19.01.2022

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08.01.05 / Eine Festung aus Essen und Haß / Erst nach dem Tode ihres Vaters beschäftigt sich Dagmar Leopold mit seinen Beweggründen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 1 vom 08. Januar 2005

Eine Festung aus Essen und Haß
Erst nach dem Tode ihres Vaters beschäftigt sich Dagmar Leopold mit seinen Beweggründen

Nie hätte Dagmar Leupold damit gerechnet, daß sich ihr eher liberaler Vater in seiner Jugend im NS-System dermaßen engagiert und starke Karrierehoffnungen in demselben gehegt hatte. Ihre Erinnerungen an den Vater in ihrer Kindheit sind geprägt von seiner Dominanz, seinen Erzählungen vom furchtbaren Krieg, seiner Schlaflosigkeit und seinen Wutanfällen.

Eingeengt in die Gewohnheit und angepaßt an die Regeln des Vaters, genossen Dagmar Leupold und ihre zwei Schwestern sehr wenig Freiheiten in ihrer Jugend.

"Ohne Gäste, also fast immer, waren die Mahlzeiten gefährlich. Bei warmen Mahlzeiten, meist mittags, nahm sich der Vater zuerst und lud seinen Teller randvoll. Er sagte dann, er brauche eine Burg auf dem Teller, eine Festung aus Essen. Die Töchter staunten und warteten auf den Satz, der nun kommen mußte: Wer einmal gehungert hat. Die Töchter dachten oft, daß große Portionen, vielmehr das unbestreitbare Recht darauf, sicher nicht das Schlechteste an einem überstandenen Krieg waren. Krieg und Essen hingen jedenfalls zusammen, entweder ging es um den echten Krieg, der, in dem der Vater einige Finger verloren hatte und in britischer Gefangenschaft endete, oder um den anderen, den Krieg gegen den Schuldirektor, die Kollegen, gegen die Katholiken und die Christdemokraten ... Das Kind wünschte sich, daß das Telefon klingeln möge oder Zeugen Jehovas an der Tür oder Gott selbst ... dem Wüten ein Ende bereiten würde."

Als der Vater nun im Sterben liegt, muß sie noch vor seinem Tod wieder abreisen; als er beerdigt wird, kommt sie wegen einer Flugzeugpanne zu spät. Die letzte Möglichkeit, von dem gestrengen Vater Abschied zu nehmen, wird ihr so auf immer verwehrt.

Indem sie sich durch seine Tagebuchnotizen intensiv mit seiner Vergangenheit beschäftigt, versucht sie, das Ungesagte aufzuarbeiten und mit dem Vergangenem abzuschließen.

In der deutschsprachigen Enklave Bielitz geboren, die 1918 polnisch wurde, sprach ihr Vater Rudolf beide Sprachen fließend und besaß eine hohe Begabung bezüglich der Mathematik. Erst im Nachhinein begreift die Tochter, daß der Vater aufgrund eines nahezu verzweifelten Geltungsdranges erst im Nationalismus und später in der Mathematik den ersehnten Erfolg und die Anerkennung suchte, nach denen er so strebte.

"In den 50er und 60er Jahren - meiner Kindheit - waren Krücken, Armschlingen oder leer baumelnde Ärmel, hochgesteckte Hosenbeine, Glasaugen und Narben nichts besonderes. Einen Besucher - von Handgranatenbeschuß so gut wie taub - nannten wir Kinder den Schreionkel, weil er schrie, wenn er sprach - vermutlich, um sich selbst zu hören. Im Sanitätshaus in der Adolfstraße lagen Beinprothesen in der Auslage und Haken wie der von Captain Hook, nicht massivhölzerne Massageroller, Saunazubehör und Gymnastikbälle. Der fitte Körper in weiter Ferne, der beschädigte ganz nah."

Dagmar Leupolds literarische Recherche bietet nicht den alle Wunden heilenden Familienroman, sondern ist eine kluge, sehr konkrete Erkundung einer Generation und ihrer Mentalität sowie der Voraussetzungen ihres emotionalen und politischen Schicksals und Handelns.

Ein interessantes, kluges Buch von einer bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Autorin. A. Ney

Dagmar Leupold: "Nach den Kriegen - Roman eines Lebens", C.H.Beck, München 2004, geb. 223 Seiten, 17,90 Euro


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