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25.12.04 / Schwenkitten ’45 Teil VI / Geschichte eines Tages und einer Nacht

© Preußische Allgemeine Zeitung / 25. Dezember 2004


Schwenkitten ’45 Teil VI
Geschichte eines Tages und einer Nacht

Ostpreußen 1945 – Alexander Solschenizyn berichtet in seiner autobiographischen Erzählung „Schwenkitten ’45“ erstmals über seine Kriegserfahrungen. Die Verteidigung der Heimat bei Kursk im Sommer 1943 und der Vorstoß nach Ostpreußen im Winter 1945 sind Thema dieser deutschen Erstveröffentlichung. Mit dieser Erzählung, die nun erstmals in deutscher Sprache vorliegt, knüpft der Literaturnobelpreisträger an die großartige Prosa seines „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ an. Hier folgt nun Teil VI, der bei Langen-Müller erschienenen Veröffentlichung Alexander Solschenizyns, die seit Folge 46 in der Preußischen Allgemeinen Zeitung abgedruckt wird.

Unterdessen waren die Telefonleitungen von den Feuerstellungen zu den drei Beobachtungsständen gezogen worden. Über den Schallmeßposten hatten sie auch Verbindung zur Schallmeßbatterie in Dittrichsdorf, sie hatte weiter links, etwas nördlicher, noch mehr Posten. Der Batterieführer meldete: Nichts. Niemand. Wir haben den Durchschlagsanzeiger jenseits des Sees aufgestellt.

Und der See – ganz hell, dort würde man die Deutschen im Mondlicht erkennen können. Das bedeutete: Auch zwei Kilometer östlich war niemand. Außerdem meldete der Batterieführer: Die Topographen arbeiten bei Mondlicht, vermessen die Schallmeßposten, sind auch schon nach Schwenkitten gegangen, um die Feuerstellungen einzumessen.

Nun, in einer Stunde werden wir gefechtsbereit sein. Wir werden wohl kaum hier verweilen, sondern vorgehen. Tauwetter wird’s nicht geben. Die Nacht bleibt kalt. Bojew nahm für alle Fälle die Filzstiefel aus dem Schlitten und zog sie an.

Da meldete Toplew: „Zum Brigadestab keine Verbindung.“ Merkwürdig. Wie viel Zeit brauchen die denn, um hierher zu kommen? Haben die Deutschen sie unterwegs geschnappt?

Bojew fiel ein, daß der Brigadekommandeur heute ins Lazarett gefahren war, das hieß: Dort regiert jetzt Kommissar Wyshlewskij.

Bojew wich allen Arten von politischen Leitern so weit wie möglich aus. Er mochte sie nicht. Wie er überhaupt überflüssige Leute nicht leiden konnte. Wyshlewskij aber war ihm besonders zuwider, er hatte etwas Schmuddeliges, daher auch sein phrasendreschendes Kommissarsgetue. In der Brigade munkelte man, in Bezug auf das Jahr 1941 sei Wyshlewskijs Biographie nicht sauber: Er war im eingekesselten Odessa gewesen, danach zwei, drei Monate in der Versenkung verschwunden, dann mir nichts dir nichts im bisherigen Dienstgrad an der Westfront aufgetaucht. Und irgendwie war Partorg Gubajdulin mit all dem verquickt. Weshalb hatte Wyshlewskij ihn aus dem Nachschub in die Politabteilung geholt und ihn so rasch befördert? (Und ihn Bojew als Partorg aufgehängt?)

Meldung von Toplew: Immer noch keine Verbindung zur Brigade. Aber der Kommandeur des Schützenregiments ist da, kam vom Beobachtungsstand her, folgte den Schlittenspuren.

Na, endlich! Jetzt wird sich einiges klären.

*

„Genosse Oberleutnant! Genosse Ober …!“

„Was ist los“, fragte Kandalinzew hellwach zurück.

„Wir haben einen Deutschen! Einen Überläufer!“ Das meldete der Gefreite Neskin beim Eintritt in die Scheune. Die Nahsicherung hat den Deutschen festgenommen, er lief direkt über das Feld. Auch Oleg Gussew hörte es. Eine wunderbare Nachricht! Beide Zugführer krochen aus dem Heuhaufen.

Sie gingen nach draußen, sahen sich um. Der Mond schien, die deutsche Uniform war klar erkennbar, auch die Wintermütze. Er war ohne Waffen.

Der Deutsche erkannte die Offiziere, grüßte stramm. „Herr Oberleutnant! Diese Nacht, in zwei Stunden, wird man einen Angriff hier unternehmen.“

Mit der deutschen Sprache war es bei beiden Offizieren nicht weit her. Einzelne Wörter kannten sie wohl, den Zusammenhang aber verstanden sie nicht.

