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08.01.05 / Hybris und Ohnmacht / Gedanken zur Katastrophe in Asien

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 1 vom 08. Januar 2005

Hybris und Ohnmacht
Gedanken zur Katastrophe in Asien
von Hans-Jürgen Mahlitz

Gibt es einen gerechten, einen gütigen Gott? Wenn ja, wie kann er dann solch unermeßliches Leid zulassen? Die Flutkatastrophe, deren genaue Opferzahlen wir wohl nie erfahren werden, traf wahllos jeden, der nicht schnell genug weglaufen konnte - Arme und Reiche, Alte und Junge, Schuldige und Unschuldige, Gute und Böse - wer will da noch von einer göttlichen "Strafaktion" reden wie einst bei der alttestamentlichen Sintflut oder dem Untergang Sodoms und Gomorrhas? Ob Thailänder oder Deutsche, ob Inder oder Schweden, ob Indonesier oder Amerikaner - die Menschen, die in den Fluten umkamen, verletzt wurden, ihr Hab und Gut verloren, hatten in aller Regel nichts verbrochen, wofür ein gerechter, gütiger, gnädiger Gott sie so grausam hätte bestrafen müssen.

Es ist nun die traurige Pflicht der Geistlichen aller Konfessionen und Religionen, uns in tröstenden Worten zu erklären, warum dieses Unheil, das ausgerechnet am Zweiten Weihnachtstag über die Menschheit hereinbrach, eben doch in Einklang stehen kann mit dem Evangelium, also der frohen Botschaft, die uns zwei Tage zuvor, an Heiligabend, verkündet wurde. Eine Aufgabe, um die kein Geistlicher zu beneiden ist, die wir Journalisten ihnen aber auch nicht abnehmen können. Wir sollten es gar nicht erst versuchen.

Schon mehren sich in den Medien die Stimmen, die kritisieren: Man hätte die Gefahr rechtzeitig erkennen und die Menschen warnen können; ja, es hätte zu einer solchen Katastrophe gar nicht zu kommen brauchen, wenn der Mensch nicht so massiv und global in das Naturgeschehen eingreifen würde. Also doch: das tödliche Inferno als Rache der Natur, weil der Mensch in seiner Hybris bei der Befolgung des biblischen Auftrags "Macht euch die Erde untertan!" jegliches Maß verloren hat?

In vielen Fällen mag es ja zutreffen, daß Naturkatastrophen die Strafe für schwere ökologische Versündigungen an der Schöpfung sind. In diesem besonders gravierenden Falle aber gilt das nicht. Das schwere Erdbeben, das die Flutwelle auslöste, war weder direkt noch indirekt eine Folge menschlichen Handelns. Wir Erdenbewohner sind um einiges zu klein und zu ohnmächtig, um die langfristigen und weiträumigen Verschiebungen der Kontinentalplatten beeinflussen zu können.

Irgendwann vor Jahrmilliarden scheint die relativ dünne feste Kruste unseres Planeten in einzelne Stücke zerbrochen zu sein, die auf dem überwiegend flüssigen Kern "schwimmen". Die Indisch-Australische Platte, von der nur geringe Teile aus dem Wasser ragen, schiebt sich mit einem Tempo von acht Zentimeter pro Jahr in nordöstlicher Richtung unter die Eurasische Platte. Immer wieder verhaken sich die Stücke, der Druck wird stärker, bis er sich in Form von Erdbeben entlädt.

Diese tektonischen Vorgänge sind heute recht gut erforscht. Man weiß genau, wo die kritischen Nahtstellen liegen, zum Teil kann man sogar beobachten, wieviel Spannung sich aufgebaut hat. Und daraus läßt sich schließen, welche Regionen besonders erdbebengefährdet sind. So sind die Seismologen sicher, daß an der amerikanischen Westküste mit schweren Erdbeben, möglicherweise auch mit mörderischen Flutwellen zu rechnen ist. Ob dies aber heute oder morgen, in einem, zehn oder 100 Jahren eintreten wird, vermag kein seriöser Wissenschaftler vorauszusagen.

Bei Beben am Meeresboden, die Flutwellen auslösen, hilft ein Warnsystem nur in begrenztem Umfang. Solche Wellen haben im offenen Ozean eine Geschwindigkeit von rund 800 Stundenkilomtern; da bleibt nicht viel Reaktionszeit. Hier könnte das künftige europäische Satellitensystem Galileo spürbare Verbesserung bringen - eine lohnende Aufgabe, zumal auch der Mittelmeerraum, insbesondere die Ägäis, als hochgradig gefährdet gilt.

Verhindern aber können auch die aufwendigsten Beobachtungsund Warnsysteme solche Erdbeben nicht. Menschliches Handeln kann die Welt nicht aus den Angeln heben, sondern allenfalls die katastrophalen Folgen einer aus den Fugen geratenen Tektonik zu mildern suchen.

Eins aber sollten wir darüber nicht vergessen: Zwar handelte es sich um eine der schwersten Naturkatastrophen seit Menschengedenken. In ihren schrecklichen Auswirkungen wird sie jedoch bei weitem übertroffen von jenen Katastrophen, die der Mensch selbst verursacht hat. Das Jahr 2005 mit seinen Gedenktagen bietet hinreichend Gelegenheit, darüber nachzudenken - in Demut vor der Natur, die so viel stärker ist als wir, und zugleich im bangen Zweifel, ob wir Menschen wirklich die "Krone der Schöpfung" sind.


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