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19.03.05 / Helles Licht in dunklen Tagen / Vor 60 Jahren erfolgte die "sicherlich größte Rückführung in der modernen Geschichte", das "Unternehmen Rettung" (Teil II)

© Preußische Allgemeine Zeitung / 19. März 2005

Helles Licht in dunklen Tagen
Vor 60 Jahren erfolgte die "sicherlich größte Rückführung in der modernen Geschichte", das "Unternehmen Rettung" (Teil II)

Als besonderes Husarenstück kann man die Rettung von 2.000 verschleppungsbedrohten Kindern bezeichnen, die aus Berlin im Rahmen der Kinderlandverschickung ins vermeintlich sichere Hinterpommern verbracht worden waren und im Großeinsatz von Seenotflugbooten aus den bereits von sowjetischen Panzern umstellten Seefliegerhorsten Nest und Kamp herausgeholt wurden.

Die Einsätze waren derart riskant, daß der Gruppenkommandeur, Flugkapitän und Hauptmann der Reserve Karl Born, als erfahrenster Seenotflieger selbst am Steuersegment eines dieser Flugboote saß. Er sagte dazu in seinem bewegenden Buch "Rettung zwischen den Fronten" aus: Offiziell war die gute Do 24 bekanntlich für 14 Schiffbrüchige zugelassen. Eine unserer Maschinen hatte jedoch nicht weniger als 17 Erwachsene und 99 Kinder an Bord!"

Auch dreimotorige Seefernaufklärung-Flugboote vom Typ BV 138 wirkten bei dieser "Kinder-Luftbrücke" mit.

Die amerikanischen Historiker Samuel E. Morison und Philipp Karl Lundeberg haben das "Unternehmen Rettung" in den letzten 125 Tagen des Zweiten Weltkrieges als "sicherlich größte Rückführung in der modernen Geschichte, voll der größten Gefahren und Schwierigkeiten" sowie als den "tatsächlich erfolgreichsten Abzug über See" bezeichnet.

Die Abtransporte über weite Seestrecken vollbrachte das Großaufgebot der am "Unternehmen Rettung" beteiligten 672 Handelsschiffe von 159 deutschen Reedereien sowie 409 Kriegsschiffen - vom Kriegsfischkutter bis zum Schweren Kreuzer.

Allein von der Halbinsel Hela wurden (bis zur letzten Stunde des Krieges) 495.810 und aus Pillau (bis zur Eroberung dieser Hafenstadt) durch die Rote Armee 441.230, über Gotenhafen (Gdingen) 406.817 und über Danzig weitere 181.310 Menschen zu den Rettungsfahrten eingeschifft.

Es haben einzelne Schiffe unglaubliche Zahlen Geretteter vorweisen können. Spitzenreiter war das 21.000 Bruttoregistertonnen (BRT) große Turbinenschiff Deutschland der Hapag, das auf sieben Fahrten 69.379 Menschen heil ans Ziel brachte. Der viermal so kleine Frachter "Eberhart Essberger" vollbrachte auf zwölf Fahrten die zweithöchste Leistung mit 66.550 in die Freiheit Gebrachten. Und es ist schlechthin unvorstellbar, daß es dem kleinen mit 1.499 BRT vermessenen kohlegefeuerten, bereits 1899 gebauten Dämpferchen "Söderhamn" gelang, auf neun Fahrten 19.350 Flüchtlinge zu transportieren! Die gar nur 887 BRT "große" "Karoline" führte auf zehn Fahrten immerhin 6.518 Menschen in die Freiheit.

Sogar auf U-Booten sind trotz strikten Verbotes, Zivilpersonen an Bord zu lassen, rund 900 Flüchtlinge aus den Einschiffungs-Brückenköpfen fortgebracht worden. Die eigentlich durchs Kriegsgericht zu ahndende Befehlverweigerung war durch den absoluten Notstand gerechtfertigt.

Und noch eins sollten wir wissen: Es sind auf den Fluchtreisen viele Dutzend Kinder geboren worden, die in diesem Jahr ihren 60. Geburtstag feiern werden. Allein auf den Verwundetentransporten der "Ubena", der in sieben Fahrten 27.170 Verwundete und Flüchtlinge transportierte, sind mindestens 20 Kinder zur Welt gekommen. Der als Standesbeamte zuständige Kapitän trug den Schiffsnamen als Zweit-Vornamen in die Geburtsurkunde ein.