Er war sehr aufgeregt. Auf jeden Fall mußten sie ihn in den Abteilungsstab bringen. Sie bedeuteten ihm, zu gehen: vor ihm Neskin, hinter ihm der kleine Jursch, der überall zurechtkam, mit Karabiner. Er berichtete den Offizieren unterwegs, er hätte schon mit ihm geplaudert, er spreche was Ähnliches wie Russisch, sei aber trotzdem nicht zu verstehen. Irgendwas ganz Dringendes will er mitteilen.

Bis zum Stabswagen in Klein Schwenkitten ist es nicht weit. Schon während sie gingen, befragten sie ihn. Und der Deutsche gab sich Mühe. Er sprach nicht deutsch, sondern irgendetwas Erkennbares. Erkennbar, aber doch nicht zu verstehen. Ständig wiederholte er ein Wort: „Angriff! Angriff!“

Das Wort kennen wir: Offensive? Überfall? Das mußte man auch erwarten.

Der Funker im Stabswagen schlief nicht. Er weckte den Planzeichner, der konnte Deutsch, wenn auch nicht sehr gut. Er kam sofort heraus, begann mit dem Deutschen zu sprechen und übersetzte einigermaßen, wenn auch nicht Wort für Wort, sondern dem Inhalt nach.

„Das ist so: Er spricht etwas Tschechisch. Er will uns warnen: In ein bis zwei Stunden beginnt in unserem Abschnitt ein großer Angriff der Deutschen.“

Führt der uns nicht an der Nase rum? Warum sollte er? Das wäre für ihn noch schlimmer.

Die Stimme des Deutschen ist bittend, kläglich, sogar flehend. Er ist schon bei Jahren – älter als Kandalinzew.

Pawel Petrowitsch hat Mitleid mit ihm: Dieser Mensch hat den Krieg so satt. Wer hat ihn nach so vielen Jahren denn nicht satt? Armer Tropf, armer. Bist nun bei uns – wann wirst du deine Familie wieder sehen?

Er schickte den Melder Jursch nach Schwenkitten zur Meldung bei Hauptmann Toplew.

Nachdem der Überläufer vom Planzeichner befragt worden war und Toplew auch selbst dessen Stimme gehört hatte, aus der freundwillige Bereitschaft klang, war er sicher, daß der Mann nicht log. Überlaufen? Nicht schwierig. Über freies Feld ohne eine einzige Gefechtslinie. Warum also nicht?

Gut, man behielt den Überläufer beim Stabswagen. Wenn der nicht lügt und sich nicht irrt – unsere Kanonen sind ja völlig ungeschützt! Infanterie ist immer noch nicht da. Und Toplew ist so sorgfältig und exakt darum bemüht, alles ganz richtig zu machen, genau zu wissen, zu ergründen, rechtzeitig zu erledigen.

Aber – was war jetzt zu tun? Was konnte man jetzt tun? …

So schnell wie möglich Verbindung mit dem Brigadestab herstellen. Er trieb den Funker an: „Los, los! Ruf sie!“ Aber keine Verbindung, nichts!

Was ist bei denen bloß los? Nicht zu begreifen! Toplew griff zum Telefon, um den Abteilungskommandeur anzurufen. Was ist denn das? Auch hier keine Verbindung! Es gab doch keinen Beschuß – woher die Unterbrechung?

Er schickte einen Melder zur Erkundung. Fast hätte er geflucht. Der Telefonist ist ein Hans-guck-in-die-Luft, muß alle Augenblick kontrolliert werden.

Besser über Funk? Klartext – unmöglich, ein Code ist aber für einen derartigen Fall nicht vorgesehen. Er befahl dem Funker: „Ruf die 10!“ Bojews Stimme, fest wie immer, zuversichtlich, verläßlich. Nicht aus der Ruhe zu bringen. Er wird sofort Toplews Gestotter verstehen. Während er unablässig das blinkende rote Auge des Funkgeräts fixierte, begann Toplew zu erklären: „Zu uns kam da so ein Onkelchen … durchaus keiner von uns … na ja, von drüben … sieht nicht wie ein Lügner aus. Ich habe ihn gründlich geprüft. Er sagt: In einer oder zwei Stunden … jetzt also noch weniger … Sozusagen, sie kommen! Und in hellen Scharen! Ja, … aber Ural schweigt permanent … Was befehlen Sie?“

Bojew antwortete nicht sofort. Er war ohnehin nicht redselig. Er überlegte, fragte zurück: „Ural schweigt?“

