19.01.2022

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08.01.05 / "Zur Lage der Nation"

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 1 vom 08. Januar 2005

Gedanken zur Zeit:
"Zur Lage der Nation"
von Wilfried Böhm

Der vieldiskutierte britische Historiker A.J.P. Taylor, einer der berühmtesten Vertreter seines Faches im zu Ende gegangenen Jahrhundert, hat über die Westdeutschen bereits Ende der fünfziger Jahre behauptet:

"In Kriegszeiten schien es, als sei die deutsche Frage nur dadurch zu lösen, daß die Deutschen aufhörten zu existieren, und das haben sie auch nun wirklich getan. Zwar sind sie noch da, aber atomisiert, jeder für sich hinlebend, gut verdienend, fleißig und wohlgenährt. Doch bereiten sie niemandem mehr Kopfzerbrechen, sich nicht und anderen nicht. Im Grunde wollen die Deutschen gar nichts anderes , als in ihrem jetzigen Zustand verharren. Das Wirtschaftswunder behagt ihnen sehr. Man muß nur aufpassen, daß niemand kommt, sie aus dem Schlaf zu rütteln."

Das habe bis heute niemand getan, stellte unter Bezug auf dieses Taylor-Zitat der österreichische Schriftsteller, Diplomat und geopolitische Wissenschaftler Hans Jordis von Lohausen fest. Er fügte hinzu:

"Als 1989 beim Fall der Mauer Gefahr drohte, der vom Osten herüberwehende Wind könnte solches bewirken, wurde dann mit beachtlicher Geschwindigkeit vorgebeugt, und die verarmten Mitteldeutschen wurden dem durch keinerlei Anstand gezügelten Sog eines nahezu ausschließlich von den Maßstäben des Geldes bestimmten Denkens überantwortet".

Tatsächlich erschien den von der Selbstbefreiung der Deutschen zwischen Rügen und dem Thüringer Wald völlig überraschten westdeutschen Politikern die "Renationalisierung Deutschlands" als angeblich größte Gefahr. "Wir haben absichtlich darauf verzichtet, das nationale Pathos anzusprechen. Das wäre für uns und unsere Partner nicht gut gewesen," sagte der mit der Ausgestaltung der staatlichen Einheit Deutschlands damals befaßte führende CDU-Politiker Wolfgang Schäuble.

Kein Wunder, daß die von Hammer und Zirkel befreiten schwarz-rot-goldenen Fahnen der deutschen republikanisch-demokratischen Tradition rasch wieder verschwanden, von der die revolutionäre Parole "Wir sind ein Volk" dieser deutschen Revolution getragen wurde. "Von Staats wegen" wurde die Reise ins Blaue, national unverbindlich, mit dem Griff nach den goldenen Sternen Europas bevorzugt.

Symbol für die Veränderung vom "Volk" der deutschen Freiheitsrevolution des Jahres 1989 zur Beliebigkeit einer "Bevölkerung" ist die im Reichstagsgebäude, dem Sitz der Volksvertretung, angebrachte Installation "Der Bevölkerung". Sie soll im ganz bewußten Gegensatz zur Widmung des Reichstagsgebäudes stehen, die "Dem Deutschen Volke" lautet. Die wenn auch knappe Mehrheit der "Bevölkerungsvertreter" hat sich für die "künstlerische Installation" entschieden.

Das geschah nur wenige Jahre nach einer friedlichen Revolution, die in ihrer welthistorischen Bedeutung der amerikanischen von 1766 und der französischen von 1789 nicht nachsteht. Ist doch der Fall der Mauer 1989 das symbolische Ende der marxistisch-sozialistischen Zwangsherrschaft in großen Teilen der Welt - und das auf friedliche Weise: ohne Krieg und Guillotine.

Die Feststellungen europäischer Beobachter wie Taylor und Jodis von Lohausen führen fast 15 Jahre nach seinem Erscheinen zu einem Beitrag des deutschen Diplomaten Hans Arnold in der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit vom 18. Mai 1990. Arnold war deutscher Botschafter in Den Haag und Rom und zeitweise als Inspekteur des Auswärtigen Dienstes für die Ausbildung des diplomatischen Nachwuchses verantwortlich. Es ist Bruno Bandulet zu danken, daß er in seinem DeutschlandBrief unlängst die Aufmerksamkeit auf diesen illustren außenpolitischen Zeugen gelenkt hat, dessen damaliger Beitrag nicht nur einen tiefen Einblick in das Denken und die Motivationen in den höchsten Rängen der damaligen Kohl-Genscher-Regierung, sondern auch Anlaß zu mannigfaltigen Erkenntnissen über den Gang politischer Entwicklungen gibt.

Die Kernaussagen dieses Zeit- Beitrages faßt Bandulet wie folgt zusammen: "Das künftige Deutschland wird als ein ‚europäisches´' Deutschland in Europa wirtschaftlich integriert, politisch domestiziert und militärisch entmachtet sein müssen. Die Möglichkeit, wirtschaftliche Macht für politische Zwecke auszuspielen, wird es in diesem Europa für Deutschland nicht geben. Für das künftige Deutschland sollte es daher nicht länger darum gehen, daß kein Krieg mehr von deutschem Boden ausgehen darf. Vielmehr sollte von diesem jetzt die Entnationalisierung der europäischen Nationalstaaten ausgehen. Im eigenen Interesse und in dem Europas wird Deutschland unter gesamteuropäischer Kontrolle und Garantie zur militärischen Bedeutungslosigkeit schrumpfen müssen. Die Initiative für eine solche dreifache Einordnung Deutschlands in das künftige Europa sollte von Deutschland selbst ausgehen. Einmal, weil dies jetzt die historische Aufgabe für die deutsche Politik ist. Aber auch, um vorzubeugen, daß bei einer Lösung, die nur von außen käme, einem eventuellen nationalistischen ‚Versailles-Komplex' der Boden bereitet würde."

Soweit die Kernaussagen Arnolds aus dem Jahr 1990. Die Aufgabe des großen eigenen Binnenmarktes, die Abschaffung der D-Mark als europäische Leitwährung, die Entnationalisierung Europas zugunsten der Brüsseler Bürokratie und Umverteilungsmaschinerie, die Schrumpfung der Bundeswehr zu einem Instrument internationaler Interessen und die Einordnung Deutschlands als von ihm selbst gewolltes Ziel - all das ist deutsche Realität geworden.

Dem geneigten Leser bleibt es überlassen, aus der von Arnold aufgezeigten Sicht und den seitherigen Entwicklungen die Lage der Nation im Jahr 2005 zu betrachten.


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