19.01.2022

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
08.01.05 / Nur eine halbe Stunde warten wir noch ...

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 1 vom 08. Januar 2005

Nur eine halbe Stunde warten wir noch ...
von Horst-Dieter Radke

Der Arzt war gegangen, die Bettnachbarin mit ihren Verwandten fort. Ich saß allein bei meiner Mutter und hielt ihre Hand. Sie sprach nicht, und auch mir war nicht nach Reden zumute. Daß sie nicht mehr lange zu leben hatte, war mir - uns allen - inzwischen klar. Wir freuten uns über jeden klaren Augenblick und nahmen betrübt zur Kenntnis, daß diese immer seltener wurden. Und dann lag plötzlich ein ganzes Leben vor mir ausgebreitet, so als hätte irgend jemand über den Tisch gewischt und gesagt: "Da hast du es!" Es war ein Moment, der Bruchteil einer Sekunde, und trotzdem war alles, von dem ich wußte, auf einmal da. Ich griff zu, sofort, ohne zu zögern, und die Zeit spulte zurück zum Anfang 45, nach Masuren, in den Ort Sternsee, und ich schmeckte den Schnee und die Angst, die ich selbst in dieser Kombination nie gespürt und gelitten hatte.

Der Wagen war bereits beladen, das Pferd angeschirrt. Es stand stampfend und schnaubend in der Kälte. Der Vater lief aufgeregt aus dem Haus und retour, ein wenig hinkend - das hatte ihn zurückgehalten, von der Front, daß er damals unter die Kutsche geraten war auf der Chaussee - und sagte immer wieder: "Wo der Friedel nur bleibt?" Lisbeth stand am Fenster, und die Mutter saß still in ihrem Lehnstuhl und murmelte: "Wird schon kommen!" Sie hatte ihren Teil der Arbeit getan, gepackt und geschnürt, was mitzunehmen war. Nun saß sie fast bewegungslos da, und es wurde ihr nach und nach bewußt, was alles zurückbleiben mußte. An Geschütz- und Gewehrdonner bereits gewöhnt, beunruhigte sie augenblicklich nur die bevorstehende Flucht ins Ungewisse. Gut, daß Gertrud schon fort war. Sie war nicht so kräftig wie Lisbeth und wer wußte, was ihnen noch bevorstand.

Ein Nachbar schaute herein. "Seid ihr noch da? Alois? Macht daß ihr fortkommt. Wollt ihr warten, bis der Russ' hier ist?" - "Friedel ist noch nicht zurück!" gab der Vater erregt zur Antwort. "Wird auch nicht mehr kommen", drängte der Nachbar. "Wie denn auch? Entweder hat ihn der Russ' schon oder er kommt nicht mehr durch. Jeder muß jetzt sehen, daß er fortkommt. Werdet ihn schon später wiederfinden." Damit verschwand er. Man hörte draußen noch das laute "Hüh!" und "Satansgaul!", das Quietschen der Räder und dann war es wieder ruhig im Haus. Der Vater hatte aufgehört herumzulaufen und sah Mutter und Tochter fragend an. "Wollen wir fahren? Friedel ist ein großer Junge und weiß schon, was er zu tun hat."

Die Mutter antwortete nicht. Vater wird's schon recht machen, und der Junge war wirklich selbständig. "Nein, wir warten auf Friedel!" sagte Lisbeth bestimmt. "Wir fahren nicht ohne ihn; er würde auch auf uns warten." Der Vater sah sorgenvoll nach draußen und dann auf die Uhr. "Eine halbe Stunde! Eine halbe Stunde warten wir noch - dann müssen wir los." Er ging hinaus, um das Pferd mit Stroh abzureiben und eine Decke überzulegen. "Wird schon kommen!" sagte die Mutter. "Wird schon kommen." Und die Tochter biß sich sorgenvoll auf den Zeigefinger.

Als ein Flugzeug dicht und laut über den Hof flog, zuckten alle zusammen. Der Vater hatte Mühe, das Pferd zu beruhigen und kam, als er es geschafft hatte, aufgeregt in das Haus. "Wir müssen los, wir haben keine Zeit mehr!" - "Du hast gesagt, eine halbe Stunde", schrie sie. "Er gehört zu uns, er gehört zu unserer Familie. Wir dürfen ihn nicht im Stich lassen."

