etwas ändert, sind Arbeitsplätze bedroht, weil laut neuesten Umfragen, immer weniger Kinder an den Weihnachtsmann glauben. Kein Wunder, wenn verantwortungslose Eltern Konsumsucht vorleben und der alte Wunschzettel zum Bestellzettel degradiert wird. Folglich müssen wir bemüht sein, den Kindern wieder den Sinn des Weihnachtsfestes näher zu bringen. Weihnachten, Christi Geburt, das Fest der Liebe, wird allerdings in manchen Ländern etwas anders begangen als bei uns. Wir müssen uns zusammenschließen, das Brauchtum des hohen Festes pflegen und erhalten, trotz Globalisierung, Moralverfall und teilweiser Abkehr von der Kirche, von Gott. Kinderaugen sollten wieder vor dem Gabentisch strahlen. Die Kinder dürfen nicht die ‚bestellte Ware' emotionslos in Empfang nehmen. Oft können sie weder ein Gedicht aufsagen, noch kennen sie ein Weihnachtslied."

Nachdem die Sekretärin den letzten Satz übersetzt hatte, schien der Beifall nicht enden zu wollen. Christel bedankte sich gerührt mit einer tiefen Verbeugung und erteilte den Delegierten das Wort, Wünsche vorzutragen. Die ersten meldeten sich zögernd.

"Ich komme aus Lettland", hub ein korpulenter Weihnachtsmann an. "Mit Weihnachten haben wir eigentlich keine Probleme, aber uns fehlen breitkufige Schlitten, um durch den hohen Schnee voranzukommen."

"Klären wir", sagte Christel und hörte sich das Problem eines italienischen Kollegen an. "Bei uns mangelt es häufig an Mauleseln, die wir mit Geschenken voll beladen, um die Kinder in Bergdörfern zu bescheren." Naserümpfend warf Christel ihrer Sekretärin einen Blick zu, die jedoch nach kurzem Überlegen zustimmend nickte.

Als nächster brachte ein griechischer Oberweihnachtsmann seinen Wunsch vor: "Ich betreue mit meinen Kollegen eine Reihe kleiner Inseln, die von vielen kinderreichen Familien bewohnt sind. Maulesel und breitkufige Schlitten benötigen wir nicht, aber mehrere bescheidene Boote." - "Mir fehlt noch der exakte Überblick über unser Budget, doch auch euch könnte eventuell geholfen werden", gab Christel zu verstehen. Und so ging es noch eine Weile weiter. Natürlich konnte man für die vorgebrachten Wünsche Verständnis haben, doch woher das Geld nehmen?

Da meldete sich plötzlich ein alter, ergrauter Weihnachtsmann aus der Ehrenloge, ein außerordentlich geladener aus Kanada, zu Wort: "Nach der brutalen Vertreibung aus meiner geliebten ostpreußischen Heimat, wanderte ich alsbald nach Kanada aus, durchlebte Jahre harter Arbeit, gründete einen Weihnachtsmann-Verein, dessen Distrikt-Vorsitzender ich noch heute bin. Mir fiel nichts in den Schoß, aber durch zähen Fleiß und eiserne Sparsamkeit - eine uralte ostpreußische Eigenschaft - , erwarb ich vor vielen Jahren eine Farm. Etwas später übernahm ich dann noch eine konkurrenzlose Ziegelei. Und so bin ich in der glück-lichen Lage, alle eure vorgetragenen Wünsche zu ..."

Seine weiteren Worte gingen in einem ohrenbetäubenden Beifall unter. "Danke, danke, vielen Dank", sagte er schließlich gerührt. "Daß diese einmalige Versammlung zustande kam, ist doch nur Christel, dieser bewundernswerten Frau, zu verdanken. Obwohl ich hier nichts zu sagen habe, schlage ich trotzdem vor, sie zur Vorsitzenden aller Berufsweihnachtsmänninen und -männer in der EU zu wählen. Nur sie hat es ..." Erneut tosender Beifall. Es wurde abgestimmt. 100 Prozent für Christel! Eine neue Weihnachtsmann-Ära war angebrochen. Hoffnung für viele EU-Frauen, endlich auch die Weihnachtsmannkluft tragen zu dürfen.

So auch für zwei Weihnachtsmannfrauen aus Malta und Ungarn, die sich nach der Versammlung bei einem Glas Wein kennenlernten, solch einem Treffen noch nie zuvor beigewohnt hatten. "Eine tolle Veranstaltung", lobte Marikka, die attraktive Ungarin. "Beeindruckend vor allem die jungen knackigen Weihnachtsmänner aus Italien. Wenn ich mir so vorstelle, daß ..."

"Ist das alles, was du von der historischen Tagung mitbekommen hast?" nahm Antonia, eine mollige Malteserin, ihr das Wort. "Mit Christels Ideen gewinnt das Weihnachtsfest wieder an Geltung, von uns tatkräftig unterstützt. Jedenfalls werde ich den Weihnachtsmannberuf ergreifen. Du auch?"

Marikka zögerte, schaute zum Nebentisch, lächelte und meinte dann: "Wenn mir garantiert würde, eine gemischte Weihnachtsmannschule besuchen zu dürfen und einen von diesen jungen Burschen als Ausbilder ..."

 Fröhliche Weihnachten: Die Männer in Rot machen sich bald auf die große Reise, um Kinder in aller Welt zu bescheren. Foto: Veranstaltungsservice Regensburg


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