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25.12.04 / Der Bärenbaum

© Preußische Allgemeine Zeitung / 25. Dezember 2004


Der Bärenbaum
von Gabriele Lins

In diesem Jahr beschloß Patrick Klein das Weihnachtsfest abzuschaffen. „Weil es gar keinen Gott gibt“, erklärte er seiner Familie, „deshalb könnt ihr auch die Krippe mit dem Jesuskind vergessen.“ – „Aber ein Tannenbaum muß trotzdem her“, meuterte Margitta, die Älteste.

„Warum gibt es plötzlich keinen Gott mehr?“ fragte Pit, als Vater und Sohn durch den Wald stapften, um eine Tanne zu holen. „Hat dich Gott vielleicht beschützt, als du von dem Motorrad überfahren wurdest?“ erwiderte der Vater grob. „Und ist meine Hautkrankheit etwa verschwunden? Und hilft Gott Onkel Arnold aus seiner Arbeitslosigkeit heraus?“ Pit schwieg.

Am Nachmittag des 24. Dezember schmückte Patrick zusammen mit seinen Kindern eine Tanne mit lauter kleinen Plüschtieren aus dem Kinderzimmer der Jüngsten. „Kugeln und Kerzen müssen nicht sein“, sagte er, „unser Fest ist ja kein richtiges Weihnachtsfest.“ – „Und Weihnachtslieder dürfen wir auch nicht singen?“ fragte Pit. „Die gehören doch dazu.“ – „Natürlich nicht, Junge. Wenn wir nicht Weihnachten feiern, brauchen wir das alles nicht.“ – „Wenigstens haben wir einen Bärenbaum!“ meinte Jessy, „aber die Krippe von Oma Marga – soll die etwa eingepackt im Keller liegen bleiben?“ – „Na gut“, gab der Vater nach, „stellt die Krippe auf, sie stammt schließlich von meiner Mutter. Aber statt der Figuren könnt ihr die übrig gebliebenen Plüschtiere hineinlegen.“ Margitta schnaubte verächtlich: „Bären in einer Krippe, ich fasse es nicht!“

Den Heiligen Abend feierten die Kleins wie immer und doch anders. Auf dem festlich gedeckten Tisch mit dem köstlich duftenden Braten stand keine Kerze, die mit ihrem Schein den Raum gemütlich gemacht hätte. Aber unter dem Bärenbaum lagen wenigstens Geschenke. „Vom Bärenkind?“ hatte Jessy gefragt und ein ganz kleines bißchen gegrinst. Statt der Weihnachtslieder hörten sie Popmusik. Vater Klein hob das Glas. Er sagte nicht „Fröhliche Weihnachten“ wie in den Jahren zuvor, sondern es kam nur ein kerniges „Prost!“ Dann setzte er sich behaglich in seinen Sessel und schlug sein neues Buch auf. Schließlich wurde er schläfrig und nickte ein. Als er die Augen öffnete, konnte er es nicht glauben. Was war denn mit der Tanne los? Statt der Bärchen hingen lauter Silberkugeln in den Zweigen und dazwischen sangen Engel aus weit geöffneten Mündern „Vom Himmel hoch, da komm ich her …“ Wo war die Familie? Er rappelte sich auf und trat zur Krippe hin. Das Christkind lächelte ihm so lieb und verständnisvoll entgegen, daß es ihm durch und durch ging, und jetzt sprach es sogar zu ihm: „Patrick, ob du es nun willst oder nicht – ich bin da. Bringst du es wirklich fertig, mich mit einem Spielzeug zu vergleichen?“ Das Gesicht des Mannes erglühte. „Ich konnte doch nicht wissen …“, stotterte er. „Nimm deinen Kindern doch nicht den Weih-nachtsglauben“, sagte Maria milde, „die Welt ist dunkel und trübe genug. Und da mein Sohn nur einen Mund hat, um die frohe Botschaft zu verkünden, braucht er dringend euren.“

„Ja, ja, natürlich“, stammelte der Mann und faltete unbewußt die Hände. Und dann wachte er auf, und sein Herz war so leicht wie nie. Hatte nicht die Stimme Marias wie die seiner verstorbenen Mutter geklungen? Seine Frau kam mit den Kindern herein, das gespülte Geschirr in den Händen.

Der Weihnachtsabend war nun wieder so schön wie in den vergangenen Jahren. Aus dem Radio ertönten die alten Weihnachtslieder. Patrick Klein konnte gar nicht genug davon bekommen. Jessy kam mit den Krippenfiguren herein und tauschte die Plüschtiere durch Jesus, Maria und Josef und Hirten und Esel und Kühe aus.

Ihr Vater zeigte augenzwinkernd auf den Baum. „Wer hat denn Kugeln und Kerzen und Engel hergezaubert, während ich schlief?“

„Dein Schutzengel“, sagte seine Frau lächelnd, „der hat gleich gemerkt, daß du es nicht ernst meinst mit dem ganzen Unsinn.“ – „In unserer Klasse glauben viele nicht mehr an Gott“, erzählte Pit, „aber Weih-nachten feiern sie trotzdem. Du warst wenigstens konsequent, Papa.“ – „Eine Krippe voller Plüschtiere ist jedenfalls auch nicht das Wahre“, sagte Margitta ernst, „und erst recht nicht ein Weihnachtsbaum mit Bären behangen.“ Später sangen sie „Tochter Zion, freue dich …“ und „Oh, Tannenbaum“ und „Stille Nacht“, und das Jesuskind in der Krippe lächelte.


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