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08.01.05 / Das christliche Erbe verschleudert / Pfarrer Winfried Pietrek fordert die Menschen auf, sich immer wieder neu mit Gott zu versöhnen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 1 vom 08. Januar 2005

Das christliche Erbe verschleudert
Pfarrer Winfried Pietrek fordert die Menschen auf, sich immer wieder neu mit Gott zu versöhnen

Der alte Herr, den ich in dem fremden kleinen Städtchen nach dem Weg frage, versucht mich im Gespräch festzuhalten. Von seiner Soldatenzeit erzählt er, von seinen Verwundungen als Offizier. Das hat sein Leben geprägt. "Waren Sie auch Soldat?" interessiert er sich. "Kasak", antworte ich. "Welche Waffengattung ist das denn?" fragt er. "Sie kennen Esak und Kasak nicht? Esak ist die evangelische Sünden-Abwehrkanone, also Militärpfarrer. Ich war Kasak, katholische Sünden-Abwehrkanone."

Die Sympathien des Unbekannten für mich steigen. Daß er in seinem Alter militärisch noch etwas hinzulernen könnte, hätte er nicht gedacht. Er vertraut mir an, wie oft er mit knapper Not dem Tode entronnen sei. Seelsorgerisch berichtige ich ihn: "Sie meinen der Einberufung zur Großen Armee."

Er versteht. Noch entschlossener füge ich hinzu: "Der Herrgott wollte Sie noch nicht. Es fehlen täglich noch ein paar Vaterunser, wahrscheinlich ein Sündenbekenntnis, regelmäßig ein Blick in die Bibel und etwas Geduld. Deshalb hat er Ihnen hier sein kleinstes Kommando, den Kasak, über den Weg geschickt." Beim Abschied winkt der alte Herr noch lange hinter mir her.

Wir alle haben uns unserer Mitmenschen anzunehmen. Auch ihrer Seele. Aber ist das nicht aufdringlich? Ist das nicht nur Sache eines Pastors? Keineswegs! Jeder ist seines Nächsten Hüter. Wir dürfen nicht zum Wichtigsten schweigen, weil wir vielleicht eine Abfuhr erleiden und gedemütigt werden. Jeder echte Christ hat an die Hecken und Zäune zu gehen.

Erheben wir uns damit nicht über den anderen? Selbstverständlich dürfen wir nie als die Selbstgerechten, die Pharisäer, die "Abgeson-derten" daherkommen. Aber wir dürfen fragen, erzählen, helfen, vorleben.

In einer anderen fremden Stadt mache ich auf der Straße die Bekanntschaft zweier Kinder, etwa zehn Jahre alt. Während die beiden mich an mein Ziel bringen, fällt das Wort ‚Beichten'. Beide lassen es sich erklären. Plötzlich fragt das Mädchen: "Kann ich als Evangelische auch beichten?" - "Du kannst zu deinem Pastor gehen und ihm sagen, wo dich das Gewissen drückt. Er wird dann mit dir beten, und der liebe Gott schließt dich wieder voll in seine Arme. Und der Pastor darf keinem etwas weitersagen."

Das Mädchen schaut mich an: "Ich will aber Ihnen beichten!" - "Dann müssen wir deinen Bruder bitten, daß er ein paar Meter vorausgeht, damit er nicht alles mithört." - "Das macht nichts. Er weiß das alles schon." Und es fängt an, davon zu sprechen, daß es zu einer Kinderbande gehört, aber aussteigen will. Später haben wir an einer einsamen Parkbank haltgemacht. Die sakramentale Lossprechung von der Sündenschuld darf ich dem Mädchen nach der katholischen Kirchenordnung nicht geben (Johannes 20, 23). Aber das sage ich ihm nicht. Doch ich kann mit ihm beten, Reue erwecken und Sündenvergebung durch Jesus am Kreuz erbitten. Das Kind verspricht, von der Bande wegzubleiben und jeden Tag zu beten. Ich zeige meine Freude und mache dem Mädchen ein kleines Geschenk. Es ist sehr glücklich, wie jeder von uns, wenn ihm eine Last von der Seele genommen ist.

Was gibt es doch für falsche Hemmungen, seine Sünden zu bekennen: Manche halten ihre Schuld geradezu für einmalig und scheinen zu fürchten, daß der Beichtvater sie innerlich verachtet. Das Gegenteil ist der Fall. Manche schämen sich so sehr, daß sie zu stolz sind, Schuld zu bekennen. Aber wir sind alle schwach. "Bitte, fragen Sie mich", kann jeder sagen. Andere fürchten, sie würden beschimpft, während doch der Beichtvater sich mit ihnen freut, wenn sie wieder heim zu Gott finden. Wieder andere halten die ganze Prozedur für unnötig. Goethe dagegen erklärte, daß die Beichte dem protestantischen Christen nicht hätte genommen werden dürfen. Denn mit unserem Versagen haben wir alle auch unseren Mitmenschen geschadet, haben es also "öffentlich" mit gutzumachen. Denn Jesus ist der eigentliche Wiedergutmacher.

Der Liederliche, der das abgepreßte Erbe durchgebracht und verhurt hat, wird trotzdem vom Vater (Gott), der immer vor der Tür steht, erwartet. Nicht einmal der Schweinefraß war dem Verlorenen von seinem Arbeitgeber erlaubt worden. Endlich faßt der Sohn Mut zu knieen. Reumütig will er zugeben, daß er auch gegen den Himmel gesündigt, das allgemeine Elend mitverschuldet hat. Kaum sieht der Vater ihn, läuft er ihm entgegen und küßt ihn. Dann bekleidet Gott den Armseligen mit einem neuen Gewand. Und er soll nicht mehr wie ein Sklave barfuß gehen. Mit dem Siegelring bekommt er die alte Vollmacht. Ein Freudenfest wird gefeiert (Lukas 15, 11). "Im Himmel ist mehr Freude über einen Sünder, der Buße tut, als über 99 Gerechte, die meinen, der Buße nicht zu bedürfen" (Lukas 15, 7).

Herzlich lade ich uns alle - mich selbst auch - dazu ein, sich immer neu mit Gott zu versöhnen. Alle haben wir dazu beigetragen, das christliche Erbe unseres Volkes zu verschleudern. Jeder von uns hat Unterlassungen verschuldet, ist nicht genügend für Gottes Willen eingetreten. Doch wir dürfen uns immer neu von Gott heilen lassen, ohne vermessen zu werden. Eines Tages stellen wir zu unserem Erstaunen fest, daß seine beständige Liebe selbst hartnäckige Schwächen abgeschmolzen hat. Esak und Kasak sind nur seine Werkzeuge.


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