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11.12.04 / Versöhnung in der Heiligen Nacht

© Preußische Allgemeine Zeitung / 11. Dezember 2004


Versöhnung in der Heiligen Nacht
von Hannelore Patzelt-Hennig

Es war Heiligabend. Hell schien der Mond über das weißverschneite Land. Frostklirrend begann die Weihnacht. Bei den Riedels draußen, weitab vom Dorf, tat sich an diesem Heiligen Abend jedoch nichts weiter, als daß der Mann und die Frau andächtig ihre Hände falteten und Rückschau hielten auf Gewesenes. Auf die Zeit, als die Kinder noch daheim waren und das Leben damals. Jetzt lebte der Bauer nur noch allein mit seiner Frau auf dem Hof. Die Stille am Heiligen Abend erfüllte den Raum, in dem die beiden Alten andächtig beisammen saßen. Plötzlich kam es ihnen aber so vor, als habe draußen jemand an die Tür geklopft.

Verwundert sahen sie sich an. "Es war sicher der Wind!" meinte die Frau. Sie hielt es für unwahrscheinlich, daß jetzt jemand zu ihnen kam, so spät am Heiligen Abend. Doch es klopfte zum zweiten Mal. Da erhob der Riedel sich, um nachzusehen, ob doch jemand vor der Tür war. Als er eine Zeitlang nicht in die Stube zurückkam, folgte ihm die Frau. Und als sie zur Haustür trat, glaubte sie, ihren Augen nicht zu trauen, denn dort stand die Lena Berger, die Tochter ihres einzigen Nachbarn hier draußen, mit dem sie sich schon lange gram waren.

"Ja, Lena, Kind! - So komm doch herein!" forderte die Frau das Mädchen auf. Wenn dieses Menschenkind in dieser Nacht den weiten Weg so spät allein auf sich genommen hatte, mußte das Schwerwiegendes zu bedeuten haben. Nachdem sich das Mädel gesetzt hatte, erfuhren sie den Grund für Lenas so späten Besuch. Die Großmutter lag schwach und krank darnieder. Man war sich daheim nicht so recht im klaren, wie es um sie stand. Und heute, am Heiligen Abend, hatte man sie gefragt, ob sie einen besonderen Wunsch zu Weihnachten habe. Darauf hatte sie geantwortet: "Den habe ich! - Wenn ihr mir den erfüllen wollt, dann geht hin und vertragt euch mit den Riedels!"

Der Vater habe darauf nicht geantwortet. Er habe zunächst nicht ein noch aus gewußt, seiner Mutter diesen vielleicht letzten Wunsch aber auch nicht abschlagen wollen. So war sie, Lena, von den Eltern geschickt worden. Und sie sollte nun herzlich bitten, daß die Riedels mit ihr kämen und eine Versöhnung am Bett der alten Frau Berger stattfinden konnte.

Bauer Riedel zögerte mit seiner Antwort. Seine Züge verrieten, daß er sehr mit sich rang. Der Andreas Berger, Lenas Vater, hatte ihn zu sehr beleidigt damals. Dabei hatte ihn in der Sache, um die es gegangen war, nicht die geringste Schuld getroffen. Doch Andreas hatte alles auf ihn schieben wollen. Es war viel gewesen, was der sich erlaubt hatte! Aber - durfte man sich deshalb dem letzten Wunsch einer Sterbenden widersetzen? Vielleicht wußte Oma Berger sogar um die genauen Zusammenhänge. Vielleicht wünschte sie sich gerade deshalb vor ihrem Tod die Versöhnung der beiden Männer? Damals, zu ihrer Zeit, hatten jung und alt beider Höfe in bester Freundschaft zueinander gestanden. Und wie schön war das gewesen! Es war schon an der Zeit, daß sich da wieder etwas Gutes entspann. Das fand der Riedel auch. Doch leicht fiel ihm der Schritt zu den Bergers nicht. Dennoch entschloß er sich, ihn zu gehen. Das ließ er Lena bald wissen. Seine Frau nahm er mit. So stapften sie durch den Schnee und die eisige Kälte der Heiligen Nacht dem Bergerschen Hof zu.

Als sie sich dem Anwesen näherten, ließ der Hund ein freudiges Gebell vernehmen. Und kurz darauf trat Andreas Berger aus der Tür. Die letzten Schritte wollte er dem Nachbarn entgegengehen. Schon von weitem streckte er Georg Riedel die Hand entgegen. "Verzeih' mir, Georg, und hab tausendmal Dank, daß du gekommen bist! Ich weiß längst, daß es Unrecht war, was ich dir angetan habe. Bitter habe ich es bereut, aber hinterher nachzugeben ... es ist schwer! Verzeih' mir!"

"Laß es uns vergessen, Andreas! Es soll wieder sein wie früher, wie zur Zeit unsrer Väter. Das ist für beide Seiten besser, wie wir wissen!"

Dem Berger drängten sich Tränen in die Augen. Er umarmte den Nachbarn und sagte: "So soll es sein und nie mehr anders, dafür wollen wir sorgen, Georg! - Und nun kommt herein, daß auch die Mutter sich mit uns freuen kann!"

Nach diesen Worten nahm er die Frau des Nachbarn an seine Seite, legte den Arm um ihre Schulter und sagte: "Seid uns aufs herzlichste willkommen!"

Sie gingen ins Haus und wurden von Lenas Mutter in rührender Weise empfangen. Dann traten sie an das Bett der alten Frau Berger, alle gemeinsam. Und da war es plötzlich, als sei ein Wunder geschehen. Die Kranke richtete sich allein in ihren Kissen auf, was sie zuvor schon einige Tage lang nicht mehr vermocht hatte, und ihre Augen leuchteten so glückstrahlend, als sei der Glanz der Jugend in sie zurückgekehrt.

"Endlich seid ihr wieder vereint! Gott segne euch dafür, euch alle!" sagte sie tieferfreut. "Daß ich so eine Weihnacht noch erleben würde, hätte ich nicht für möglich gehalten!"

Sie begannen nun von früher zu erzählen. Von gemeinsam Erlebtem und gemeinsam Unternommenem. Und dabei wurde die Kranke so munter wie lange nicht mehr. Angesichts dieser Lebhaftigkeit begann alle Angst und alles Bangen aus den Herzen der Angehörigen zu weichen. Und die kleine Gesellschaft wurde allmählich auch immer fröhlicher. Freude, Friede und Eintracht erfüllte die Herzen und schuf in den Gemütern so tiefe, wahre Weih-nachtsstimmung, wie sie vielleicht nie zuvor in solchem Ausmaß von den hier Vereinten bewußt empfunden worden war.


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