Toplew fast weinend: „Absolut! Kein Laut!“

Bojew überlegte weiter: „Mach Folgendes: Verleg die ganze Wirtschaft von Kassjanow hinter den Fluß. Unverzüglich. Sie soll dort Stellungen beziehen.“

„Und was ist mit den beiden anderen?“

Es war zu hören, wie Bojew tief seufzte: „Die beiden anderen? Sollen einstweilen hier bleiben. Als Sicherung. Was ist mit der Leitung?“

„Ich habe hingeschickt, weiß es nicht.“

„Alle in Gefechtsbereitschaft, beobachten, horchen. Wenn irgendwas ist, sofort melden.“

Wenig später war der Melder wieder da. Er versicherte, schwor: „Im Wäldchen ist ein Stück Leitung wie mit dem Messer herausgeschnitten. Und da sind Spuren im Schnee.“ Die Deutschen?! Schon da?

*

Balujew ging mit seinen beiden Aufklärern in den Schlittenspuren zu dem dunklen Menschengrüppchen, das im offenen Schneefeld stand. Er nannte Namen und Rang.

Major Bojew, von etwas kleinerem Wuchs, trug einen kurzen, weißen Halbpelz. Begrüßung mit Handschlag. Wie es schien, von Balujew mit kräftigem Druck, von Bojew mit klammerndem Griff. Und einfach, wie man an der Front eben so spricht: „Wo steht dein Schützenregiment?“

Sein Regiment? Er hatte es selbst noch kaum gesehen. Antwort: „Und wer hat eure Kanonen so postiert?“

Bojew lachte spöttisch auf: „Versuch mal, nicht so aufzustellen wie befohlen!“

Er beschrieb die Situation, so weit er sie kannte. Trotz Mondschein brauchten sie für die Karte eine Laterne.

„Petersdorf?“ fragte Balujew. „Ja, man hat mich drauf gestoßen, für den Stab. Hier in der Nähe müßt ihr eine Leitung legen. Und ich würde vom Beobachtungsstand hierher kommen.“

Übrigens, was für ein Beobachtungsstand ist das? Auf ebenem Feld. Ohne Deckung.

„Noch habe ich zwei Stunden Zeit, ich muß selbst erkunden, wo der Deutsche ist, wo seine vorderste Linie verläuft.“

Das wäre gut zu wissen! Bojew wurde ans Funkgerät gerufen. Er hockte sich auf die Fersen. Und Balujew betrachtete den hellen Fleck auf der Karte. Wenn das alles See ist – wie kann man dann hier Stellung beziehen!? Wir müssen vorwärts. Bojew kehrte zurück und gab in leisem Baßton, sich von den Soldaten abwendend, die Neuigkeit an Balujew weiter.

„Das ist durchaus wahrscheinlich.“ Auch eine derartige Situation begriff Balujew sofort: „Gerade in diesen ersten Tagen wird der Deutsche vorgehen, solange wir noch keine Verteidigung aufgebaut haben können. Gerade in der Verzweiflung wird er losschlagen.“ Und dann hier wenigstens ein Vorfeld einrichten. Aber wie sollen wir rechtzeitig auch nur eine Kompanie heranholen?

Nicht zu vergessen, für Bojew mit seinen schweren Kanonen – ist es unvergleichlich schwieriger. Dennoch keinerlei Aufregung.

Balujew sagte offenherzig: „Ich war ein Jahr nicht an der Front und staune nur, wie wir im vierten Kriegsjahr geworden sind. Man kann uns nicht mehr wie früher erschrecken.“

Balujew ist erst den vierten Tag in Ostpreußen, und schon hat ihn das Frontgefühl voll erfaßt. „Also, ich gehe rechts vom See vor. Was ich erkunde, melde ich dir, und auch wohin ich den Stab beordere, dann lege ich auch deine Leitung dorthin.“

Sie waren für eine Viertelstunde im offenen Feld zusammengetroffen. Jetzt trennten sie sich, bis die Leitung gezogen ist, bis zur nächsten Verbindung. Oder aber, um sich nie wieder zu sehen. Das ist immer so.

„Und wie heißt du?“

„Pawel Afanassjewitsch.“

„Und ich Wladimir Kondratjewitsch.“ Noch ein warmer Händedruck. Balujew ging mit seinen Aufklärern davon. Der Mond hatte sich mit Wolken überzogen.

Fortsetzung folgt

Alexander Solschenizyn: Der 1918 geborene russische Schriftsteller gilt als einer der glaubwürdigsten und unermüdlichsten Kritiker der Menschenrechtsverletzungen im ehemaligen Sowjetreich. Foto: Archiv

Alexander Solschenizyn: „Schwenkitten ’45“, Langen-Müller, München 2004, geb., 205 Seiten, 19,90 Euro


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