Jedes der beteiligten Schiffe hat ganze Tatsachenromane erlebt. So mutet auch das Durchkommen des knapp 14.000 BRT großen Lazarettschiffs "Monte Rosa" wie ein Wunder an. Nach zwei erfolgreichen Abtransporten von 7.000 Verwundeten und Flüchtlingen aus Pillau erlitt das Schiff beim erneuten Ansteuern der Danziger Bucht Minentreffer im Achterschiff. Die Maschinen wurden schwer beschädigt und teilweise überflutet. Man brachte den Havaristen zwar im Schlepp nach Gotenhafen ein, aber bei Räumung dieser Stadt am 28. März 1945 war die Wiederherstellung des Schiffes noch nicht geglückt. Es nahm dennoch 5.600 Verwundete und Flüchtlinge an Bord, mußte jedoch vom (selbst mit Flüchtlingen belegten) Marine-Eisbrecher "Eisvogel" mit nur vier Knoten Geschwindigkeit nach Kopenhagen "gezottelt" werden, das man tatsächlich erreichte.

Sogar schwerfällige Schleppkähne, Schwimmkräne und Schwimmdocks sind beim großen Ostsee-Exodus in den Westen gelangt. So wurde beispielsweise eins der beiden im Herbst 1944 zunächst nach Pillau verlegten Schwimmdocks der Memeler Lindenau-Werft unter grotesker Schwierigkeit schließlich mit dichtgeschraubten Sektionsschiebern, festgeschweißten Kammrädern und verzurrten Auslegern mit einer Besatzung von sechs Matrosen eines in Pillau zerbombten Dampfes sowie vier Memeler und Königsberger Werftfachleuten an den Trossen von drei Seeschleppern und im Geleitschutz von einem Torpedoboot und vier zu Hilfskriegsschiffen umgerüsteten Fischereifahrzeugen auf die Reise gen Westen geschickt. Eines der Begleitfahrzeuge erhielt den Torpedovolltreffer eines russischen U-Bootes und ging mit der gesamten Besatzung unter. Das Dock aber erreichte glücklich den Westen. Es wurde später zur Keimzelle und ersten Existenzgrundlage der in Kiel-Friedrichsort aufgebauten, im Spezialschiffbau höchst erfolgreichen Lindenau-Werft. Das Dock ist heute noch immer im Betrieb! Es zählt zu den über tausend positiven Beispielen für die bedeutende Rolle der als "Revanchisten" verleumdeten Heimatvertriebenen beim Gelingen des viel beneideten "Wirtschaftswunders".

Wichtigster Anlaufplatz zur Abgabe der angelandeten Verwundeten und Flüchtlinge an Lazarett- und Transportzüge war Swinemünde. Über diesen Hafen waren schon bis zum 17. April 1945 mehr als 579.000 Menschen auf die Bahn "umgeschlagen" worden.

Wenn aus Anlaß der 60. Wiederkehr der "Flucht über See" das Kreuzfahrtschiff "Columbus" im Rahmen einer Dank- und Wiedersehensreise nach dem von mir gestalteten Fahrplan in der Zeit 22. Juli bis 3. August dieses Jahres alle bedeutenden damaligen Rettungs-Brückenköpfe von Ost- und Westpreußen, Hinterpommern und Vorpommern sowie die letzte damalige Zuflucht Kopenhagen anläuft, dann soll diese Reise in der Sommerblüte des Friedens noch einmal rückerinnern - in Dankbarkeit von uns Zeitzeugen, die damals mit Hilfe der Rettungsaktion davongekommen sind. Der Dank gilt dem gesamten seefahrenden Personal aller damals beteiligten Schiffe und Boote. Er gilt nicht nur deutschen, sondern auch ausländischen Seeleuten, die infolge horrenden Personalmangels in der deutschen Handelsflotte offiziell angemustert waren. Sie stammten aus Frankreich, Holland, Norwegen, Kroatien und Italien. Sie wußten, welche Gefahren die Rettungsfahrten mit sich brachten. Aber sie waren als Seeleute gewohnt, Menschen in Todesnot zu helfen. Es sind keine Desertionen von Ausländern bekannt geworden, obwohl sie im Getümmel der von Flüchtlingen übervölkerten Einschiffungshäfen leicht möglich gewesen wären.

Man mag das Blatt kritisch drehen und wenden, so oft man will: die Flucht über See in den letzten 125 Tagen des Krieges war ein helles Licht in dunklen Tagen - absolut des Erinnerns wert.

 

Geburtsort "Ubena": Allein auf den sieben Verwundeten- und Flüchtlingstransporten der "Ubena" erblickten mindestens 20 Kinder das Licht der Welt. Der als Standesbeamte zuständige Kapitän trug den Schiffsnamen als Zweit-Vornamen in die Geburtsurkunden der kleinen Kriegskinder ein. Foto: Archiv


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