"Was nützt es ihm, wenn wir hier festsitzen. Weist du, wo er jetzt ist?" erwiderte er heftig. "Du hast es gesagt! Eine halbe Stunde!" Er sah auf die Uhr. Noch eine gute Viertelstunde. Kaum konnte er die Unruhe dämpfen. Aber es stimmte. Er hatte es gesagt, und was er seiner Lisbeth gesagt hatte, das hielt er auch. Damals, als er ihr die Nähmaschine versprochen hatte und dann die Ernte nicht reichte, da ging er in die Fabrik und verdiente das Geld dazu. Und dann stimmte es auch, was sie sagte. Sein Sohn gehörte natürlich zur Familie. Er liebte sie alle, auch Gertrud. Gott sei Dank, daß sie nicht hier war. Sicher war sie schon aus Königsberg fort und in Sicherheit. Sie hatte schon vor längerer Zeit geschrieben, daß sie fort wolle. Wer weiß, ob sie diese Flucht - im kalten Januar übers Land, wer weiß wohin und wie weit und wie lange - durchgestanden hätte. Gott sei Dank, daß er sich darüber keine Gedanken machen mußte. Er lief in den Schuppen, wühlte in einer Ecke und wählte einiges an Werkzeug aus. Mag sein, daß manches noch zu brauchen war unterwegs, wenn der Wagen Schaden litt. Er stopfte es sicher unter den Sitz, aber so, daß es schnell zu erreichen war. Dann ging er wieder ins Haus und sah auf die Uhr. Noch fünf Minuten. In der Nähe schlug irgend etwas ein. Das Haus zitterte, die Scheiben klirrten. "Macht euch fertig", sagte er leise. "Aber es ist noch nicht ..." Lisbeth konnte den Satz nicht beenden. "Macht euch fertig!" unterbrach er energisch. "Wir fahren nicht früher - aber auch keine Minute später. Ich will euch gleich auf dem Wagen sitzen sehen. Du Lisbethche nimmst die Zügel. Ich gehe nebenher - zumindest die erste Zeit." Die Mutter erhob sich und trat vor das Kreuz und das Marienbild, bekreuzigte sich und nahm den Arm ihrer Tochter. Als sie sich zur Tür wandten, stand dort der russische Soldat, der ohne ein Wort zu sagen mit dem Gewehr in das Haus wies. Die Flucht war zu Ende, bevor sie begonnen hatte. "Um eine halbe Stunde zu spät!" seufzte der Vater.

*

Sie schlief jetzt. Langsam ließ ich ihre Hand los und stand auf, konnte aber noch nicht gehen. So schnell sprangen die Gedanken nicht in die Zeit zurück, wie sie fortgefunden hatten. Gesprächsfetzen, die ich als Kind aufgefangen hatte, kamen mir wieder in den Sinn. Über die vagen und unvollständigen Berichte ihrer Zeit in russischer Gefangenschaft und die Rückkehr Anfang der 50er Jahre, kaum noch lebensfähig. Über das Wiederfinden der Schwester, die Ausreise des Vaters, nachdem die Mutter in der Heimat gestorben war. Über die vergebliche Suche nach ihrem Bruder bis weit in die 60er Jahre hinein. Dann der 70. Geburtstag - groß gefeiert und ein wenig glücklich, doch noch so weit gekommen zu sein, und kurz danach der offene Ausbruch der Krankheit und das nahe Ende hier im Krankenhaus im weißen Bett.

Es hätte auch im Schnee sein können, dachte ich im Hinausgehen, vor 60 Jahren, auf der Flucht, wie es Tausende getroffen hatte, die noch rechtzeitig aufbrechen konnten, aber dann nie ankamen. War es schlecht gewesen, daß Friedel nicht gekommen war - oder war es die Rettung? Haben hier unsichtbare Bande die Familie gehalten und geschützt und gesichert, und war all die Not, die darauf folgte, nur die bessere Seite der Medaille? "Nur eine halbe Stunde!" murmelte ich im Hinausgehen und beschloß, in Zukunft die Klagen über Versäumnisse nicht mehr voreilig und zu kurzsichtig zu äußern.


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren