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19.03.05 / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

© Preußische Allgemeine Zeitung / 19. März 2005

Parallel-Universen / Ein Forscher hat entdeckt: Es gibt Gegenwelten, in den alles anders ist - das erklärt einiges
Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

Der Spiegel hat diese Woche mit einer umwerfenden Geschichte aufgemacht. Es geht um Zeitreisen und "Parallel-Universen". Ein deutscher Physiker meint, es gebe neben unserem Universum noch zahllose weitere, in denen alles ganz anders gekommen sei. So wäre es auch vorstellbar, daß in einem parallelen Universum Saddam Hussein und Laura Bush glücklich miteinander verheiratet sind oder die Dinosaurier überlebt und sich zu hochintelligenten Wesen weiterentwickelt haben. Also könnte es auch Welten geben, wo man bei Rot über die Ampel gehen muß und wo Gewerkschaften Arbeitnehmerinteressen vertreten. Phantastisch, nicht? Und das Beste: Die Möglichkeit eines Überwechselns ist - zumindest theoretisch - nicht ausgeschlossen, sagt der Wissenschaftler.

Die Amis finden so etwas unterhaltsam, haben bekanntlich sogar schon eine TV-Serie darüber gemacht, wo ein Häufchen Menschen durch allerlei Paralleluniversen wandert. Für uns Deutsche birgt die Forscher-Entdeckung viel mehr als Unterhaltung, nämlich den Beweis für einen Verdacht, den wir seit langem hegen und auf den wir an dieser Stelle auch schon einmal zu sprechen kamen. "Das kann doch alles nicht wahr sein!" ist längst zu unserem heimlichen Morgengruß geworden. Nun haben wir's: Es ist wahr, nur daß Wahrheit in diesem Universum eben nichts mit dem zu tun hat, was wir aus der "richtigen Welt" kennen, aus der wir irgendwann hier herübergerutscht sein müssen.

In der richtigen Welt sorgt beispielsweise der weltberühmte deutsche Staatsapparat mit unnachahmlicher Effizienz und Sachkenntnis für eine Ordnung, deretwegen alles wie geschmiert läuft. Aus allen Ländern kommen sie, um zu studieren, wie die Preußen das nur machen. In unserer Parallelwelt schafft der deutsche Staat bei allem, was er anfängt, nur noch mehr Chaos und das Ausland wendet sich mit Grausen ab. In der wahren Welt gibt es eine Europäische Union, in der die wirtschaftlich blühenden Länder ohne Staatsdefizit denen unter die Arme greifen, die in Schwierigkeiten stecken. In unserem grotesken Gegenuniversum zahlt das Mitgliedsland mit dem höchsten Defizit am meisten - und zwar an die, welche die prächtigsten Überschüsse aufweisen.

Im richtigen Leben baut der Staat mit den sichersten Atomanlagen seine Kerntechnik emsig aus, um sie in alle Welt zu exportieren, damit der Planet sicherer wird. In der Gegenwelt verschrottet Deutschland seine Reaktoren und jenes Land, dem ein Meiler aus eigener Fertigung vor knapp 20 Jahren um die Ohren geflogen ist, liefert Nuklearanlagen in den Iran. In der gewohnten Wirklichkeit hilft der Staat der Wirtschaft durch Erleichterungen und weniger Vorschriften, wenn sie einmal strauchelt. Bei uns gibt's noch ein Antidiskriminierungsgesetz und eine Ökosteuer obendrauf. In jenem Normaluniversum feiern Politik und Elite eines Landes seine Triumphe und Helden der Vergangenheit, denen sie Denkmäler bauen, auf das sich das Volk die eigenen Heroen zum Vorbild nehme und erkenne, was alles Positives in ihm steckt - damit es Mut schöpft und selbstbewußt mit seinen Aufgaben fertig wird. In der Antiwirklichkeit wurde sogar der Westfälische Frieden, jene diplomatische Schlachtbank, auf der Deutschland vor dreieinhalb Jahrhunderten zerhackt wurde, jüngst als "Meilenstein der Geschichte" gefeiert und das größte Monument im Land wird das seiner größten Schande sein, auf daß das Volk erkenne, welcher Abgrund in ihm steckt - damit es an sich selbst verzweifelt und sich mutlos in sein Schicksal fügt.

In der US-Serie gab es dieses Tor, das in gewissen Abständen vorbeikam und durch welches die Verirrten aus dem mißlichen Paralleluniversum entfliehen konnten. Auch der kluge Physiker aus der Spiegel-Geschichte hält es, wie erwähnt, nicht für ausgeschlossen, daß man vielleicht überwechseln kann. Also sollen wir hoffen, daß der Forscher das Tor irgendwann findet? Klingt verlockend, allerdings dürfte uns auf der anderen Seite angekommen die nächste Ernüchterung erwarten. Natürlich werden wir erzählen wollen, was wir hier an absurden Erscheinungen gesehen haben. Nur: Wer wird uns das glauben? Spätestens wenn wir ein Foto von Wolfgang Thierse aus der Tasche ziehen und behaupten: "Der Zausel hier ist bei uns Parlamentspräsident", sind wir der Spott an jedem Tresen. Gutmeinende werden uns raten, nicht soviele US-Serien zu gucken. Zumal die meisten gar nicht an Paralleluniversen glauben, wie der Physiker im Spiegel beklagt. Also würden wir mit unserer Räuberpistole wohl in einer Reihe mit Ufologen und Erich-von-Däniken-Anhängern abgehakt.

Na ja, bis der Forscher mit seinen Ermittlungen über den möglichen Wechsel von einem zum anderen Universum fertig ist, müssen wir ohnehin hierbleiben. Und da gibt es ja angeblich doch Hoffnung: Diese Woche sind der Kanzler und die Oppositionsführer zusammengekommen, um zu erkunden, wie Deutschland wieder auf die Beine kommt. Indes: Der Erfahrung nach muß, wer kopfsteht, erst umfallen, bevor er wieder auf die Füße kommt. Die Deutschen haben reichlich Erfahrung und waren sich daher in ihrer großen Mehrheit schon vor dem Spitzentreffen ziemlich sicher, daß nichts Entscheidendes herauskommt. Leider waren der Kanzler und die wahrscheinliche Kanzlerkandidatin bei Redaktionsschluß mit ihrem Lauertreffen noch nicht fertig, weshalb auch wir hier nur mutmaßen können.

Doch es gibt Anhaltspunkte: der besagte Physiker hat versichert, daß in allen Paralleluniversen die selben Naturgesetze gelten. Das schafft Sicherheit, die Dinge werden vorhersehbar. Vor einem Jahr versprach der Wirtschaftsminister, daß durch die Zusammenlegung mehrerer aufgeblähter, in Selbstbeschäftigung erstarrter Apparate ein flinkes Werkzeug zur rasanten Arbeitsvermittlung geschaffen werde. Er mußte scheitern, denn er hat die Rechnung ohne die ehernen Naturgesetze gemacht: wenn Elefanten sich schwängern, ist noch nie eine Gazelle aus dem Uterus gesprungen. Vor genau einem Jahr an genau dieser Stelle haben wir daher ein herrliches Kompetenzchaos durch Hartz IV vorhergesehen, das bis in die damals beschriebenen Einzelheiten hinein auch eingetreten ist (siehe Wochenrückblick vom 13. März 2004). Also doch erst umfallen? Wenn da bloß nicht der harte Aufprall wäre, könnte man sich sogar drauf freuen. Eiern tun wir schließlich schon ganz schön kräftig.

 

Zeichnung: Götz Wiedenroth


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